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Der nationaldeutsche Jude · 1925-09-01 · Nr. 9 (September 1925) · p. Seite 8

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1925
Issue
Nr. 9 (September 1925)
Date
1925-09-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Es dürfte nicht uninteressant sein, bei einem Rückblick auf die Vergangenheit einmal festzustellen, wie sehr sich im Lailfe der Zeiten die Anschauungen über die Arbeit im allgemeinen und über das Handwerk im besonderen geändert und umgewandelt haben. Galt es im Altertum als das Vorrecht der höheren Stände. der Herren, ihre Diener, die Sklaven, für sich arbeiten zu lassen, und wurden die letzteren als Unfreie betrachtet und von jedem Vorwärtskommen und Emporsteigen in sozialer Hinsicht ausgeschlossen, so begann mit der fortschreitenden geistigen und kulturellen Entwicklung der Menschheit eine kich immer mehr verbreitende gesündere Anschauung Platz zu greisen. Je gröber und mannigfaltiger die Anforderungen wurden, welche man an die Erzeugnisse gewerblicher und kunstvoller Tätigkeit stellte, je mehr diese Erzeugnisse zur Ausgestaltung des öffentlichen und privaten Lebens erforderlich und notwendig wurden, desto höher ■ stieg auch der Wert, den man der Arbeit selbst beilegte, und der sich in naturgemäßer Rückwirkung auf den E^euger der erwünschten Gebrauchsgegenstände übertrug. Seine Blütezeit in Deutschland erlebte das Handwerk im Mittelalter, wo es durch den Zusammenschluh von Zünften einen grohen Einfluh auf dos öffentliche Leben gewann. Wenn zu jener Zeit ein ehrsamer Handwerksmeister in vollem Lrnat, geschmückt mir den Üblichen seiner Zunftwürde. durch die Strahen schritt, so genoh er das gleiche Ansehen wie das Stadtoberhaupt, der Herr Bürgermeister, und man erwies ihm überall hohe Ehren. So mancher gelangte durch die kunstvollen Erzeugnisse seines Fleißes zu hohem Ruhme weit über die Grenzen seiner Vaterstadt, hinaus. Auch so manche geistige Größe entsproß ^dem Boden des ehrsamen Handwerks, von denen ich nur den für alle Zeiten berühmten Schuster Hans Sachs erwähnen will. Leider war in jener noch in finsteren mittelalterlichen Anschauungen befangenen Zeit unseren Stammesgenossen der Beitritt zu den Zünften untersagt, und es ist wohl auch darin ein Grund zu suchen, dah damals von jüdischen Handwerkern und ihren Leibungen imallgemeinen so wenig zu hören war. Aber auch später, als die Schranken fielen, die die Juden vom öffentlichen Leben und dem frischen fröhlichen Wettbewerb der Kräfte fernhiclten, hat es sich bis auf die heutige Zeit gezeigt, dah eine im Verhältnis zur jüdischen Bevölkerung nur verschwindend kleine Anzahl sich dem Handwerk widmete. Zwar—rockten, entsprechend. der Zerstreuung der heimatlosen Juden über die ganze Welt, in den verschiedenen -Ländern hier und da Juden auf allen Gebieten des Handwerks mit Erfolg tätig, und z. B. in den Diamantenichleifereien Amsterdams und in der Konfektionsindustrie von London und- New Park iogar in gröberer Menge beschäftigt, aber der Hauptstrom der jüdischen Jugend floh doch den kaufmännischen und wissenschaftlichen Berufen zu, und nur selten konnten kie »ich entichlieben, auf der sicheren Grundlage des Handwerks sich ein befriedigendes, erfolgreiches, vom Segen ehrlicher - Arbeit gekröntes Dasein aufzubauen. Einzig das Goldschmiedehandwerk, das in der Beschäftigung mit edlen Metallen und Steinen wohl auch der Vorliehe unserer Vorfahren für Schmuck und Zierrat entqegenkam und gleichzeitig Gelegenheit zu kunstvoller Tätigkeit bot, hatte sich eines stärkeren Zuspruchs zu erfreuen. Diel» fast ausichliebliche Wirksamkeit auf den Gebieten des Handels und der Wissenschaften trieb die Juden in einen ungesunden Kapitalismus einerseits und in ejne übertriebene Gciitigkeit andererseits hinein. Der Krieg, der grobe Erzieher der Menschheit, bat uns klar vor Äugen geführt, dah dies nicht die rechten Bahnen zu einer gedeihlichen Entwicklung des Judentums sind. Et hat uns ebenso deutlich den Triumph der körperlichen Kraft über die geistige bewiesen, wie er durch die Entwertung bes Geldes) das der Träger des Kapitalismus iit, dielen Telbft vom Throne stürzte. So muh auch im Judentum das Verständnis für den Wert der vbnlilchen^Tätigkeit des Handwerks unter dem dringenden Gebot der Stunde envachen itnd -ihm den Weg zu seinem wahren Heil ^zeigen. Sehen wir uns einmal an. ob und welche. Vorteile das Handwerk im Vergleich mit anderen Berufen seinen Vertretern zu bieten vermag, und welche Möglichkeiten ja wirtschaftlicher und geistiger Entwicklung es ihnen eröffnet. Um mit der wissenschaftlichen Laufbahn zu beginnen, so ist es eine allgemein bekannte und vielfach bedauerte Tatsache, dah sie an Ueberfüllung, und zwar nicht nur im kleinsten Teile durch Elemente leidet, die weder ihr noch ihren Vertretern zur Ehre und zum Segen gereichen. Denn in leider nur zu häufig vorkommenden Fällen ist es nicht hervorragende Begabung öder reiner Wissensdurst, sondern das Trachten nach einer angesehenen gesellschaftlichen Stellung, das den Beteiligten antreibt, die akademische Laufbahn einzuschlagen. Wie io mancher, der zwar Anlagen zu dieser oder jener Handfertigkeit. aber durchaus keinen Trieb zum Studium besitzt, würde weit besser beraten sein, wenn er die ihm von der Natur verliehenen Fähigkeiten im Handwerk erfolgreich verwerten und vervollkommnen würde, als sich durch lange erfolglose Studienjahre hindurchzuquälen, nie über ein trauriges Mittelmaß hinauszukommen und so das sogenannte „akademische Proletariat" zu vermehren! Betrachtet man aber daneben den kaufmännischen Beruf, wie unsicher ist da in vielen Fällen die pekuniäre Basis, auf der ein Kaufmann sein Geschäft begründet! Wie sehr ist er den Wechselfällen des Geschicks, dem Einflüsse der öfzentlichen Verhältnisse, der herrschenden Konjunktur usw. ausgesetzt. und wie häufig sieht er sich selbst unverschuldet nach jahrelangem Fleib und Mühen »m traurigen Zusammenbruche seines Lebenrwerks. dem Bankerott, gegenüber! Wie anders ist es beim Handwerk! Nicht umsonst sagt das alte Sprichwort: Handwerk hat einen goldenen Boden! Hier entscheiden in der Hauptsache nicht unberechenbare äußere Verhältnisse, hier ist einzig und allein das eniste Streben nach eigener Vervollkommnung, persönlicher Fleisz und Tüchtigkeit erforderlich, um, wie man zu sagen pflegt, „aus einen grünen Zweig zu kommen." Der Handwerker weih, dag es auf ihn selbst ankommt, ob er es in seinem Berufe Zuetwa» bringt oder nicht, und kann sich demgemäß sein Schicksal als unabhängiger Mann nach seinen Wünschen gestalten. Und welch ein großer Spielraum bietet sich in den verschiedenen Zweigen des Handwerks dem Einzelnen zur Entfaltung von Geschmack, Phantasie und Kunstfertigkeit! Ich will hier nur auf das Schneider-, Tischler-, Maler-, Schlosser- und ander« Gewerbe Hinweisen. Wenn jeder Einzelne sich mit Lust und Liebe seinem, Berufe widmet und bemüht ist, es nicht nur zu immer gröberer mechanischer Fertigkeit in demselben zu bringen, sondern auch seinen Geilt dabei anzustrengen. um eine immer höhere Stuse seiner Leistungen zu erreichen und sich über das Mittelmah hinaus zu heben, so wird er nicht nur durch innere Befriedigung und äuheren Erfolg belohnt werden, sondern er wird zur Hebung des Standes und damit des ganzen Judentums beitragen. „Arbeit iit des Bürgers Zierde, Segen ist der Mühe Preis. Ehrt den Herrscher seine Würde, Ehret uns der Hände Fleiß." - Dieses Dichterwort mühten wir um so mehr auf unsere Fahne schreiben, als gerade unserm Judentum der Vorwurf der Trägheit zur Last gelegt wird. Deshalb sollten bej sonders die deutschen Juden ihre Ehre darein sehen, der Welt | zu beweisen, dah auch sie den Segen redlicher Arbeit erl kannt haben und danach streben, seiner teilhaftig zu werden. Wenn die nicht geringen Vcrstandeskräfte, die unseren Glaubensgenossen verliehen sind und die es auf anderen Gebieten bewiesen und verwertet hat, sich mit gröherer körperlicher Ausbildung und umfassenderer Tätigkeit auf dem wenig von ihm bebauten Felde des Handwerks vereinigen, so wird der jüdische Handwerker dazu ausersehen sein, durch seine Leistungen einen Ehrenplatz im Wettbewerbe der Völker einzunchmen. Zäigen wir der Welt, dah wir als Handwerker ebenso tüchtig!lind, wie als Kaufleute usw., so werden wir in der allgemeinen Achtung steigen und eine der Hauptstützen des AntisemitiNnus, den Vorwurf unserer Neigung zu skrupel- und mühelosem Gelderwerb, zum Wanken bringen: Wer aber könnte mehr dazu berufen sein, dieses erstrebenswerte Ziel zu - erreichen, als unsere jüdische Jugend, in deren Händen vor allem die Gestaltung der Zukunft ruht, die noch volle Empfänglichkeit für alles Rechte, Gute und Schöne besitzt, die bem reiferen Alter in der Tretmühle des Lebens mehr oder weniger abhanden kommt! So richte ich denn hier an die Jünglinge und durch sie an das ganze Judentum die dringende Aufforderung, bei der Wahl ihres Berufs dem Handwerk-einen Ehrenplatz einzuräumen und sich nicht länger den offenbaren Vorzügen dieses schönen und ehrenhaften Standes zu ihrrm eigenen Schaden zu verichliehen! Denn die höchste und schönste Aufgabe harrt derer, die mit Einsetzung ihrer ganzen Kraft danach streben, mitbeizutragen zum Wiederaufstieg unseres geliebten Vaterlandes zu früherer Gröhe und Herrlichkeit, sowie zur Erneuerung eines frisch «mporblühenden deutichgesinnten Judentums! Die Schreckenszeit, in der wir leben, die so unbarmherzig mit dem Althergebrachten aufgeräumt und niedergerissen hat, was für die Ewigkeit gebaut schien, weist uns gebieterisch auf neue Pfade, nachdem die alten sich für falsch erwiesen haben und verschüttet sind. Wenn wir ihrem strengen Gebote folgen und uns die Lehren, die uns der Krieg gebracht hat, zunutze machen, so kamt alles Unheil, das uns betroffen hat, uns einst zum Segen werden. Auch dem Stiefkind« des Geschicks. dem deutschen Judentum, kann noch eine neue Blütezeit beschieden sein, wenn es künftig sein Heil auf dem Boden gesunder und redlicher Arbeit, dem Allheilmittel für Körper und Seele, sucht. Wenn es mir gelungen sein sollte, ben jüdischen Deutschen den W§rt einer solchen zum Bewußtsein zu bringen und er zur Erlemung eines Handwerks anzuregen, so ist der Zweck meiner Ausführungen erfüllt, und ich darf im, Gefühl der Befriedigung, einer guten Sache gedient zu haben, mit dem Dichterwort schlichen: „Wenn der Arbeit Segen ruht Ueber unserm Leben. Wird er uns auch Kraft und Mut, Es zu meistern, geben!"

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