Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1925
- Issue
- Nr. 12 (Dezember 1925)
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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ziehung ruhig etwamehr für Danzig tun könnte. Der Osten ist zwar von jeher in dieser Beziehung stiefmütterlich^behandelt worden! Auch schon zur Zeit der äußeren Zusammengehörig, keit waren in West- und Süddeutschland Anschauungen über den deutschen Osten verbreitet, die mitunter geradezu grotesk waren und vielleicht dazu beigetragen haben, manchem Deutschen den Verlust dieser Gebietsteile■ als allenfalls verschmerzlich erscheinen zu kaffen. Diese merkwürdigen Anschauungen erstrecken sich sogar aus Klima, Landschaft usw. Es soll in Deutschland Leute geben, die ernstlich der Ansicht sind, in unseren Wäldern liefen — sozusagen — Bären und Wölfe rudelweise herum und der Pelz sei hier ein auch im Sommer nicht zu entbehrendes Kleidungsstück. Um so größer ist die Ueberraschung für den in diesen Anschauungen Befangenen, der selbst einmal Gelegenheit nimmt. Land und Leute hier kennen zu lernen. Er stellt mit Verwunderung und Freude fest, ivie schön unser deutscher Osten, besonders aber Danzig und seine Umgebung ist. Hoffentlich tragen auch diese Zeilen dazu bei. den einen oder anderen Reichsdeutschen zu einer Sommerreise nach Danzig zu veranlaffen. So kann jeder für seine Person an der Aufrechterhaltung der inneren Beziehungen zwischen Danzig und dem Deutschen Reiche Mitarbeiten. Leider sind die wirtschaftlichen Verhältnifle Danzigs infolge der Wirtschaftskrise Polens. deSnatürlichen Hinterlandes deS Danziger Staates, die denkbar schlechtesten. Gegenwärtig kann man von einem Höhepunkt der Krise in Danzig sprechen; wie und wann die Ueberwindung dieser Krise erfolgen soll, ist noch nicht abzusehen. Und typisch deutsch sind die Versuche der verschiedenen Danziger Bevölkerungsgruppen, sich gegenseitig die „Schuld" an diesen Verhältniffen zuzuschieben. Leider haben wir neben der deutschen Kultur auch den deutschen Parteihader beibehalten, der an Schärfe nichts zu wünschen übrig läßt und nur in außenpolitischen Fragen, aber selbst dort nicht immer, einer deutschen Einheitsfront Platz macht. Auch in der I u d^e n f r a g e bieten die Danziger Verhältniffe ein getreues Spiegelbild der Verhältnisse des Deutschen 'Reiches Die Zahl der Juden hat sich seit Kriegsende infolge der nahen Verbindung mit Polen bedeutend vermehrt, wenn auch ein Teil der Zugewanderten nach der Stabilisierung die ungastlich gewordene Stätte wieder verlassen hat. Daß die Ostjuden nicht gerade zur Hebung des jüdischen Ansehens beigetragen haben, braucht in dielen Blättern nicht bewiesen zu werden. Allmählich beginnen die alteingesessenen Juden einzusehen, daß die große Mehrzahl der östlichen Glaubens- und StammeSgenoffen nicht so sehr „die unentbehrlichen Mittler, des östlichen Wirtschaftslebens" sind, wie von einer Danziger Wochenzeitung in einer Polemik gegen unseren Verband gesagt wurde, sondern daß sie ein im großen und ganzen zersetzendes und demoralisierendes Element darstellen, das in wohlverstandenem Jfitereffe aller Bevölkerungskreise von Danzig ferngehalten werden muß. Der überwiegcnde Teil derDeutsch-Danzi'gerJuden hält treu andem alten Vaterland fest. GS muß jedoch bemerkt werden, daß in gewiffen Kreisen — wie übrigens auch in entsprechenden nichtjüdischen Gruppen — her Versuch gemacht wird, sich und andere nach ausschließlich Danziger Gesichtspunkten zu orientieren und sich von Deutschland im allgemeinen loszusagen. Bezeichnend war in dieser Hinsicht eine Versammlung des Centralvereins Danziger (l) Staatsbürger jüdischen Glaubens, in welcher der Referent die Tatsache bedauerte, daß sämtliche deut.- schen Danziger Zeitungen sich mit den deutschon Verhältnissen in demselben Maße besch ästig ten, als wenn Danzig noch zu Deutschland gehörte. Die Aufgabe unseres Danziger Verbandes nationaldeutscher Juden ist es, hier den Kampf für daS Deutschtum innerhalb der deutschen Juden Danziger Staatsbürgerschaft aufzunehmen. ES gibt nun einmal zwar eine Danziger Staatsangehörigkeit, aber kein Danziger, sondern nur ein deutsches Volkstum. Daß unser Kampf hier kein leichter sein wird, wifien wir trotz der kurzen Zeit, die seit unserem ersten Schritt in die Oeffenllichteit vergangen ist. schon sehr genau. Seit Begründung unseres hiesigen Verbandes haben uns unsere jüdischen und nichtjüdischen Gegner mit Verleumdungen und Fälschungen bedacht, ja uns mit ganzen Unratkübeln überschüttet. „Romantische Gestalten" und „koschere Schweine", daSfind die Pole, zwischen denen sich unsere Kritiker bewegen. Wir werden UNS durch derartige Schimpfereien nicht von unserem Wege abbringen laffen, und man wird un« hören müffen, selbst wenn man uns nickt hören will. Wir wiffen, daß wir für eine gute Sache kämpfen. Wir wollen den Kampf so führtn, wie es daS Wort Treitschke's uns vorschreibt. Nicht siegen oder sterben wollen wir; sondern siegen schlechtweg. Für unseren Kampf «ber können wir uns keine bessere Losüng wünschen, als den Sssappenspruch unserer Heimat: |- Nec t i m id e , nec teiuere! Weder furchtsam, noch unbesonnen! Jüditdyc Katakomben in Rom. Von Leppold Sander (Düsseldorf. Etwa zwei Kilometer, südlich der imposanten Torburg der kort» Appia scheute meist Porta San Scbastiano genannt), gelangt man auf der berühmten Appischen Straße,!«r „Regpna Viarum" der alten Römer, zu den Katakomben des heiligen Calixtus, und nach einem weiteren halben Kilom >ter zu den bei der alten Kirche „ad Oatacumbas" belegenen Pebastianus- Katakomben. Während wohl kaum ein Romreisender sich bekannten Sehenswürdigkeiten entgehen läßt, sind diese weltbie zwischen diesen beidenBegräbnisplätzen, an der gegenüberliegenden Straßenseite befindlichen jüdischen Katakomben sehr wenig bekannt und werden dementsprechend nur hier inb da von einem einsamen Touristen einmal besucht, der irgendwie von ihrer Existenz etwas vernommen hat. Und doch ve dienen auch sie — schon wegen ihres Alters, sie sind nämlich lilter als die christlichen Katakomben, denen sie alS Vorbild gedient haben — unser Interesse in hohem Maße. Ganz abgesehen von der unterirdischen Anlage sind sie überhaupt grundverschieden von allem, was man bisher gewöhnt war. sich unter einem jüdischen Friedhof oorzustellen, so daß ein Besuch dieser uralten und ehrwürdigen Grabstätten sich — zumal für einen jüdischen Besucher — zu einem nicht eben alltäglichen Erlebnis gestaltet. Vor allem, findet sich hier auch nicht die Spur einer Inschrift in hebräischer Sprache, sie sind alle entweder griechisch oder lateinisch, und zwat zum überwiegenden Teil griechisch und zu einem kleineren D il lateinisch verfaßt. Dann sucht man hier vergeblich irgent welche „jüdischen", d. h. alttestamentlichen Namen, — sie find ebenso unauffindbar wie der sechseckige Stern David's, der'ji tzt nirgendwo fehlt, wo ein jüdisches Symbol dargestellt fanden soll. Bibelsprüche habe ich auch keine gefunden. Und trotzd m sind diese jüdischen Gräber, die kein Hehräisch kennen, 1000 Jahre älter als die ältesten, hebräisch besteinten des ganzen AiendlpndeS! Es ist äußerst reizvoll, diesem anscheinenden Widerspruch: je alter, desto weniger hebräisch — nachzugehen. Ma i stößt dann auf die intereffante Tatsache, daß die Hebraisierui >g des jüdischen KultuS eine Reaktions- oder, wenn man wi I, eine Renaissance-Bewegung innerhalb des frühmittelaltei lich-abendländischen Judentums gewesen ist, die zur Zeit derl Cäsaren, auS der die Katakomben stammen, noch nicht eingesetzt hatte, sondern erst Jahrhunderte später ganz allmählich zur Herrschaft gelangte. Man erinnert sich dabei, daß Philo von lllexandrien (erstes nachchristliches Jahrhundert) berichtet, wie i r gelegentlich einer Romreise zu Kaiser Caligula fand, daß dir römischen Juden nicht nur in ihrer — griechischen — Muttei spräche beteten, sondern daß sogar die Vorlesung aus dem Pentateuch l in griechischer Sprache erfolgte, wobei man sich o fenbar' der * Septuaginta bediente. Wann diese außer Gebrauch gekommen und die ursprachige Bibel eingeführt worden ist, lc ßt sich mit absoluter Sicherheit nicht mehr feststellen, denn a rch in der . jüdisch-römischen Geschichte klafft — genau wie in der übrigen — zwischen dem Untergang des weströmischen Reiches und etwa dem achten Jahrhundert eine große Lücke. Nur spar iche Ueberlieferungen geben notdürftig Aufschluß, die aber nic >t genügen, um sich von den bedeutenden, in dieser Zeit erf ilgten Umwandlungen ein genaues Bild zu machen. Erst so viel wiffen wir wieder, daß im zehnten Jahrhundert in Rom hebräische. — oder, was damit gleichbedeutend ist, talmudische — Gelehrsamkeit gepflegt wurde, die inzwischen neu dahir verpflanzt worden war, und zwar höchst wahiffcheinlich durch GlaubenSgenoffen auS Mesopotamien, die vielleicht durch die Na< -Wirkungen der Verfolgungen des mit Feuer und Schwert sich au ibreitenden jungen Islam auS ihren bisherigen Wohnsitzen vertrieben worden sein mögen. Im zehnten Jahrhundert scheint die