Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1925
- Issue
- Nr. 10 (Oktober 1925)
- Date
- 1925-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Irrationale,! an, wie es unS dann in der Bewegung der Frei» heitSkriege entgegentritt. Schon mit der französischen Revolution hatte diese Bewegung eingesetzt; sie hatte zuerst den Begriff bei Volkskrieges an die Stelle der bis dahin' allein üblichen KabinettSkricge gesetzt. Der Pendelschlag der Zeit hat sich heute wieder zur Ueberbetonung des Unterbewußten gewendet. Das Irrationale ist im heutigen politischen Leben maßgebend. Seine äußersten Pole, die sich in gewiffer Weise berühren, wie alle Gegensätze, sind die Dcutschvölkischen und die Kommunisten. Die völkische Strömung ist beim Deutschen mit einer gewiffen Naturnotwendigkeit insoweit judenfeindlich, als sie in dem Juden — unter anderen — den Träger eines ihr entgegensetzten Prinzipes erblickt. Aber auch das Judentum selbst hat der gleichen'Strömung seinen Tribut zu zahlen, und dämm sind wir heute an einem Wendepunkte, der Judenfrage. Der Rationalismus des Judentums scheint überwunden zu sein. Die zionistische Bewegung entspricht genau der deutschvölkischen. Und auch die Bewegung der nationaldeutschen Juden entspringt derselben Quelle; auch sie ist eine völkische Bewegung. Die Zionisten versuchen sich aus der Mischstellung, welche bisher die meisten Juden einnahmen, in ein rein jüdisches Volkstum'zu flüchten, das sie sich zum guten Teil erst künstlich schaffen müssen. Die nationaldeutschen Juden hingegen erstreben ein deutsches Volkstum jüdischen Glaubens, das wohl in breiten Schichten latent vorhanden sein mag. das aber auch noch der Erweckung zum vollen Leben harrt. Beiden Richtungen ist gemeinsam, daß sie ganz auf die geistige Strömung der Gegenwart eingestellt sind. Aber die Richtung der Ströme muß auch ihre Wirkjmg bestimmen. Die zionistische Strömung ist mindestens latent deutschfeindlich. Die Aeußemngen. die aus dieser Bewegung kommen, mögen hier und da von Deutschvölkischen anerkannt werden, aber in letzter Linie verproviantieren sie stets von neuem den Antisemitismus mit dem nötigen .Beweismaterial". Die Einstellung der nationaldeutschen Juden ist dagegen die einzige, die der j u d e n f e i n d l i ch e n Richtung der Zeit wirksam begegnen kann. Sie muß die Kraft dieser judenfeindlichen Strömung schwächen in dem Maße, in dem es ihr gelingt, den seelischen Gegensatz zwischen Juden und Deutschen, von dem oben die Rede war, zu überwinden. Der Jude muß seelisch ein Deutscher werden. Einen anderen Weg, den Antisemitismus nicht nur in AeutzerUchkeiten, sondern im tiefstem Grunde zu beseitigen, gibt es nicht. _ Das deutfche Wesen. Von Lehrer Adolf G e r s o n. Das deutsche Wesen, das ist der deutsche Staat, und der Geist, der im deutschen Volke wohnt. Nicht gehören zum deutschen Wesen die vergänglichen Leiber; ich rpöchte den sehen, dem deutscher Geist aus seinem Blute quillt und der ihn nicht erworben allein aus dem Leben in seiner deutschen Umwelt. Aber nicht überall erzieht die deutsche Umwelt gleich kräftig zum deutschen Wesen, und insbesondere unsere jüdische Jugend steht nicht immer so in der deutschen Umwelt, daß sie nur Augen und Ohren aufzureißen braucht, um deutschen Geist in sich einzieh^t zu laffen. Unsere jüdische Jugend braucht Wegweiser zum deutschen Wesen. Jugend, suchst du das deutsche Wesen, so suche es zu allererst im Werke Luthers. Luther ist der Schöpfer des Schrifthochdeutschen, in welchem das deutsche Volk heute spricht und denkt. Erst als das Schrifthochdeutsch Luthers in allen deutschen Stämmen die dort herrschenden Mundarten zurückgedrängt hatte, konnte der deutsche Geist einheitlich wachsen, konnte das deutsche Volk im deutschen Staat eine Einheit werden. Luther hat den Grundsatz der evangelischen Freiheit aufgestellt, nach welchem jeder einzelne das Recht und die Pflicht hat, die Wahrheit über Gott und Welt selbst zu suchen. Kein Priester und kein Lehrer soll das Recht haben, seine Meinung andoren aufzuhalsen und ihn zum Glauben zu zwingen. Luther hat, um das Recht der freien Meinung zu erkämpfen, sein Leben aufs Spiel gesetzt und den Bann des Papstes getragen. Die Stämme Norddeutschlands aber haben, entfacht vom Kampf für die evangelische Freiheit, sich vom römischen Reich losgelöst und vom GlavbenSzwang freie Staaten gebildet, aus denen später daö Deutsche Reich erwuchs. Man stoße sich nicht daran, daß in der evangelischen Kirche später eine neue Rechtgläubigkeit und auch ein Glauben heischender Priesterstand erwuchs. Gegen Hirse bildete von vornherein das Gegengewicht die von Luther inS Leben gerufene allge- .meine Volksschule. Die Lehrer wollten sich nicht auf daS Einüben des Katechismus beschränken und nur Dogmen vermitteln, sie wollten vielmehr dit Kinder zum Denken erziehen. Menschen, die zum Denken erzogen werden, lehnen den Glaubenszwang ab. Jugend, suchst du das deutsche Wesen, so betrachte auch das Werk Friedrichs des Großen. Er gründete den Staat, aus dem später das Deutsche Reich erwuchs, auf den Grundsatz der religiösen Duldung und aus den der Meinungsfreiheit. Sein Staat war der Hort der Meinungsfreiheit und der freien Religionsübung. Friedrich machte die Volksschule, die schon sein Vater eifrjg gefördert hatte, zu einer Einrichtung des Staates. . Suchst du, Jugend, das deutsche Wesen, so suche es weiter im Werke KantS. Wenn die Wahrheilsuchenden auS allen Lagern miteinander um die ewige Wahrheit ringen, immer ist die Lehre Kants die Grundlage, auf der sich die Streitenden einigen und versöhnen können. Die Lehre Kants ist die höchste geistige Einheit im deutschen Wesen. Suche das deutsche Wesen auch in den Werken Goethes und Schillers, Beeth o v cji 8 und .Wagners; sie haven den deutschen Geist mächtig beflügelt und Liebe zur Wahrheit gepredigt. 1 Suchst du daS deutsche Wesen, das auf geistige Freiheit gebaut ist, so wisie, daß noch heute in allen drei Konfessionen,-iu der jüdischen wie in den beiden christlichen, Geistliche und Priester den ° Anspruch erheben, im Alleinbesitz der Wahrheit zu sein sind den Laien ihre Auffaffung von Gott und Welt aufzwingen zu l dürfen. Die Mächte der Finsternis, die Luther in den Bann taten, die Spinoza ächteten und Kant die Lehrtätigkeit über religiöse Dinge untersagten, sind noch nicht tot. Ihr e me st e s Opfer ist die Schule. Der Entwurf des Reichsschulgesetzes. deN das Reichswinisterium des Innern verfaßt hat, sieht drei verschiedene Schularten vor: die Bekenntnisschule, die Weltanschauungsschule und die weltliche Schule. "In jeder Schule wird anders unterrichtet, nicht nur von Gott, sondern auch von weltlichen Dingen, nämlich -so. wie die Erziehungsberechtigten — bei Bekenntnisschulen in deren Vertretung die Kirchen — dies verlangen, Nicht mehr darf der Lehrer nach bestem Wiffen und Gewiffen objektiv unterrichten, nicht mehr dürfen, die staatlichen Schulaufsichtsbeamten. MäNner von tiefer Bildung, die etwa fehlgehende Lehre des Lehrers berichtigen, vielmehr bestimmen Gevatter Schneider und Handschuhmacher, was gelehrt werden > soll. Nicht nur in der Bekenntnisschule soll die Wahrheit vergewaltigt werden, sondern, was meist ühersahen wird, auch in der Welta n s ch au u n g ss ch ull e und in der weltlichen Schule. Die Freiheit der Meinung über weltliche Dinge, die der Lehrer heute an allen Schulen Deutschlands besitzt, soll er in Zukunft an keiner Schule mehr haben. Das Wertvolle am Unterricht der Schulen war. bisher, daß die Jugend über denselben Gegenstand Meinungen aller Art Hörle. Verschiedene Lehrer gaben verschiedene Meinung kund, und andere Meinungen, als sie die Ellern äußerten. Die Kinder waren daher genötigt, die Ansichten zu vergleichen und selbst denkend zu prüfen. Sie lernten schon früh, Die bedingt alle Ansichten von Gott und Welt sind und wie leicht Menschen irren. Das soll nun nicht mehr sein. Um jedes Kind floll i eine hohe Mauer gezogen werden, über die hinweg kein Ruf von außerhalb gelangt- -U n d der L e h t e r s-a l l n hch t mehr irren dürfest, er's oll nicht m-echr sangen dürfen, daß er sich irren kann, er darf nicht mehr widerrufen, wenn er zu einer besseren Erkenntnis fortschreitct. Der Lehrer muß ein Fertiger, sein, und diej Kinder bekommen die Wahrheit so fertig, daß ein Suchen nach der Wahrheit si.ch erübrigt. Wird der Entwurf Gesetz, so v e r f ä l l t das deutsche Wesen, an dem Luther. Friedrich. Kant und alle die deutschen Denker gewirkt -haben. Wo keine Duldung fremder Meinungen, keine Freiheit der Lehre ist, da verdununt der Geist, und wo der Geist verdummt, erlischt die Staatsgesinnung und endet der Staat. Wer d a S deutsche Wesen, liebt, helfe die Gefahr bannen, die ihm droht. -—i-