Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1925
- Issue
- Nr. 6 (Juni 1925)
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/6682492-5438640-5438780--071-4871290- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
'-tpr-,'T sühlt sich Israel und 'Juda als daS von Gott auserwählte Volk. Andere Völker, wie z. B. die Aegypter. plagt Gott um seines Volkes willen. Der Fremdling und der Nächste alS Landsmann werden schroff geschieden; denken wir z. B. an daS harte Wort 5. MoseS XIV, 2l: .Ihr dürft keinerlei AaS effen, dem Fremdling, der an seinem Wohnort wohnt, magst du es geben." Aber auch hier weist daS Alte Testament den Weg vom einseitigen Nationalismus; zum Menschheilsgedanken. Gibt es größere Gegensätze als die! gehässige Einseitigkeit des Buches Esther und die schöne Menschlichkeit, die den Sinn deS kleinen Büchleins Jona ausmacht?') Der Kontrast in dem gewaltigen Jahrtausendbuch zeigt uns die ungeheuren Gegensätze in der Seele dieses Voltes, deren Beste sich zu der Idee der universalen Menschheitsliebe Hinringen, während die Masse in der dumpfen Enge des VolksegoiSmuS erstarrt. Aber bei welchem heutigen Volke ist es fundamental anders?! Und liegen nicht in einem voni Nackten Egoismus befreiten voltsbewutztsein Kräfte, die wir für unsere deutsche Gegenwart dringend benötigen? So führen uns die letzten Gedanken von selbst zu der Frage der Eigenart deutschen Welenß. Auch hier wieder kein einheitliches oder unumstrittenes Bild. All die vielen versuche, in kurzem Wort deutsches Wesen zusammenzufassen, geben nur einen Zug. wenn auch meist einen wesentlichen deutscher Eigenart. wieder: Deutsch sein heißt Charakter haben, deutsch sein heißt treu sein, deutsch sein heißt esne Sache um ihrer selbst willen tun. Suchen wir daher chlf Grund der deutschen Sprache, — wie hat Fichte diese alS Fundament aller Volkseigenart und besonders der Deutschen herauSgeklärt! —, der deutschen Geschichte und Kultur die wichtigsten Züge deutschen Wesens zu erfaffen. ■ , Es erscheint mir da zunächst her metaphysische Zug des Deutschen hervorzustechen. Denken wir hierbei an den Geistesreichtum eines Meister Eckhart, an die tiefschürfende Grübelei eines Jakob Böhme oder an die umfassende Geisteskraft des deutschen Idealismus, wie er in Kant, Fichte. Schilling oder Hegel erscheint. Mondschein und Giebeldächer in ei rer deutschen Stadt, Ich weiß nicht, warum der Anblick mich stets so ergriffen hat. Es blickt aus die mondhellen Giebel tieffinnend ein Greis hinaus, Er hält in', der Hand die Bibel, drin liegt ein welker Strauß. O Deutschland, laß nie dir rauben dje alte Schwärmerei Für Freiheit, Liebe und Glauben I j Bleib'unentwegt dabei! In diesem deutschen Lied von deutscher Sehnsucht haben wir ein schönes Zeugnis dieses spekulativen Triebes im Deutschen. DaS Alte Testament ist demgegenüber durchaus unmetaphysisch bis auf den Prediger Saloqionis,! in dem wohl stark hellenistischer Einfluß vorherrscht. Und ich glaube trotz der Ausnahmen im einzelnen, wie MaimonideS oder Avicenna, neuerdings Cohen oder Laük. trifft dies auch für das gesainte Judentum gu. daß ihm der spekulative Zug verhältnismäßig gering eignet. Der einzige originell spekulative Denker deS Judentums erscheint mir Spinoza. Aber ist nicht dieser spekulative Zug zugleich neben der Stärke deS Deutschen eine Gefahr? Das Volk der Dichter und Denker, gewiß, aber auch daS Volk der Phantasten. Ideologen und Träumer sind wir Deutschen, vielleicht^liegt hier für die bewußt deutschen Juden eine schöne Aufgabe vor. jenen spekulativen Zug des Deutschen aufnehmend, sein Abirren in Ideologie durch gesunden Realismus, der keineswegs Gegensatz zum Idealismus ist. mitzuverhüten. Neben dem spekulativen erscheint mir der religiös-innerliche Zug für den Deutschen charakteristisch. Schon die deutsche Sprache zeigt innerlich kraftvolle Art. die deutsche Geschichte — denken wir an Luther oder dje deutsche Mystik, an den. Pietismus oder die ErweckungSzeil nach den Befreiungskriegen. an moderne Erscheinungen wie Schüler oder Rilke. Johannes Müller oder Lhotzki — zeigt eine wunderbare Verbindung von sittlichem Emst und religiöser Begeisterung, vom Ringen um Gott und innerlicher Gemütstiefe. Zugleich aber verbindet sich damit immer die Neigung zum Pantheismus. Was Tiele von den indogermanischen Böltem sagt, gilt besonders für den Deutschen: „Denn die semitischen Religionen alS theokratisch bezeichnet werden können, find die j indogermanischen Religionen theanthropisch. In ihnen herrscht der Gedanke vom Jnnewohnen des, Gottes in ,der Welt und von der Verwandtschaft des Menschen mit ihm vor. so daß die *) « l. ttog Raumann: .Jona, der Prophet" in .Ganz- Deuische oder Halb, deutsche?" (Schriften de« Verbände« nationaldeutscher Juden, Heft 2). , ' Grenzen zwischen det sichtbaren und der unsichtbaren Weist zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen nicht so schar, gezogen sind und dst Götter Menschen, die Menschen Götter werden". Im Alten »Testament ist Gott dagegen ganz Iranscendent, der Gedanke »l er Unsterblichkeit des einzelnen, um den die Deutschen in Religion und Philosophie dauernd ringen, tritt zurück bis auf wenige Prophetenworte. Es war mir intereffant. daß in derj Diskussion dieses Vortrages ein heutiges jüdisches Gebet erwähnt wurde, das klar den Unsterblichkeitsgedanken ausspricht.') I Griechischer und vor allem christlicher Einfluß ist hier unvefkennbar, wie letzterer wohl auch bei Spinozas Gedanken einMirkt. Aber auch hiev wieder hat jener theanthropische Zug Gefahren, die freilich durch die enge Verbindung von Religioy und Sittlichkeit vom vomherein gemindert, aber nicht vermieden wurden. Es ist das Hineinziehen deS Religiösen! in das Kulturelle oder die Naturanschauung. Gott ist her Erhabene, Ueberweltliche und Ewige. Religion ist immer etwas anderes als Naturmystik oder kulturelle Betätigung. Diese gerade in der allerneuesten Theologie mit Recht wieder voll erkannte Wahrheit ist zugleich eine Renaiffance des verieften alttestamentlichen Gottesbegriffs. Wir haben hierbes schon den ethischen Zug der Deutschen gestteifl. Bei. ihm verbinden sich in eigenairtiger Weise überpersönlicher Gemeinschaftsgeist und tiefes Unabhängigkeitsbewußtsein. Der Pflichtgedanke, der den einzelnen in die Gemeinschaft einordnet und ihr dienen läßt,! und dre Freiheitsidee, die mit Lagarde spricht: .Frei ist nicht, wer tun kann, was er will, sondern per werden kann. waS er soll." Beide aber verbunden mit dem Drang zum Schaffen. Der Deutsche sieht in der Arbeit nicht den Fluch der von Gott aus dem Paradies vertriebenen Menschen. Schaffen und Streben ist Gottes Gebot, Arbeit ist sieben. Nichtstun derTod. Im Alten Testament find diese Ideen nicht so zentral und, wo sie sich finden, find sie theokratisch begründet. Aber auch hier sehen wir wieder die Gefahren. Der Gemeinschaftsgeist kann zum abschließenden Kastenwesen der einzelnen Gemeinschaften führen, -has Freiheitsstteben zur Eigenbrödelei, und der ArbestSdrang,! zur einseitigen Arbeitskullur. Allen drei Gefahren find die Deutschen , nicht entgangen Bor allem aber birgt der letzt zu nennende Zug der Deutschen große Gefahren! Ich möchte ihn den künstlerisch, apolitischen nennen. Deutschland ist reich an Künstlern und Denkern, arm an Diplomaten und Staatsmännern. Bismarck ist hier eine einsame Größe in deutscher Geschichte. Neben dem starken Bewußtsein seines inneren Wertes fehlt dem Deutschen zumeist das lNationalbewußtsein. das Gefühl seiner eigenstämmigen Kraft. ^Fremdländisch Wesen wird ihm Bewunderung und Borbil». Der Mangel an politischem Sinn und weltpolitischem Verständnis ist gerade beim heutigen Deutschen evident. Wieniel Nationalbewuitsein und politisches Selbstbewußtsein zeigt d rS- Alt« Testament! Wohl hat es dort wie beim Judentum üb whaupt einseitig oftj sich überspannt. Aber vielleicht kann deutsches Judentum, in!deutsches Wesen hineinwachsend, diesen >esunden Fattor seiner Vergangenheit dem Deutschtum vermack en.? ■ Die Folgerungen ai s diesem Vergleich ziehen sich für den Einsichtigen von selbst., Klar ergeben sich Verschiedenheiten, aber keine auSschließent e Diskrepanz oder gar ein kontradikiarischer Gegensatz. Das Alt« Testament ist in Luthers Uebersetzung ein deutsches Volksbuch geworden und bleibt auch für unsere Zeit ein hervorragender erziehlichsr Fattor.- Wird das Alte Testament alt symptomatisch für; daS Judentum, als sein Idealsind Wir llichkeitsstreben genommen, so ist die Möglichkeit eines Hinei rwachsens des Judentums in das Deutschtum trotz des R rffenunterschiedes möglich. Die These Spenglers, daß das Jude itum ein Fremdkörper einer 2000 Jahre älteren Kultur innerhal! des Deutschtums sei und bleiben müffe, wird durch die bc reitS im Allen Testament vorliegende und' durch die Jahtt rufende foitschreitende - Entwicklung jülflschen Geistes erschüttcrt. DaS Deutschtum hat slawisches Blut, keltische Volksteile (Hugenotten und Refugies) in sich ausgenommen. Warum ncht auch jüdische BölkSteile? A b e r freilich gehört dazu für diese, wie wir eS bei den französ haben, ein bew Deutschtum. Ein r la-nd stets die , ') Da« Lebet, das» vor jeder Beerdigung gesprochen wird. Di» Schrifttrituvg. scheu Emigranten erlebt ußteS Einleben in das ionrsmuS, der in Deutschremde sieht und alles