Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1925
- Issue
- Nr. 12 (Dezember 1925)
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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10 doch gerne denen die Hand reichen, die. wenn auch anders geartet, so doch spürbar lauteren Willens sind.' Jüdische Zeitung für Qftdeutschland (Zionistisch» 18. 12. 25. Nach Schluß der Redaktion geht uns die bezeichnet« Nummer zu, in der ein heftiger Angriff gegen uasrr Breslauer Hauptvorstandsmitglied Or. Rudolf Cohn enthalten ist. Wir kommen auf diese Angelegenheit in der Januar-Nummer unseres Mitteilungsblattes zurück Abgeschlossen 20. 12. 25. VerbrncisnacKricKten. 1. Berlin. Ter Vortragsabend, der am 10. Dezember dieses Jahres im „Rheingpld" stattfand, war weniger gut besucht, als die vorhergehenden Veranstaltungen. Möglicherweise mag das an -diesem Tage besonders ungünstige Wetter manchen, der sich sonst eingefunden hätte, abgeschreckt haben. Vielleicht schien dem einen. oder anderen auch das Vortragsthema zu trocken. Wer dieser letzteren Ansicht war. hat sich selbst um einen großen Genuß gebracht. Schon die Persönlichkeit des Hauptredners, unseres Mitgliedes Universitätsprofessor Dr. Mar Herrmann.- bürgte dafür, das; auchaus dem sprödesten Material Funken geschlagen werden würden. Und in der Tat: was der Vortragende aus dem Thema „Der deutsche Gelehrte" herauszuholen wußte. dürft: jedem unvergeßlich bleiben, der diesen Abend miterlebt hat. Wir hoffen, das; unser verehrtes Mitglied Herr Professor I»r; Herrma nm später unserem Wunsche entsprechen wird, durch ' ausführliche Niederschrift seines Vortrages das, was er uns zu sagen hatte, auch weiteren Kreisen zugänglich zu machen. Für heute müssen wir uns' mit dem „Ä u t o r - R e f e r a t" begnügen, das uns Herr Professor vr. Hcrrmann zur Verfügung gestellt hat und das wir' im folgenden wiedergeben: Der Vortragende begann, mit eintr Erörterung der fast unüberwindlichen Widerstände, die das gestellte Thema jeder erschöpfendem-Erörterung entgegensetze. Er engte sich deshalb den Stoff ein: zunächst zog er nur die größten Gestalten des Kesehrtentums in Betracht und verzichtete schoo damit daraujs. das Weien des deutschen Gelehrten aus der Gegenwart abtzulesen, einmal wegen der Schwierigkeit, sich über die Grütze lebender Gelehrten zu einigen, ferner auch, weil seit dem wiArelminischgn Zeitalter gewisse Veränderungen am Bilde des deutschen Gelehrten unverkennbar seien. Wie nach der Gegenwart müsse dann auch nach der Vergangenheit zu das Material begrenzt werden: die Zeit vor dem 18. Jahrhundert könne fast außer Betracht bleiben — wie schon der deutsche Sprachgebrauch im Gegensatz etwa zum französischen zeige, erkenne der Deutsch: den Gelehrten allein im Forschers, nicht im Wissenden, und dieser forschende Gelehrte eristiere erst seit dem 18. Jahrhundert. Der mittelalterliche trete — gebunden durch das kirchlich-sHolastisch begrenzte Wissensshstem — nicht aus dem Zusammenhänge der religiös gebundenen Philosophie, den Humanisten binde — trotz des Triebes zu den Quellen und einzelner groizer Ausnahmen der mathematisch-naturwissenschaftlichen Disziplinen im Prinzip die „imitativ" des Altertums, und das 17. Jahrhundert sei das Jahrhundert der Polyhistorie, die in gewissem Sinne die Negierung , der erkenntnissuchenden Forschung, darstelle. Mit dieser I Einengung aber sei zugleich der Weg gewiesen,, das Wesen des deutschen Gelehrten zu erfassen: der geschichtliche. Wie in der besonderen geschichtlichen Stunde seiner Entstehung das Wesen des deutschen Forschers bedingt gewesen sei. io sei eben sein Tyous geworden. Und diese Besonderheit . »ei die enge Gebundenheit an die Begründer der deutschen D i ch t u n g s kultur und damit an das schöpferische .Prinzip. Von daher sei dem Gelehrten ein Anteil am * dichterischen Wesen eigen - überall da, wo er das Größte leiste. Wie Lessing das neue -Erkenntnissuchen mit seinem dramatisch-dichterischen Temperament geübt für die ihm wichtigsten Lebensgebiete: Altertum. Religion. Kunst, Dichtung. besonders das Drama.' wie Herders Intuition die! Kultur- und Geistesgeschichte im modernen Sinne geschaffen,! Goethes Intuition Forschungsergebnisse der neuen Natur-! Wissenschaft voräusgenommen Hab:, die di« sorgsamste Einzelbeobachitung bestätigte, wie in der Romantik die Geisteswmemchgften aller Art von dichterischen Menschen den An-! stoß bcLamen — ehe am Ende der Romantik die Berufs-! gelehrsamkeit des 19. Jahrhunderts entstand —, so sei eben j für bie Iganje llrsprungszeit diese Personalunion von Dichter und Forscher kennzeichnend, und selbst große Ausnahmen! wie Wtickelmann und Wolf hätten Bindung mit Künstlern und Dichtern bewußt gesucht und von ihnen empfangen. Für das deutsche Gelehrtentum bliebe nun in den höchsten! Vertretern charakteristisch der stark schöpferische Einschlag: i die Vorausschau des geistigen Bildes, nicht die blöke Einzel- 1 akribie. Diese trete vielmehr bei jenen Größten auf. in > > der — nur eben spezifisch wissenschaftlich, als Kontrolle an Tatsachen charakterisierten — Form des Realismus, gleichfalls Erbe und Grundzug deutschen Dichtertums, des Realismus. der das 19. Jahrhundert sogar zu ausschließlich beherrsche, um rein dichterische Söchstschöpfungen zuzulassen. Divinatorisch haben Winckelmann wie Mommsen aüs nur I dürftigem Material herausgeschaut, was dann spätere Tatsachenkenntnis anderer oder ihre eigene im Alter aus bereichertem Stoffe bestätigten. Auch in der Auswahl des Materials walte bei den Größten dieser ahnende Künstlerblick. Ranke riecht dem Aktenstück an. ob es Wert habe für den Aufbau seines wissenschaftlichen Erkenntnisbildes: künstlerisch lebendig war Mommsens Arbeitsweise: er sah seine Gestalte, er zürnte mit ihnen nach Dichterart im Moment des Arbeitens. Auch jener Zug. den Boisseree an Jakob Grimm bewunderte, die „Andacht zum Unbedeutenden" ist Lebensliebe wie die des realistischen Dichters, Entdeckung des bisher Mißachteten, das doch Welt ist, das „bedeutend" ist. Zu heimlichem Dichten neigen viele der größten Gelehrten, ihr Prosastil ist künstlerisches Deutsch. Wie die deutschen D l ch - t e r sprachlich immer neu anheben müssen, so auch die deutschen Gelehrten, denen der feste Wissenschaftsstil der Romanen fehlt. Im unbewußten Ahnen der Forscher, wieviel die Eingebung in der Forschung bedeutet, wurzele die bescheidene Abneigung, sich „Forscher" zu nennen, wie ja auch der echte Dichter sich „Dichter" zu nennen meidet I Die Intuition sei zuweilen das einzig Bleibende an einer ' wissenschaftlichen Leistung: die Nibelungenforschung z. B. hat mit Lachmanns Liedertheorie gebrochen, die Ahnung aber der schichtenweisen Entstehung des Nibelungenliedes war der bis heute wirksame und unüberholbare Anstoß zu all den neuen Forschungen, die die seine „aufheben". — Ein zweites wichtiges Moment, das den Typus des deutschen Gelehrten schuf, war die Umwandlung der Gelehrtenstätte, der Universität, im 18. Jahrhundert. Bis dahin Stätte der Ausbildung von Fachgelehrten wird sie neu dui^ch die neue Bedeutung, die mit der Einführung des Abiturienteneramens die philosophische Fakultät empfing. Diese war einst propädeutisch: jetzt wird alle Propädeutik- Aufgabe der Schule, die philosophische Fakultät. in der vor allen das Doktoreramen abschließende Bedeutung hat. erzieht nicht nur Fachmänner, sie ist die eigentliche^Stätte der Ausbildung zum Forschen, der Grundlage aller Durchbildung des erkenntnissuchenden Gelehrten. Jeder soll einmal — das bedeutet die Doktor- Prüfung — wirklich Forscher gewesen sein, ehe er in den Fachberuf tritt, aber auch die Fähigkeit erworben haben. Lehrer zu sein. Die Lehttätigkeit aber, die doch das Leben des Universitätsgelehrten ist, bindet wiederum den Forscher ans Leben durch den Kontatt mit den Schülern in fast künstlerischem Sinn: im Dialog entzündet sich zwischen Lehrenden und Lernenden die Erkenntnis. — Aus diesen Grundelementen leitete nun der Vottragende die gefühlsmäßig allgemein bekannten Züge des deutschen Gelehrten her: von der Weltfremdheit bis zum Aristokratismus und zum stark nationalen Willen: Niederschläge früherer geschichtlicher Prozesse im 16. und 17. Jahrhundert sprechen sich in seiner Körperlichkeit und einer gewissen Neigung zur Polnhistorie aus. Endlich deutete der Vortragende noch hin auf eine mögliche Umwandlung des Typus durch die gegenwärtige Neigung, das Forschertum wieder der Philo- ' sophie einzugliedern. — Zum Schluß erörtert? er das Verhältnis des jüdischen Gelehrten deutscher Sprache zu jenem Typus, wieder mit ausdrücklichem Ausschluß der Gegenwart. Wenn bis zum Ende des 19. Jahrhunderts das Judentum zwar Gelehtte von ansehnlichem Range, aber keine allerersten Geister beigesteuert habe, so liege das einmal an der viel späteren Befreiung von religiös-scholastischer Vormundschaft, ferner an dem langen j Ausschluß des Juden von der Fülle der Welt, die für den Künstlergelehrtentypus Vorbedingung sei, endlich an der infamen antisemitischen Wegdrängung des Juden von der Universität, der Stätte lebendigsten Forschens. soweit er nicht bereit gewesen sei, eine die volle Menschlichkeit des großen Gelehrten' ausschließende Charakterschwäche zu zeigen: im Konoertitentum aus äußeren Gründen. Quantität und Qualität der Leistung würden zweifellos steigen, wenn der leidenschaftliche Anschluß des Jude» an die deutsche Kultur sich ganz durchsetze, wenn wir nicht mehr deutsche Juden sind, sondern nur noch jüdische Deutsch«. Reicher Beifall lohnte die in vollendeter sprachlicher Form und mit jugendlichem Temperament vorgetragenen Ausführungen. — Von einer Diskussion über den Inhalt des Vortrages selbst wurde abgesehen. Statt dessen fand eine Aussprache über Tagesfragen statt. — Im Januar wird ein Vortragsabend stattfinden, an dem das Thema „Die Juden als Soldaten" eröttert werden soll. Das Referat hat unser Mitglied Herr Sani-