Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1925
- Issue
- Nr. 9 (September 1925)
- Date
- 1925-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Grablegung cles Zionismus* Bon Dr. Max Naumann. (Zuerst abgedruckt in der Berliner Börsen-Zeitung.) .Der Verlauf und insbesondere der Ausgang des Kongresses haben mit erschreckender Deutlichkeit bewiesen, wie tief daS gegenwärtige System der zionistischen Politik die Organisation bereits zerrüttet hat. Der Kongreß war nicht in der Lage, den Hauptzweck seiner Einberufung zu erfüllen und eine Exekutive zu wählen. " Diese Worte sind nicht von einem Gegner des Zionismus geschrieben. Sie sind die Einleitungssätze einer Erklärung, mit welcher die „Bereinigung der radikalen Zionisten" ihre Bilanz des 14. Zionislen-Kongresses zieht. Tie Verfasser dieser Erklärung sind die Sprecher jener Zionisten, in denen der reine Geist des großen Idealisten Theodor Herzl noch, heute lebendig ist. Sie waren auf dem Kongreß in hoffnungsloser Minderheit; ihr Vorstoß gegen den Mann, in dem sie den Vater aller Uebel sehen, mußte scheitern' und ist gescheitert. Aber auch dieser Mann selbst, Professor Weizmann, seit Jahren Präsident der zionistischen Weltorganisation, kann sich seines Sieges nicht freuen. Es war weniger als ein Pyrrhus-Sieg; Weizmann braucht" keinen zweiten dieser Art,. um verloren zu. sein. Er hat gesiegt — über die Sache, hie er vertritt. Man muß auf den Tag zurückgreifen, an dem Weizmanns Weg begann, um zu begreifen, daß der Ausgang dieses Kongresses der Ausgang des Zionismus ist. Als Weizmann vor * Jahren von England die vielberufene Balfour-Eiklärung erzielte, waren die Zionisten aller Länder des Jubels voll. Das Werk, an dem Herzl sein Leben zerrieben hatte, das längst zur Illusion verflüchtigt schien, — durch Weizmanns Tat war es plötzlich wieder ins Reich des Greifbaren, scheinbar sogar der Vollendung nahe gerückt. Und mit einem Schlage war der „bescheidene Jude aus Pinsk" der große Staaisinann des Zionismus. Nur wenige begriffen, daß dieser Anfang schätz das Ende war. Die Entstehung der Balfour-Erklärung ist schon heute ein rührsames Märchen für gläubige Kinder geworden. Weizmann hatte als Chemiker der englischen Regierung Dienste geleistet — im Kampfe gegen Deutschland. Man bot ihm Belohnung an . und er verlangte „das Land seiner Väter für sein Volk". Wenn man dem Märchen glaubt, war es die Krask seines lauteren Wollens, das den Widerstand englischer Staatsmänner . überwand. Die Wahrheit sieht nüchterner aus. Die kühlen Menschenbenutzer und Menschenverbraucher von Downing Street begriffen im Augenblick, daß hier im weltpolitischen Spiel ein großer Gewinn ohne eigenen Einsatz zu ergattern war. Und sie wagten das Spiel auflange Sicht, sie gewährten großmütig die „nationale Heimstätte", die ihnen nicht gehörte,, ihnen auch heute nicht gehört, und die doch — selbst auf dem Zionistenkongreß wurde es mit diesen Worten ausgesprochen —r heute nichts anderes ist als eine britische Kolonie, ausgebaut mit jüdischem Schweiß und Geld, von einem englischen Marschall verwaltet, Bollwerk einst gegen Deutschland, heute gegerz Frankreich, gegen Aegypten, gegen die erwachende islamitische Welt. Herzls Judenstaat-Gedanke, so phantastisch er sich ausnahm, war praktisch nicht völlig unausführbar, so lange der kranke Mann am Goldenen Horn noch Herr über Palästina hieß. Als England die Hand auf das „Land Israels" legte, war entschieden, daß Palästina bis zum fernen Zerfall des britischen Reichs nur das Land, ein Land Englands sein würde. Weizmanns gefeierte Tat war der erste Spatenstich zum Grabe des jüdischnationalen Traums. Schon vor zwei Jahren, auf dem 13. Zionistenkongreß zu Karlsbad, mußte jedes sehende Auge erkennen, daß die Grube des sterbenden Körpers harrte. Aber noch ergetzte den blinden Faust das Geklirr der Spaten. Heute ist mit dem Leben selbst auch die letzte Illusion zerflossen. Der Leichnam liegt zur Grablegung bereit. Die englischen Lemuren können ihr Werk vollenden. Weizmann auf der einen,' seine Gegner aus der anderen Seite, sie alle wollen, an den Tod ihrer Sache nicht, glauben, heute so' wenig wie vor zwei Jahren. Damals betrog man sich selbst, indem man durch Heranziehung „nichtzionistischer" Geld- und Ratgeber die jüdischnationale Bewegung zu schwammigem Alljuventum verwässerte. Heute lebt das Bewußtsein, daß dieser Weg ins Nichts oder höchstens ins Ghetto führt, auch in zionistischen Kreisen. Ganz klar erfaßt wird diese Erkenntnis freilich nur von der kleinen Gruppe der Radikalen, und diese betrügen sich wiederum nach der anderen Richtung, indem sie mit dem lächerlichen Gedanken der Auflehnung gegen das übarmächtige England spielen. Aber auch außerhalb der Grenzen des Radikalismus dämmert das Verständnis, daß der große Anfangsgedanke auf ewig verschüttet ist. Und eS ist tragisch und gleichzeitig fast komisch, zu sehen, wie diese ehrlichen, arbeitsfreudigen, auf Teilgebieten schöpferischen Menschen ihre Kräfte vergeuden, um ihren Wahn zu retten, wie sie init Zähigkeit weiter arbeiten an einer Sache, die sie im Unterbewußtstin selbst verloren wissen. Wenn der Kitt, der jahrelang gnnndverschiedene Elemente zusammenhielt, heute auf offener Bühne auseinanderbröckelt, wenn ktllturelle, soziale, religiöse Gegensätze, die stets vorhanden, aber jahrelang durch den nativnalen Gedanken verdrängt waren, sich heute zum Er» gebnis völliger Zerrüttung auswirken, ist der tiefste Grund die heutige Erkenntnis, daß der nationale Gedanke ein Traum von gestjern ist, der niemals zur Wirklichkeit von morgen werben kann. So löst sich das wirre Bild der Kongreßvorgänge in Klarheit auf. Vor zwei Jahren hatte Weizmann mit schwerer Mühe se nen Sanierungsplan, dess Plan der mit Nichtzionisten durchsetzt n „Jewish Agency" gerettete Schon vor dem diesjährigen Kongreß war dieser noch immer nicht durchgeführte Plan der Gegenstand hitzigster, hier und dort in Beschimpfungen des Gegr ers gipfelnder Erörterung. Auf dem Kongreß selbst hämmerwn die Gegensätze hart aufeinander. Jabotinsky, der feuerköpfige, tatentschlossene, militaristische Führer der Radikalen, der sich bezeichnenderweise den Vorwurf „jüdischen Hakenkreuzlertums" zuzog. ritt seine Attacke gegen Weizmann und riß andere mit sich fort; die keineswegs zu den „Radikalen" gehören. Schonungslos enthüllten die Ankläger das zynischränkevolle Spiel Englands, das den Zionisten und den für den Aufbau des heiligen Landes schwärmenden Juden der ganzen Welt immer höhere Opfer an Arbeit und Geld ablistet, um gleichzeitig Schritt für Schritt in Palästina selbst den zionistischen Einfluß zurückzudrängen, das die Einwanderung und den Bodenkauf erschwert, den judenfeindlichcn Arabern Zugeständnisse macht und immer deutlicher zeigt, daß es nicht im Traum daran denkt, den Traum der Juden und die eigene Verheißung der „nationalen Heimstätte" zur Wirklichkeit gedeihen zu lassen. Der jüdische Oberkommisar hat seine Arbeit getan: er konnte gehen und ein christlicher Feldmarschall hat ihn ersetzt. Ein „gesetzgebender Rat" soll geschaffen werden; wenn es nach England geht, wird er aus 11 englischen Beamten, 10 Arabern und — 2 Juden bestehen. In aller Offenheit wird davon gesprochen, daß Palästina nicht ein jüdischnationales, sondern ein „zweinationales", jüdisches und gleichzeitig arabisches Land sein werde. — von der dritten und wichtigsten Nation, der englischen, wird gar nicht gesprochen. Trotz allen Triumpfgeschreis über hohe Einwanderungsziffern machen die Juden in Palästina immer nur noch ein Sechstel der Bevölkerung aus und nur ein Zwanzigstel des palästinensischen Bodens gehört ihnen. Man hält Weizmann vor, daß er dies alles geschehen lasse, jede englische Ohrfeige einstecke, durch Zusammenarbeit itiit Nichtzionisten den nationalen Gedanken vvm Ziele ablenke. Das russische Projekt der jüdischen Krimsiedlung, durch das viel amerikanisches Geld von Palästina abgelcnkt werden dürfte, wird als schwere Gefahr für den Zionismus gewertet und zum Anklagepunkt erhoben. Vergebens wehren sich Weizmann und die Seinen, unterstützt von der „Mitte" des Kongresses, in der die ewig Gemäßigten sitzen. Man spricht von Realpolitik, von staatsmännischer Weisheit und Geldmangel, der dazu zwinge, auch die Mitarbeit nichtzionisttscher Juden anzunehmen. Aber immer neue Gegner stehen gegen die Führung auf. Und in der Vielgestaltigkeit der Gegnerschaft entschleiert sich die tiefgehende Verschiedenheit dieser Menschen, die nur im Negativen einig sind, in dem Mangel an Willen und Fähigkeit zur Einpassung in die andersstämmige Umwelt, die aber auf dem Gebiete deS Positiven kaum noch Gemeinsames haben. Die sozialistischen Arbeitergruppen beschweren sich über die Förderung deS kapityliftischen Elements, über das Emporwuchern des Händlertums, über unzureichende Maßregeln gegen Bodenspekulation in den palästinensischen Städten. Die orthodoxen „MiSrachisten", denen man vor Jahren in Karlsbad vorwarf, sie wollten aus Palästina einen jüdischen Kirchenstaat machen, sind empört darüber, daß man den Aufbau des heiligen Landes nicht ganz