Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1926
- Issue
- 1/2 (Januar/Februar 1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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2 Zudenfrage, nicht Zudenlums-Zrage. Von Mar Naumann,, Tiefer Aufiatz erschien zuerst in der Zeitschrift „Der deutsche Gedanke" (Herausgeber Paul Rahrbach) im Rahmen einer die Judenfrage von verschiedenes Seiten beleuchtenden A, tikelserie. Ent- *■ sprechend dem Zweck des Aufsatzes, der in erster Linie für nichljiidische und über unsere Bestrebungen bisher unzureichend unterrichtete Leser, geschrieben ist, mußte der Artikel manches enthalten, was unseren Mitgliedern zmd ständigen Lesern nicht neü ist. Wir hoffen, daß ' der Aussatz trotzdem als zusammenkassende Darstellung der gegenwärtigen Lage Jnteieffe findet. Die Schriftleitung. Wenn, heute unter deutschen Juden der älteren Generation von „jüdischen Dingen" die Rede ist, hört matt regelmäßig bewegliche Klagen darüber, daß jetzt allerorten mit Selbstverständlichkeit von einer Judenfrage gesprochen werde, die es doch in Wirklichkeit gar nicht gebe und deren Bestehen in der Vorkriegszeit von keinem vernünftigen Menschen anerkannt worden sei. Die guten deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, die mit so gedankenlosen Redensarten ihre eigene Lebensfrage abluit, sind ein wenig vergeßlich. Es ist ihrem Gedächtnis ganz entschwunden, daß zu den noch nicht allzuweit zurückliegenden Zeiten Stöckers und seiner Epigonen sehr, nachdrücklich von der Judenfrage gesprochen wurde und daß die Horm, in der damals die Frage erörtert wurde, fast so unerquicklich war. wie heule. Und es wird auch' vergessen, daß der politische Zionismus, der iin letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts sein organisatorisches Werk begann, als bewußter und gewollter Versuch zur Lösung eben dieser Judenfrage in die Erscheinung trat. Für diese Tatsache 'muß jeder Jude von -10 und mehr Jahren bei einigem Nachdenken in der eigenen Erinnerung Beweismaterial finden. Schon diese Erkenntnis sollte die Lobrcdncr der guten alten Zeit darüber belehren, daß der sogenannte Antisemitismus, -der ihnen heute das Leben sauer macht, nicht so ausschließlich neueste Zeiterscheinung sein kanst, wie sie — klagend und tröstend zugleich — sich gegenteilig erzählen, Immerhin steckt in dem oberfiächlichen Gerede ein Körnchen Wahrheit. Bis tief in die Kriegszeit hinein erlchicn es der weitaus überwiegenden Mehrheit aller deutschen Staatsbürger, Mchtjuden wie Juden, ganz unzweifelhaft, daß die llnzutraglichkeiten, die aus dem Zusammenleben des jüdischen Bcvölkerungsteils mit einer andersstämmigen Umwelt erwuchsen, durch lleberwindung der gegenseitigen Fremdheit,.durch kulturelle Verschmelzung beider Bevölkerungsgruppen beseitigt werden inützien und könnten. Und ebenso selbstverständlich erschien cs, daß bei dieser Verschmelzung der nichtjüdische Bevölkerungsteil das ergebnisbestimmende llebergewicht behalten ivürde, daß nur die Juden. — schon damals ein verschwindend kleiner Bnichteil des Bcvölkerungsganzen —, sich der überwältigenden Mehrheit ihrer nichrjüdischen Mitbürger, nicht diese Mitbürger ihnen, „assimilieren" könnten, und daß es die vaterländische - Pflicht und die eigene Zukunftsaussicht der Juden sein niüßte, hurch Abstreifung gewisser, aus der Ghettozeit bewahrter, durch Zuzug aus dem Lsten zeitweise aufgefrischter Eigenschaften das lknbehagen der nichtjüdischen Umwelt in möglichst kurzer Zeit zum Verschwinden zu bringen. Auch die „Antisemiten" der Vorkriegszeit waren nur zum allergeringsten Teile Rasse- Antisemiten im heutigen Sinne. Tie Mehrheit derer, die sich damals gegen die Juden wandten, formulierte ihre Vorwürfe — wie etwa T r e i t s ch k e — gerade dahin, daß es den Juden selbst am guten Willen fehlte. Volldeutsche zu werden, — was natürlich voraussetzte, daß die restlose Eindeutschung oer Juden auch diesen Judenfeinden an sich möglich und sogar wünschenswert erschien. Nicht anders stand es auf dem damals äußersten Flügel der Juden. Theodor Herzk,-der Schöpfer des votilischen Zionismus, bezeichnete als Ziel seiner Bestrebungen die Schaffung einer öffentlicht-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina „für die Juden, die sich nicht assimilieren können". Auch hier war also die sogenannte Assimilation als möglich und 'elbst vom jüdischnationalen Standpunkte als nicht veriverflich zu Grunde gelegt. Es ist somit ein Unsinn und zwar ein gefährlicher Unsinn, wenn heute geredet wird, man habe die Jugenfrage als solche noch vor einer Reihe von Jahren überhaupt nicht gekannt. Man hat sie vor 50 Jahren in Deutschland so gut gekannt, wie vor LGXt und mehr Jahren in Rom, Alexandria, Ephesos und überall dort, wo eine nennenswerte jüdische Diaspora-Gemeinde in nichtjüdischer Umwelt bestand. Daß man die Frage nicht immer als .Rassenfrage", sondern zeitweise als Religionsfrage aufzejaßk hat. ändert nichts an der Tatsache, daß die Frage selbst als solche empfunden wurde und von Zeit zu Zeit immer wieder zu Lösungsversuchen in einer stets für die Juden sehr unangenehmen Form führte. Aber richtig ist, daß innerhalb des deutschen Volkes — wie übrigens auch innerhalb anderer Völker — bezüglich der Möglichkeiten, die Frage zu lösen, gerade in der letzten Zeit eine völlige Umwertung aller Werte erfolgt ist. Denn heute ist ein großer Teil derer, die sich überhaupt ernsthaft mit« dein Problem beschäftigen und nicht im Nachbeten seichter Schlagworte ihr Genügen finden, fest davon überzeugt, daß die Judenfrage als solche in der Wesensart der Juden begründet und deshalb überhaupt nicht restlos lösbar sei, daß es sich also nur darum handeln könne, einen mnckus vivendi zwischen den Juden und ihrer nichtjüdischen Umwelt zu schaffen. Auf diesem Standpunkte stehen, soweit der nichtjüdische Bevölkerungsteil in Frage kommt, nicht nur die sogenannten Teutschvölkischen. sondenr mit ihnen sehr Viele, die in politischer Hinsicht mit den Herren umReventlow und Wulle nicht das geringste gemein haben, bis tief in die Reihen der Linksparteien einschließlich der Kommunisten hinein. Aus dem gleichen Standpunkte stehen aber auch nicht wenige Juden, und zwar wiederum nicht nur die verhältnismäßig wenigen Anhänger des konsequenten Zionismus, sondern mit ihnen viele andere, die sich selbst nicht als Zionisten betrachten, an Auswanderung nicht denken, sich volksmäßig zu den Deutschen zählen, aber bezüglich der praktischen Betätigung ihres Deutschtums so viele Vorbehalte machen, daß ihr Gesamtverhalten, ihnen selbst unbewußt, hart an bewußtes Volksjudentum grenzt. Wohl verstanden: ich bin iveit entfernt, die hier wiedergegebenen Anschauungen als objektiv richtig oder auch nur subjektiv endgültig anzuerkennen. Es mag für den Augenblick unerörtert bleiben, inwieweit Faktoren vorübergehender Natur, wie Verärgerung. Enttäuschung und Maffensuggestion, dazu beigetragen haben, die jetzt vorwiegende Stimmung herauszubilden. Hier kommt es nur auf die Feststellung an. daß zurzeit bei sehr vielen Nichtjuden und immerhin nicht wenigen Juden die Neigung.vorherrscht, den früher als einzig gangbar betrachteten Weg der volksmäßigen Verschmelzung zu verlassen und das Heil in der Trennung zu suchen. , Daß diese Trennung keine gewaltsame und nicht einmal eine räumliche sein kann, bezweifelt heute in Deutschland kein , leidlich vernünftiger Mensch. Daran ändern auch die demagogischen Phrasen gewiffer politischer Führer nichts und ebensowenig der Beiiall, der solchen Führern in überhitzten Versammlungen zuteil wird, «elbst grobe Ausschreitungen, wie sie hier und dort vorgekommen sind und vereinzelt auch in Zukunft Vorkommen mögen, können die Erkenntnis nicht beeinträchtigen. daß heute auch die tvildesten Judenfeinde es nicht mehr für möglich halten, durch Maffenpogrom oder Maflenausweisung die Judenfrage zu lösen. Andererseits glaubt auch der wirklichkeitsfremdeste Zionist nicht ernstlich daran, daß eines Tages sämtliche Juden der Welt oder auch nur die 500 (XX) Juden Deutschlands ihre Heimstätte in dem winzigen Palästina finden könnten. Ter weitaus größte Teil der heute in Deutschland lebenden Juden muß und wird in Deutschland verbleiben. Tie Frage ist: wie soll sich in- Zukunft das Zusammenleben dieser Juden mit der gewaltigen lleberzahl nichtjüdischer Deutscher gestalten? Für diese Gestaltung gibt es natürlich die verschiedensten Theorien. Tie konsequenten Judenfeinde wünschen die Juden, natürlich alle Juden, unter Fremdenrecht zu stellen. In manchen zionistischen Kreisen spielt man mit dem Gedanken, den Juden die Segnungen der Rechte einer „nationalen Minderheit" zuteil werden zu lasten, was praktisch vom Fremdenrecht nicht allzu verschieden wäre. In anderen jüdischen Kreisen meint man. die Juden sollten und müßten vollberechtigte deutsche Staatsbürger bleiben, gesellschaftlich aber unter immer stärkerer Herausarbeitung ihrer „kulturellen Eigenart" neben ihren nichtjüdischen Mitbürgern her oder richtiger an ihnen vorbei leben. Daß diese letztere sogenannte Lösung nicht einmal eine Zwischenlösung ist, sondern nur eine Verewigung des Konstikts unter ständiger Vermehrung deö Konfliktstoffes, darf schon hier festgestellt werden, ohne daß dem Endergebnis unserer Erörterungen vorgegriffen wird. Trotzdem findet dieser Gedanke nicht nur in den Kreisen der jüdischen „Zwischenschicht" und den angrenzenden — sich teilweise zu Unrecht „zionistisch" nennenden — Gruppen Anklaug, sondern auch bei ruhebedürftigen Nichtjuden, die gewöhnt sind, sich mit wohlgerundeten Redewendungen über höchst eckige Realitäten hinwegzutäuschen. — Neben diesen Zukunftsvor-