Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1925
- Issue
- Nr. 6 (Juni 1925)
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Das blohe Aufsichgeftelltsein, die Abtrennung unserer Jugend von christlichen Kameraden hat neben manchen Licht» so zahlreiche Schattenseiten, dah Eltern solch einer Trennung allein schon aus äußerlichen und bildungstechnischen Gründen nie werden zustimmen können. Das ist aber selbstverständttch hier nicht da» Wesentlich«. Bei einer solchen Trennung, Verbannung unserer Kinder in die Bekenntnisschule, geht es nicht bloh um Formen, Gewohnheiten und Manieren — sondern es geht um mehr! Wollen wir uns darüber ernstlich Klarheit verschaffen, so brauchen wir nur zu ermessen, welche Entwicklungschancen die christliche deutsche Jugend in der Konfessionsschule hat. Die kirchlichen Vorurteile, die überall dominieren, die Wissenschaft übertrumpfen und den Charafter derselben nicht selten sogar verändern, bedingen eine Beschränkung. Einseitigkeit und Enge des geistigen Horizonts, die, da sie die Richtung bestimmen, in welcher die Geistesentwicklung der Kinder erfolgen soll, dieselbe aufs Schwerste gefährden. So wird in katholischen Schulm, wie dies auch früher geschah, in vollster Oeffentlichkeit Geschichte geklittert werden: nirgends macht sich der Zwang und die innere Verpflichtung der tätigen Lehrerschaft, den ganzen Schulunterricht im Sinne der Religion. Konfession zu erteilen, so drastisch bemerkbar, wie hier.... doch — für die katholische Jugend gibt es hei dieser Erziehung gleichsam ein Aequivalent. Der deutsche Katholik gehört einer ehrwürdig alten, starken Kulturpartei an. der machtvollsten überhaupt, die in der Welt eristiert. Was ihm an historischer Wahrheit oder Wahrhaftigkeit im Interesse von Kirche und Papsttum auf dem Weg durch die Lehranstalt fattisch verloren geht, erseht er durch Tradition. Die uralten Traditionen der grobkatholischen Kirche hängen aufs Engste zusammen mit der Kulturentfaltung der ganzen gebildeten Welt. Die Kontinuierlichkeit eines Entwicklungsganges, der aus dem alten Rom. der grobdeutschen Kaiserzeit in di« Kulturepoche des späteren Mittelalters und in die Anfangsstadien der Neuzeit hinüberführt, der innere Zusammenhang zwischen lutherischer und päpstlicher Weltkultur — man denke nur an die Künste, an di« Kirchenmusik — ist einmal nicht wegzuleugnen. Und da die katholischen Schulen Kinder der Zentrumspartei, indirett also Kinder der katholischen Kirche sind, so bilden sie,. auf die Macht, den lebensgefährlichen Einfluh ihrer Partei gestützt. im Schatten der Traditionen, die ihnen in geistiger Hinsicht den nötigen Rückhalt geben, ein Kulturzentrum für sich selbst. Aus der Tatsache, dab der alte und jüngere Katholizismus als unzerstörbare Wiege der neuen Geisteskultur auch heut« noch Geltung hat. geht aber deutlich hervor, dab dies Kulturentrum selbst mit der allgemeinen Kultur- und Geistesentaltung der Zeit, die auf christlicher Grundlage ruht, nicht nur aufs Engste verknüpft bleibt, sondern die ganze Entwicklung in einem gewissen Sinn sogar noch beherrschen wird. Die evangelische Jugend mag in den neuen Schulen geistig und wissenschaftlich — besonders auch in bezug auf Darstellung der Geschichte nicht in dem gleichen Matz beschränkt und gebiebelt werden.... aber sie wird dieser gröhern und wurzelhafterm Freiheit des Lernens und des Ermittelns auch nicht sonderlich froh. Wo die Historie aufhört und das erafte.Denken, das Untersuchen beginnt: man nehme nur beispielsweise die naturwissenschaftliche Forschung und den Physikunterricht i— mischt sich die Ortsgeistlichkerl krittelnd, bemängeln ein und läht den Flug der Geister über die Tradttionen und Bibelsprüche hinaus sicherlich auch nicht zu. So wird dem Bildungsdrang der christlichen deutschen Jugend aus zwei verschiedenen Lagern wissentlich Abbruch getan. Nun ist es zwar ausgemacht und hat sich schon oft.erwiesen, dah die in frühster Jugend am meisten gefesselten Geister ihre verhakten Kelten mit um so gröberer Kraft und Nachhaltigkeit zerreiben, um über Tradition. Furcht und Beschränkthert hinweg ins Land des liefern Wissens, und Erkennens zu schreiten — aber auf diese Erfahrung und dies bekannte Gesetz vom Wirken der Reaktion ein ganzes System zu gründen, ich meine ein Schulsystem — ist wohl doch nicht der richtige Weg zu den Höhen der Weltkultur. Doch nicht nur der Bildungsdrang. auch die Entwicklung des Kindes zum Bürger und Patrioten wird; mit Bewußtsein gehemmt, sobald die Lehranstalten Ableger oder Filialen der Kirchenbehörden sind. Das Kind, das solche Anstalt 10 Jahre hindurch besucht und das in dieser Anstalt, die Institution und Schöpfung der Glaubensgemeinde ist, welcher es angehört, die höchste Autorität bewundert und anerkennt, zieht — da ja diese Anstalt ihrerseits wiederum als allerhöchste Instanz das geistliche Oberhaupt der eigenen Kirche verehrt — den selbstverständlichen Schluh. dab über der Kirchenbehörde keinerlei höhere Macht oder Instanz eristiert. — daß also sogar der Staat, von dem es im Laufe der Zeit zuweilen auch etwas hört — mit dem die ganze Schule insofern zusamnrenhängt. als sie seine Sprache spricht und seine Gesetze billigt, der wohlgefällige Diener der Kirchenbehörde sei. Das ist der günstigste Fall!- Man wird sich Fälle denken und eine Geistesentwscklung der Kinder vorstellen können, die in der Ueberzeugung oder Erkenntnis gipfelt, dab der Staat der heimliche Feind, der Widersacher der Kirche, also ihr Schädling ist. Und da den Schüleirn natürlich in der Bekenntnisschule von Kindesbeinen an eingeimpft worden ist. was sie der eigenen Kirche an Liebe und Ehrfurcht schulden, so kann man sich ungefähr denken. wie. die Staatsgesinnung dieser verbildeten Kinder in Zukünft aussehen mub. Das sind zunächst! die stärksten und wichtigsten Schädigungen. die aüs der Institution der d e u t s ch e n Bekenntnisschule der Jugend erwachsen werden. In zweiter Linie erst dürfen wir an den Schaden und die Nachteile denken, die aus der Scheidung der Kinder in drei verschiedene Gruppen für ihren eigenen Verkehr, die Einheit und Einmütigkeit der werdenden Generation naturnotwendig entstehen. Die Liebe zwischen! den beiden christlichen Konfessionen war schon von altershcr nicht eben sonderlich groh. Sie wird durch die rigorose, von frühester' Jugeyd an aufs Peinlichste durchgeführte räumlichigeistige Trennung nicht gerade zunehmen können. Besonders, da ja den Kindern — dies ist der Trennung Zweck —s beständig eingeimpft wird, dab ihre Konfession die allein von Gott gewollte, und darum deren Träger die einzig wahrin und guten und gläubigen Menschen sind. — Da ist es natürlich kein Wunder, wenn sich nicht nur die Fremdheft oder di« Eifersucht, sondern der Hab verstärkt. Auch sonst aber!geht den Kmdern bei einer solchen Trennung unwiderruflich verloren. was wir als wertvollstes Kleinod und heiligsten Seelenbesitz vom deutschen Standpunft aus ehrlich bezeichnen müssen: das Gefühl der Stammesgemeinfchaft und bas Stammesbewubtsein. Ob das für die Entwicklung der politischen Zukunft Deutschlands besonders vorteilhaft ist, lasse ich unerörtert. Bleibt noch die Frage übrig, wie die christlichen Konfessionen zur Absperrung ihrer Kinder vom jüdischen Element und jüdischen Einfluh stehen. Ich will den effektiven und ideellen Verlust, den die christlichen Kinder hei solcher Trennung erleiden, keinesfalls überschätzen. Zwar geht von unseren Kindern — das bringt die Besonderheit des jüdischen Denkens mit ssch. die vorwiegend auf der Schärfe unh kritischen Klarheit beruht — geistige Anregung aus. die sich in einer Klasse oder gar einer Schule, die völlig judenrein ist (verzeihen Sie diesen Ausdruck), schwerlich ersehen lähj« Die Schnelligkeit des Begreifens und die Äedächtniskraft, Gründlichkeit in der Arbeit und, emsiges DorwärtsstrebeN. das oft von christlichen Freunden als Ehrgeiz gebrandmarkt wird, eifern auch ch r i st l i ch e Schüler zu besseren Leistungen an. Und was den Verkehr der Kinder untereinander betrifft, so darf ich als Mutter von Söhnen, die christliche Freude haben, aus der Erfahrung heraus mit gutem Gewissen behaupten, dah gerade bimse Kinder sich immer bei uns-am besten und glücklichsten eingelebt haben. — Sicher ist jedenfalls, dah unser jüdisches Familienleben einen unbeschreiblichen Reiz auf christliche Kinder ausübt. und dah sie diesem Reiz und ihrer Freundschaft! zuliebe oft kindliche Vorurteile ablegen, revidieren!!! Es ist also offenbar! dab manche christlichen Schüler die Trennung von jüdischen Meunden aufs Tiefste beklagen würden. Gerade in Nemen Dingen und Fragen des täglichen Lebens wird der gewaltsame Abbruch des intimen Verkehrs zwischen andersgläubigen Kmdern, sich schädigend geltend machen. Trotzdem aber wird man doch im ganzen zugeben müssen, dab sich die. Mischen Kindern freundlich gesinnten Schüler, wie an vgs'Zusammenleben, so schliehlich auch an die Trennung allmählich gewöhnen werden. Anders die jüdischien Kinder! besonders der ärmer« Teil aus ungebildeten Kreisen. Man denke beispielsweise an die Zuwanderer aus dem Osten! Diese — nicht selten begabten und lernbegierigen Kinder, die in einem christlichen Staat mit christlicher Lehenskultur für diesen erzogen werden, bedürfen christlicher Freunde als Wegweiser und als Mittler, was umgekehrt nicht der Fall! Und wie es den christlichen Schülern-verhältnismähig leicht wird, sich über diel einmal beschlossene oder vollzogene Trennung von jüdischen Kameraden ernstlich hinwegzusetzen, jo wird sich schlieblich quch der, aus solchen Bekenntnisschulen einmal hervorgegangene, christliche Teil unseres Boffes, auch wenn er — unbefangen und frei von Rassenhah — jüdische Intelligenz, Treue und Hilfsbereitschaft ehrlich zu schätzen weih — nicht mehr die Mühe geben, den Trennungsstrich auszumerzen, den die Schulerziehung einmal gezogen hat — die Scheidewand niederzureiben, die Parteipolitik, Selbstsucht und Vorurteil in frevelhaftem Verkennen der Lebensnotwendigkeiten unseres zerrissenen Volkes absichtlich aufgerichtet.