Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1925
- Issue
- Nr. 6 (Juni 1925)
- Date
- 1925-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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9 WWW » 4 Stimmen vom anderen Mer. Die Eigenart des Hlten Ceftamcnts und die Eigenart deutschen Mesens. Von Pfarrer und Privatdozent Liz. vr. H. G. H a a tf, Breslau. * Sieht Ht. 5 dt» MryeUung-blatreunter Berdand». nach« lchten .Berlin'. »re Schrifilettung. Ter Kampf, den der Antisemitismus heut gegen alles, , was mit dem Judentum zusammentLngt. mit allen Mitteln führt, erstreckt sich auch auf das Alte Testament. So sagt der bekannte Vorkämpfer des Antisemitismus Fritsch in der An. merkung zu den sogenannten Protokollen der Weisen von Zion: .Die Bibellehre erweckte die Vorstellung in uns, als ob alle Kultur und Religion zuerst von den Inden gekommen sei. Die Bibellehre pal den meisten Menschen eine Brille aufgesetzt, die. sie verhinderte — wenigstens in Bezug auf das Judenwesen — die Dinge des Lebens richtig zu sehen.' Die Folgerung, die besonders in pädagogischer Beziehung daraus gezogen wird, ist, daß das Alte Testament im Gegensatz zum Deutschtum stehe und seiner Einwirkung auf Deuische beraubt werden müffe. So steht das Problem vor uns: Sind Altes Testament und deutsches Wesen kontradiktorisch entgegengesetzt oder nicht? Die Untersuchung dieser Frage wirh aber, zugleich Rückschlüsse gestatten auf die Stellung der Deutschen gegenüber dem Judentum selbst. Gewiß sind Judentum und Altes Testament nicht identisch. Man hat das Wesen des Judentums von mancherlei Gesichtspunkten her zu erfaffen gesucht. Tühring z. B. im wesentlichen von der Eigenart der semitischen Rafle her, Wahrmund von der Eigenart des unsteten Nomadentums. Die Einseitigkeit dieser Gesichtspunkte erscheint mir evident. 1 Eia Volk, das ein kanonisiertes Schrifttum von solchem Um- ' fange und solcher Bedeutung hat. wie das Judentum im Alten Testament, hat ein Recht darauf, daß dieses Schrifttum als wesentlicher, ja wichtigster Faktor zu seiner Wesensbestimmung herangezogen wird. Das Alte Testament ist für das Judentum symptomatisch, es. ist das. umfassende Dokument für den Geist dieses Volkes. Immer wieder haben es die Rabbiner Deutschlands erklärt, daß die heilige Schrift die Grundlage für die Lehre des Judentums sei, demgegenüber der Talmud nur als eine Quellenschrift für die Auffassung des biblischen Wortes in Betracht komme.*) so ergibt sich Notwendigkeit und Wert einer Vergleichung der Eigenart des Alten Testaments und der Eigenart des deutschen. Wesens. In dem Alten Testament liegt ein Schrifttum vor uns, das in der Abfassung seiner verschiedenen Teile ungefähr ein Jahrtausend umfaßt. Selbstverständlich kann ich mich hier nicht der Fülle der tertkritischen. literarkritischen und religionsgeschichtlichen Probleme widmen, die uns inden einzelnen Büchern dieses Gesamtwertes entgegentreten. Die alttestamentlicht Religionsgeschichte stellt heute allgemein das Alte Testament hinein in den großen Zusammenhang der alten Kulturen und Religionen und zeigt die vollkommene Verschiedenartigkeit seiner einzelnen Teile. So werden wir auch , im kurzen Umriß der Tasiache einer Entwicklung Rechnung tragen müssen. Aber nicht nur verschiedene Zeit und verschiedenartige Einflüsse, sondern auch der verschiedene schriftstellerische Charakter zerrchßt das gewohnt einheitliche Bild. Anders erzählt Sage und sagenumrankle Geschichte, als Gesetz und rituale Vorschrift priesterlicher Art. anders phantasievolle Poesie künstlerischer Empsindungskraft, als lehrhaft nüchterne moralische Erziehungs» weisheit, anders prophetisch kraftvolle Begeisterung, als schwermütig das Leben betrachtende Alterserinnerung. So wollen wir nicht versuchen, die Eigenart des Alten Testaments auf eine kurze Formel zu bringen oder harmonisierend ein einheitliches Bild zu gestalten, sondern wir wollen versuchen, in - einzelnen großen Zügen die Entwicklung des jüdischen Geistes im Alten Testament zu zeigen und so die Grundanschauungen des Alten Testaments aufzuweiien. Als solche Grundzüge greifen wir den Gottesbezriff, die.Sittlichkeit und das politische Denken heraus. Ter Gott des Alten Testaments, so hört man es 'immer wieder. Kt ein grausamer, blutrünstiger und blutdürstiger Herrscher. So spricht Wahrmund Zimmer wieder von dem „uralt henotheistischen, typhonisch hassenden und zerstörenden Nomadengott Jahwe'. Es ist fraglos, daß gewisse Züge des alttestamentlichen Gottesbildes diesen Eindruck bestätigen. Gott rächt an dem ersten Menschen die erste, wesentlich aus Neugierde und Unwissenheit motivierte.Sünde: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis daß du wieder *) Siehe H. Strack, Jüdische Geheimgesetze? Berlin 24. 8. Sufi. zu Erde werdest, davon du genommen bist.' (1. Moses III, 19). Er charakterisiert sich seihst (5. Moses V, 9): „Ich der Herr, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der die Missetat der Väter heimsucht über die Kinder in's dritte und vierte Glied'. Er befiehlt einem Vater, den eigenen Sohn zu opfern und. wenn er ihn auch im letzten Augenblick an der Tat verhindert, läßt er doch, die entsetzlichen Seelenqualen bis zu dieser letzten Sekunde zu. (1. Moses XXII, 2.) Er befiehlt den aus Aegypten ausziehenden Israeliten, Gold- und Silbergeiäle zu stehlen (2. Moses III, 22), und wird als der eine, henotheistisch, als der einzige Gott für Israel, als Nationalgott gefaßt. Alle diese Züge sind vorhanden und nicht wegzuleugnen, man streiche denn ganze umfassende Teile des Alten Testamentes. Das Neue zeigt demgegenübrr eine vollkommene Wandlung. Und doch wäre eS einseitig, ungerecht und unwissenschaftlich, das Gottesbild des Alten Testamentes mit jenen Zügen als abgeschlossen zu erachten, wie es etwa Wahrmund oder Delitzsch i» seiner „großen Täuschung' tut. Wir müssen den Gottesgedanken in seiner Entwicklung im Alten Testament sehen, wie er von jenem uralt henotheistischen Gottesbild bis heran an die Gottcsanschauung des Neuen Testamentes geführt wird. Es ist gerade daS Staunenswerte in der Religion Israels, wie hier im Gegensatz etwa zu den babylonischen Vorstellungen, die immer die Gottheit als Personifikation der Natur, bzw der kosmischen Erscheinungen behalten, ein Monotheismus sittlicher und universaler Art sich herauöbildet.. Der tiefsinnige Satz des Meister Eckhart: „Gott wird' erfüllt sich hier in der Entwicklung der Seele eines Volkes. Propheten und Psalmen weisen hier den Weg, aber auch Abschnitte der Geschichtsbücher (z. B. 1. Moses I, 1. Könige XIX) lassen die vertiefte Gottesanschauung erkennen. Gott ist hier — »m kurz zusammenzufassen — ßott der Erhabenheit, fern allem panlheistischen Denken, ganz überpersönlich, ganz übermenschlich, der Gott der Gerechtigkeit, der gerade in der Geschichte die Macht sittlicher Weltordnung erweist. der Gott der Kraft, zu dem daS Vertrauen sich in rückhaltloser Intensität (Jesaja, Jeremia, Psalm 73, 90, 91) wendet, aber auch der Gott der Barmherzigkeit, der an denen, die ihn lieben. Güte erweist bis ins tausendste Glied.*) Eine verwandte Entwicklung zeigen die Gebiete der Sittlichkeit und des politischen Lebens, die wir kürzer zusammenfaffen müssen. Sicher ist das sittliche Verhalten eines Abraham. Jakob oder David, aber auch eines Moses, Elia oder Elisa alles andere als einwandfrei. Lüge und Betrug, Ehebruch und Mord finden wir auf dem Lebensweg dieser oft als heilige Männer bezeichneten Gestalten. Aber wieder finden sich bei ihnen auch die Änfänge jenes sittlichen StrebenS. das. mehr als in den zu juridisch gefaßten 10 Grboten bei einzelnen Propheten und vor allem in dem schlichten Ernst der Spruchweisheit hervortritt. Man lese einmal, was in den Sprüchen Salomonis über das rechte Herz (II, 7; XII, 17; XX- 9; XXIII, 26), über die rechte Erziehung (I, 7; 8; III, 11; 12; XXIX, 15), über die rechte Ehe (XXX, 36); über die rechte Arbeit (X, 2; XIII, 7; XX, 17; XXVIII, 20) oder über das rechte Verhalten zum Nächsten XVII, 27; XIX, 17; XXI, 3; XXV, 2() gesagt wird. Wer hier das schlichte Wort von der Arbeit liest: „Jede Arbeit hat ihren Lohn', wird vielleicht den populär antisemitischen Satz, daß der Jude der Arbeit abhold sei, nicht mehr so leichtfertig nussprechen. Der in Nr. b des „Nationaldeutschen Juden' enthaltene Aufsatz über „DaS deutsche Handwerk und die jüdische Jugend' zeigt gut den Weg für eine praktische Widerlegung jenes antisemitischen Satzes. Wer den Satz liest: „Hungert deinen Feind, so speise ihn mit Brot, dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser' und dazu noch daS bekanntere, schon im Alten Testamem sich findende Wort nimyit: „Liebe deinen Nächsten als dich selbst' (3. Mosess XIX, 18). wird erkennen, wie der Altruismus der Ethik des'Alten Testamentes keineswegs fremd'ist.**) Das führt uns zu der Frage der Stellungen des jüdischen Volkes zu den an.eren Völkern, wie sie sich im Alten Testament findet, zu der Frage der Politik. Im Alten Testament ') Bgl die,zu die klare Torsirlwng ton F ff. Baumgäriel: Die Bedeutung de» A T "> Bgl dierzu Job Hänel: Aliiestamentliche Sittlichkeit, dargestellt gegen ihre amisemirrschen Verächter. j