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Der nationaldeutsche Jude · 1925-10-01 · Nr. 10 (Oktober 1925) · p. Seite 2

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1925
Issue
Nr. 10 (Oktober 1925)
Date
1925-10-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Stimmen vom anderen Ufer. Der Antisemitismus als volkspsyckologifcke Ersckeinung. Von R e i chs wirtschaftSl Siehe die Aufsätze in Rr. 7 8 und 9 de» Mitteilungsblatte«. Die Schristleitung. Der heutige Antisemitismus findet, wie ich in meinem letzten Aufsatz dargelegt habe, zu einem guten Teile seine Erklärung darin, daß von beiden Seiten dtz Folgerungen aus der Emanzipation der Juden noch nicht restlos gezogen werden. Dies ist an fich kein Wunder. Eine Entwicklung von länger als einem Jahrtausend läßt sich nicht in einem Jahrhundert rückgängig machen. Unter diesem Gesichtspunkt find der Antisemitismus einerseits und andererseits auch die jüdischen Strömungen, die ein irp llständiges völkisches Aufgehen der Juden in den Wirtsvöltern ablehnen, zeitlich bedingte Erscheinungen, man kann sagen: Kinderkrankheiten^ die sich im Laufe der Zeit von selbst geben werden. Solange freilich bei einem großen Teil der Juden der Grundsatz der jüdischen Gemeinbür g'schaft noch in einem anderen, als in einem lediglich charitativen Sinne aufgefaßt wird, ist der Gegensatz zum deutschen Volke auch äußerlich nicht aus der Welt zu schaffen. Immerhin ist anzunehmen, daß auch in dieser Hinsicht die Zeit nicht ohne Wirkung bleiben wird.. Für eine Beschleunigung des Ablaufs dieser Entwicklung müffen diejenigen Menschen sorgen, die das Problem erfaßt'haben, denn Uebergangserschxinungen sind stets unsympathisch. Neben diesen mehr äußeren Gründen des Antisemitismus besteht aber nych ein tieferer psychischer Grund. Er liegt darin, daß die tiefste seelische Einstellung bei der Mehrzahl der Juden und bei der Mehrzahl der Deutschen von alters her wesentliche Unterschiede aufwies. Daß solche Unterschiede auch heute noch bestehen müffen, erscheint eigentlich selbstverständlich, wenn man die geschichtliche Entwicklung betrachtet. Tie geistige Einstellung jedes MeuscheiT fistA-'chaher auch die jedes Volkes bewegt sich zwischen zwei Polen, d?ß»-Poh» des Unterbewußten und dem des wachen Bewußtseins. Es handelt sich hier um dasselbe, was man — ungenau — auch als Betonung des Gefühls und Betonung des Verstandes bezeichnet. Durch dieie Bezeichnung wird .aber der Gegensatz nicht erschöpft. Bei den nach Harmonie auch auf dem Gebiete des Seelenlebens strebenden »riechen wurde die Forderung der Ausgeglichenheit beider Pole betont. Das glänzendste Beispiel für das denkbar größte Maß der Verwirklichung, dieser Harmonie dürfte Platon sein. Bei ihm kam das, was sich der Erforschung durch sinnliche Wahrnehmung entzieht, genau so zu seinem Recht, wie das, was durch Beobachtung und logischen Schluß ermittelt werden kann. Tie Juden des Altertums kannten dies Streben nach Harmonie nicht. Bei keinem Volke ist die Bedeutung des Unterbewußten so betont, wie bei den Juden in ihrer Prophetie. Von Anfang an können wir aber auch die Gegenströmung der rationalen Richtung beobachten. Das Neue Testament geißelt ihre finqjßlligste Verkörperung in dem, was es über vie Hohenvriester und Schriftgelehrten berichtet. Die jüdische Prophetie war nicht so sehr eine religiöse, sie war fast noch mehr eine völkische Richtung. Das irrationale Moment im Juden war damals nicht so sehr die Gesetzestreue, wie das eminent völkisch abgestimnite Vertrauen zu seinem Gott. Die Prophetie verlor ihren Boden, als das jüdische Volk endgültig seine territoriale Grundlage verlor. Die dem Irrationalen zugewandte Seite mußte gerade infolge ihrer Eigenart verkümmern, als ihr diese Grundbedingung entzogen wurde. Es kam hinzu, daß die Macht der äußeren Verhältniffe den Juden zu immer stärkerer Entwicklung d4r Strafte' des wachen Bewußtseins zwang. M der Religion trat eine Ueberbetonung der rein rationalen Wsetzlichkeit ein. Die seelische Einstellung der .Hauptvölker des heutigen Europa ist keine emheitliche. Bei dem Deutschen, noch mehr freilich bei dem Ruffen hat von jeher die Macht des Unterbewußten überwogen. Die Franzosen und Italiener sind in viel stärkerem Maße ratippal veranlagt. Eine gewisse Sonderstellung zwischen den beiden Grrchpen nehmen die Spanier und die Engländer ein, die letztetim infolge ihrer Blutmischung und des religiös an fich judenfreuffdlichen Puritanismus, die elfteren infolge ihrer jahrhundertelanWMWi^enskämpfe. Der Gegensätz zwischen der deutschen und de^^anischen Einstellung der erichtsrat Dr. 3 o er ge 8. Seele zeigt sich am klarsten in der Kunst. Die deutsche Kunst der Renaiffance läßt den Menschen in der irrationalen Landschaft geradezu versinken. Man denke an beliebige Bildet? von Altdorfer oder an „Johannes auf PatmoS* von Geertgen van St. Jans. In ftanzösischen oder italienischen Bildern dieser Zeit besitzt die Landschaft überhaupt keinen selbständigen Wert. Der überwiegend rational gerichtete Geist des Franzosen und des Italieners ist dem Durchschnitt des jüdischen Geistes wenig entgegengesetzt, jedenfalls sehr viel weniger, als die-Grundstimmung des deutschen oder gar des russischen GeisteS. Schon hieraus erklärt es sich, daß der Antisemitismus bei diesen Völkern stets eine sehr viel geringere Bedeutung beseffen hat, als bei den Deutschen und Ruffen. Die allgemeine seelische Einstellung der Völker unterliegt nun gewiffen Schwankungen zwischen dem irrationalen und dem rationalen Pol. Diese Schwankungen beschränken fich keines- Wegs auf ein einzelnes Volk, sondern sie umfaffen regelmäßig einen ganzen Kulturkreis. Die Perioden der Ueberbetonung deS Unterbewußten find naturgemäß stets völkisch und daher durchweg besonders judenfeindlich orientiert. . Betrachten wir unter diesem Gesichtspuntt kurz den Lauf der deutschen Geschichte. Die Zeit, die sich an die Völkerwanderung anschloß^ war , in erster Linie damit beschäftigt, das germanische Gebiet wirtschaftlich und kulturell zu erschließen. Sie verkörpert fich im Orden der Cisterzienser. Diese Zeit brauchte den Juden als Handelsmann. Der Jude wurde damals nicht als lästiger Fremdrassiger empfunden. Er besaß sogar das Recht zun» Erwerb von Grundbesitz. Ein gewiffer Ansatz zu einer anderen Entwi^MG-tzoiatefich schon unter Karl dem Großen. Den MMWMl nach oeirl8>l>Mimkriegen für bestimmte Bezirke an- . geordneten Zwangstaufei^Mwimi auch die Juden unterworfen. Und langsam bahnte sich ein HeWvvtzeten des religiösen Gegensatzes an. Zwei Jahrhunderte foätetgfflpto geistige Führung im kirchlichen Leben auf daS Kloster CluiWWber. Aus ihm ging Gregor VII. hervor. Es bereitete fich dieHtti stärksten auf das Unterbewußte abgestellte Zeit der Deutscheres gotische Mittelalter vor. Sein charakteristisches Merkmal iWhie gegenseitige Befehdung der beiden irrationalsten Gewalten. WMe die Geschichte vielleicht je gesehen hat. Im Papsttum und KaisMum bekämpfte sich der Gedanke der geistigen und der weltlWßm Universalität. In diesem Kampfe mußte das Papsttum^get^ weil eine wirkliche Universalität nun doch einmal nur auT geistigem Gebiete bestehen kann. Die indirette Folge deS päpstlichen Sieges war freilich wieder die deutsche Reformation, i In den Kreuzzügen verbünden sich zunächst die beiden | Prinzipien der Universalität. Nur so läßt sich die Uebersteigerung des Irrationalen erklären, die am schärfsten im sogenannten Kinderkreuzzug zum Ausdruck kommt. ES ist allgemein bekannt, daß das Mittelalter in Deutschländ die Zeit schärfster Juden- 1 feindschaft war. Den seelischen Zusammenhang zwischen den hochragenden Domen und den Judenverfolgungen beleuchtet sehr gut die Tatsache, daß die Mittel zum Bau deS Straßburger Münsters teilweise aus den Geldern stoffen, die man den Straßburger Juden abgenommen hatte. Die deutschen Bürger der Stadt schämten sich vielfach, ihren Raubanteil an dem Ergebnis der Judenverfolgungen zu behalten, und wandten chn auf priesterliches Anraten dem Münsterbau zu. Im Zeitalter der Renaiffance und des Humanismus wendet sich langsam die geistige Einstellung. Man strebt in der Kunst nach der Wiedergabe der natürlichen Schönheit des menschlichen Körpers, und in der Wissenschaft hat man es satt, alles durch die Brille des heiligen Thomas von Aquino zu sehen. Diese Zeit 'beginnt damit, daß Reuchlin sich mit den Rabbinern anfteundet und dadurch die Grundlage zur Erforschung der orientalischen Sprachen legt. Die letzte große Auswirkung dieser Aenderung der Geistesrichtung ist die Emanzipation der Juden durch die Hardenbergische Gesetzgebung. | Aber jeder Höhepunkt ist der Anfang eines Niedergangs. Die Hardenbergische Gesetzgebung emanzipierte die Juden, um sie sittlich zur Teilnahme an den Pflichten deS deutschen Volke« zu nötigen. Die Emanzipationsoerordnungen zeigen daher, genall betrachte^ schon wieder eine Wendung zum Völkisch-

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