Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1925
- Issue
- Nr. 11 (November 1925)
- Date
- 1925-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 weil sie dm materiellen Wohlstand, 'an' den nun einmal tausende von ideellm Gutem gebunden und. in Atome zerschlagen. — deshalb und nur deshalb müffen wir ne auf Leben und Tod bekämpfen, gleichviel wie hoch oder niedrig wir ihre moralischen Qualitäten einichäyen. Noch ein anderer Punkt ericheint mir bedenklich. Einige — nicht alle — Autoren des Buches treiben einen gewisien Mißbrauch mit dem Sorte revolutionär. Alles, was revolutionär in, scheint ihnen verabscheuungswürdig. Es ifl dies um so sonderbarer, als »tc sich häusig ihres historischen Urteils rühmen. Aber bringt denn nicht jeder Fonichritt der Menschheit eine Umwälzung, eine Revolution mit sich, rührt nicht der gleiche Weg von den unblutigen Revolutionen der Technik, die sicherlich mehr Unschuldige zum Erliegeu gebracht haben, als die grausamsten Bürgerkriege, in gerader Linie zu den politischen Barrikadenkämpfen, in denen sich die Ideen mit Gewehrkugeln gegenseitig den Garaus macken? Pirchow sprach einmal von den »guten Revolutionären". Ich fürckte. wir werden diesen Begrin noch lange nicht entbehren können, falls wir nicht auf jeden Fortschritt verzichten wollen. Oder glauben die rusfischen Autoren etwa, daß die englische Revolution unter Cromwell. die große französische Revolution (die ebenfalls zu Progromen religiöser Natur geführt hat, nur daß diele sich gegen' Protestanten richteten) und der amerikanische Bürgerkrieg, der die Sklaverei beseitigte. — um nur einige große Revolutionen durch Scklaawone anzudeuten — der Welt zum Unsegen gereicht baden? Dieser Abscheu vor allem Revolutionären fiihtt zu einer Verklarung' alles Gegenrevolutionüren und damit zu einer bedenklich milden und logisch nicht einwandfreien Beurteilung der scheußlichen Judenverfolgungen, deren sich gewine Abteilungen der .Weißen Armee" schuldig gemacht haben. Gewiß, auch der Bolschewismus hat Pogrome veranstaltet: gegen Kapitalisten, Grundbesitzer, Offiziere, — die nicht minder grauenhaft waren als die der weißen Armee, und denen vielleicht der größere Hundertteil jüdischen Lebens und Wohl-, üandes zum Opfer gefallen ist. Aber er tat es aus dem Bewußtsein der Klassengegensätze, die immerhin eines Ausgleichs mbig sind, nicht aber, mieil seine Opfer einer bestimmten Raffe angebörren, ein Tatbestand, der vom Willen und der sozialen Geüaltung der Welt unabhängig ist und somit bei gleichbleibender Gesinnung Mllionen unschuldiger Menschen für alle Zeiten vogelrrei macht. Das soll keine Entschuldigung für die Mordtaten der Bol'chewinen bedeuten, gewiß nicht, aber ich gestehe, daß ick die Judenmetzeleien der weißen Armee unmenschlicher sinde. weil sie von keiner Idee, sondern lediglich von Pöbelin'nnkten eingegeben waren. Uehrigens teilen offenbar einige der russischen Auroren meine Meinung, wie denn überhaupt all meine Einwendungen sich gegen den Gesamteindruck, nicht gegen Einzelheiten des Buches richten, das in seinen einzelnen Teilen je nach der politischen Einstellung der Berfaffer differiert, derart, daß es sicherlich leicht wäre, mich zu widerlegen, wenn nian aus den verschiedenen Darlegungen herausgegriffene Sätze den meinen gegenüberstellte. Ich habe der Kritik einen so unverhältnismäßig großen Spielraum gegönnt, aus dem in der Einleitung hervorgehobenen, gleichsam innervolitischen Grunde. Uul so freier darf ich mich nun dem zuwenden, worin wirt diese russischen Juden als. Gesinnungsgenossen begrüßen. — Genau so, wie der Verband! nationaldeutscher Juden asti f sein Banner geschrieben hat: .Erft deutsch, dann jüdisch!"! genau so rufen — nein, schreien es diese russischen Juden in die Welt: ''»Erft russisch, dann jüdisch!" Und sie sind sich bewußt, daß sie es trotz aller Kränkungen von jüdischer und nicht jüdischer Seite hinausschreien müssen, bis man ihre Stimmen hört. Auch sie schilt man reaktionär wie uns. weil sie den Bolschewismus bekämpfen, obwohl er der russischen Judenheit scheinbar vorteile gebracht hat, — ein Vorwurf übrigens, der für jeden aufmerksamen Leser des Buches schon dadurch hinfällig wird, daß die Berfaffer der einzelnen Aufsätze offensichtlich den verschieden st en"Parteiirichtungen angehören. Der Verband vaterländischer russischer Juden ift sich ferner darüber klar, daß er die Wälle des Vorurteils erst durchbrechen mutz, ehe man seine treurusfisch« Gesinnung anerkennt. Und so wird er nicht müde zu predigen, daß die Beweislast.vaterländischer Gesinnung, so kränkend dies auch empfunden werden mag. den russischen Juden obliegt. Tretet ein in di« weiße Armee, ruft er ihnen zu; nur wenn ihr für Rußlands Freiheit kämpft, wird man euch einmal — und mögen auch schw«ste Leidensjahre darüber hingehen — alS gleichberechtigt, Volksgenoffen anerkennen. Und genau wie wir unS gegen den Vorwurf wehren müssen, für eine bestimmte politische Parteirichtung zu kämpfen, genau so tut eS der Verband russischer Juden. Nur die Freiheit Rußlands und seine Zukunft sei eS. die er erstrebe, gleichviel, ob er sein Ziel unter einem Zaren oder einem republikanischen Präsidenten erreiche. Diese glühende Liebe zum .heiligen Rußland" bestimmt auch das Verhältnis des Verbandes zum Zionismus, dessen objektive innere Unwahrhastigkeit und Unrealifierbarkeit er erkennt. .Der Zionismus schasst die Juden nicht weg, wohl aber entfremdet er sie dem Staate, in dem chre Ahnen lebten." Gerade der durch den Krieg in seinen Grundfesten erschütterte Staat könne keinen jüdischen Nationalismus ertragen, da er das ganze Denken seiner Bürger, chre ganze Mühe brauche, nicht aber Leute, »die wie die Zionisten zwischen einem Staate stehen, der bereits aufgehört hat zu existieren (Rußland) und einem noch nicht existierenden Staate". Wem fiele bei diesen Sätzen nicht Naumanns Wort vom hundertprozentigen Deutschtum ein! , — In geistvoller Weise wird der übertriebene Autonomismus, das unaufhörlich« Pochen auf die Rechte der Minderheiten gegeißelt — Rechte, die nun einmal chre natürliche Grenze dort fänden, wo die Staatsnotwendigkeiten beginnen. Auch wir haben es ja immer und immer wieder hervorgehoben. daß Rechtsansprüche der Minderheit, mögen sie menschlich noch so einwandfrei sein, mit denen der Mehrheit niemals in leinen unauflöslichen Widerspruch geraten dürfen, wenn nicht d.ie Einheit höherer Ordnung, das Vaterland. darunter leiden solle, und duß es Pflicht der Minderheit sei, sich im Falle eines solchen Konfliktes der Mehrheit anzugleick en. ES ist unwahr. > zu behaupten, daß dies gleichbedeutend sei mit der Preisgäbe völkischer und individueller Eigenart. Ohne gegenseitige Anpassung ist nun einmal weder Staat noch Gesellschaft denkbar, und es sind durchaus asoziale Naturen, die chre Individualität nur durch einen ständigen Kampf mit ihrer Umgebung retten zu können glauben. Daß der vaterländische Verband russischer Juden den Antisemitismus verurteilt, ist selbstverständlich. Aber auch er gibt zu, daß die Juden nicht ganz schuldlos an seiner Ausbreitung und Heftigkeit find. Wie viele Juden spielten nicht eine führende Rolle im Bolschewismus! Und alle diese bolschewistischen Führer hätten — nach der Behauptung der russischen Autoren — chre Verwandtschaft und Bekanntschaft in Posten und Pöstchen hinemgeschoben. Sei es da ein Wunder, wenn die Russen schließlich glaubten, der Kampf gegen den Bolschewismus sei identisch mit dem Kampf gegen daS Judentum? Aber nicht dieser Umstand allein trage die Schuld an der ungeheuren Steigerung des Antisemitismus. Die russischen Juden im Ausland, die gleichen, die vor den Bolschewisten geflohen und von diesen geächtet seien, beobachteten eist indolentes Schweigen lediglich, weil die Sowjetregierung den Juden eine formale Gleichheit vor dem Gesetz zugestanden Hab«, und machten sich dadurch gleichsam einer passiven Unterstüyung des Bolschewismus verdächtig. Obwohl sie wüßten, daß nur die Herstellung eines geordneten Staatswesens imstande sei, Rußland vor endgültigem Zerfall zu retten, rührten sie keinen Finger, nur deshalb, weil di« Sowjettegierung grundsätzlich judenfteundlich, die Weißen aber antisemitisch seien. Sie ordneten also ihre vaterländischen Interessen denen einer vermeintlichen jüdischen Solidarität unter und verrieten damit zugleich ihre eigenen jüdischen Interessen. Denn nur wenn wieder Gesetz und Recht in Rußland herrsche, könne auch die russische Judenhett hoffen, den durch die Revolutton unterbrochenen Kampf um ihre Emanzipation zu einem siegreichen Ende zu führen. Es fehtt mir an Material, um alle diese Behauptungen nachzuprüfen, wohl aber ist es möglich, über die grundsätzliche Einstellung des vaterländischen LerbandeS russische r Juden zu den Fragen, die auch unseren Verband beschäftigen, ein Urteil zu fällen. Wer den Kampf dieser Männer begreift, wer die wahrhaft erschütternden Erlebnisse, die einzelne von ihnen im Heere der Weißen gehabt haben, auf sich wirken läßt, der wird ihnen seine Bewunderung nicht versagen können. Es ist ein unbeschreiblicher Optimismus. der sie trotz nüchterner Einschätzung der Birllichkeft inmitten unsagbarer Ovalen aufrecht erhält. «S ist eine wahrhaft glühende Vaterlandsliebe, d« sie in solcher Lage vor Verzweiflung