Mannheim
Compact Memory

Der nationaldeutsche Jude · 1925-07-01 · Nr. 7/8 (Juli/August 1925) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1925
Issue
Nr. 7/8 (Juli/August 1925)
Date
1925-07-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6682492-5438640-5438782--086-4871304
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8 schüft atmen lassen; denn erst dann, wenn sie den Gegensatz zu jüdischer Lehre, jüdischem Geist und jüdischem Gemeinschaftsleben kennen gelemt haben, wissen sie die jüdische Lehre, den jüdischen Geist und das jüdische Gemeinschaftsleben recht einzuschätzen. Es ist grundverkchrt, wenn wir die Seelen unserer Kinder durch meterhohe Bretterwände und blauweissangestrichene Schulzäune vor dem Einfluss fremder Religion zu bewahren glauben; sie spüren den Einfluss der freinden Religion ja doch ausserhalb der Schule bei jedem Schritt; und nur wenn wir unfern Kindern frühzeitig die Möglichkeit geben, das Judentum und die fremden Anschauungen gegeneinander abzugrenzen und abzuwägen, dürfen wir hoffen, sie dem Judentum zu erhalten. Es ist aber nicht ratsanj. jüdische Kinder in christliche Schulen zu senden, wenn diese den Charakter von B e - kenntnisschulen tragen, wenn in ihnen der gesamte Unterricht dem Geiste des Bekenntnisses angepatzt wird, wenn etwa im Geschichtsunterricht und im Naturkundeunterricht dieser Schulen bewusst von der Wahrheit abgewichen werden sollte, damit de^Geist des Bekenntnisses gewahrt werde, und cs ist gleichzeitig unjüdisch und unmenschlich, wenn man, um für einen geringen Teil der jüdischen Kinder in deu Grossstädten jüdische Bekenntnisschulen zu Erlangen, die überwiegende Mehrheit der jüdischen Kinder in den Außenbezirken der Großstädte und in den Orten mit kleinen jüdischen Gemeinden, die keine jüdische Schule erhalten können, einer solchen christlichen Bekenntnisschule auslirfert. Man bedenke, dass dort, wo wenig Juden beieinander leben, auch nicht immer Religionsschulcn und Gotteshäuser vorhanden sind, in denen die Kinder mit der Lehre des Judentums bekannt werden können; da soll man die Zuweisung von Kindern an christlich^ Bekenntnisschulen doppelt scheuen. Stimmen vom i. Das "Judentum im neunzehnten Jahrhundert. Bon Reichswirtschafts gerichtsrat Dr. Joerges. Tic Emanzipation stellte den Juden zugleich vor eine grosse völkische und vor eine religiöse Aufgabe. Das Judentum hat den ganz einzigartigen Vorzug, dass es eine Religion besitzt, die lediglich durch sein eigenes Volkstum geformt ist, und dass seine religiösen Ueberlieferungen so durch seine eigene Seele hindurchgegangen sind — mögen sie auch von auswärts her in einzelnen Bestandteilen entlehnt sein —. dass der Jude sic mit Recht als sein geistiges Eigentum behandeln darf. Dem Juden sind dadurch unendlich viele Disharmonien erspart, unter denen der christliche Deutsche zu leiden hat. Andererseits betrifft jedes Ereignis, welches das jüdische Volkstum betrifft, auch die jüdische Religion, und umgekehrt wird durch Veränderungen, welche die Religion erlebt, auch das Volkstum beeinflusst. Die heutige Zeit hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Zeit, in der Jesus lebte. Die. Antike chatte im Kult einer rationalen Philosophie geschwelgt; jetzt warf sie sich ganz dem Irrationalen, dem Unterbewussten, in die Arme. In der uralten ägyptischen Religion suchte man tiefe mystische Geheimnisse, und der Serapiskult wie der auf der iranischen Religion erwachsene Mithraskult fesselten die Seelen der Griechen und Römer; die altgriechischen Kulte hatten sich in Mysterien gewandelt und vertieft. Der monotheistische Gedanke des Judentums fand, so ablehnend man auch sonst gegen den Juden und gegen jüdische Sitten sein mochte, starken Zulauf. In der Apostelgeschichte begegnen wir überall den „Theophoboumenoi", den »gottesfürchtigen Männern". Es handelt sich um Leute, die. ohne sich in das jüdische Volkstum aufnehmen und sich beschneiden zu lassen, sich zu dem bilderlosen Monotheismus bekehrt hatten. Die Aufnahme in ihren Bund erfolgte durch die Taufe; sie bildeten den Resonanzboden für die Missionspredigten des Päulus. Im Judentum trat Jesus als Verkünder dieser neuen Anschauung auf. Er kennt eigentlich nur einen einzigen Gegner, die Intellektuellen. Sie treten unS als konkrete Persönlichkeiten in den Schristgelehrten entgegen. Aus sie beziehen sich vielfach die Worte, die er über die .Reichen" sagt; oft sind damit die Leute gemeint, die sich geistig reich dünken, die ••lJL. Es ist beschämend, dass der Vorstand der Jüdischen Gemeinde erst im Provinzial-Schulkollegium darauf hingewiesen werden musste, dass sein Vorhaben der Errichtung jüdischer Volksschulen gefährdend ist für das Rechj jener Eltkrn. die keine jüdische Schule wünschen oder sie nicht erlangen können; eines ist noch beschämender. Die edelsten Geister des deutschen Volkes waren seit jeher für Lehrfreiheit, für die Befreiung der Schule aus kirchlichen Fesseln; die Einsichtigen des deutschen Volkes sind heute aus Staatsgesinnung und Deutschtusn gegen die Bekenntnisschule, abgesehen davon, ob durch die Bekenntnisschule eine Einschränkung der Lehrfreiheit zu' befürchten ist oder nicht"). Auch in. Provinzial - Schulkollegiujn, siyen Lcii'te. die auf Grund tiefer pädagogischer Sachkenntnis und grmdlichek politischer Schulung' Gegner der Bekenntnisschule sind, Leute, die schon den Schul- und Kulturkampf der! Bismarckschen Zeit durchlebt -haben, und die genau wissen, wps auf dem Spiele steht, wenn die Betennknisschule die Nornsschule 'wi,!,. Ilnd diese Leute, die bisher im Judentum einen Bund« genossen sahen im Kampf gegen politische Reaktion und Autoritölsdünkel, im Kampf für liberale Weltanschauung und Lchrfrech üt. ivcil einst Juden. wie Lasker, Bamberger, Bertholo'Auerbach. Lazarus und viele andere, Führer in diesem Kampfe waren, müssen cs erleben, dass Juden hejite als Schrittmacher! ihrer Gegner auftreten, dass sogar Juden, die politisch zu den Demokraten und Sozialdemokraten zählen, heute an der Auslieferung d« Schule an die Kirche keinen». Anftoss nehmen, dass Jpden, die sich Liberale nennen, das alte Ideal des Liberalismus: Dicbst aller am Vaterlande ohne Trennung nach Konfessionen, hesitc verleugnen. *) Bgl. den Aufsatz: I.Um die Konfessionsschule" in Nr 3 der »Mitteilungen", Jahrgang 1924. - anderen Ufer.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.