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Der nationaldeutsche Jude · 1925-05-01 · Nr. 5 (Mai 1925) · p. Seite 8

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Journal
Der nationaldeutsche Jude
Volume
1925
Issue
Nr. 5 (Mai 1925)
Date
1925-05-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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r 8 Darauf hat wiederum ein anderer Zionist. Herr 1>r. Klee «nach dem Jüdischen Gemeindeblatt vom 3. April 1925), erklärt: ' ’ Ich roetfc von mir. dah ich mich mit diesem «taate «Deutschland!) und seiner Kultur eng verbunden fühle, und datz ich mich in der Treue zu seinen Institutionen von niemandem übertreffen lasse. Das ändert aber nichts an meiner Meinung, datz wir im Galuth leben. Ich stehe auf dem Boden der jüdischen Religion, für mich ist jüdische, nationale Ueberzeugung und der jüdische religiöse Gedanke nicht zweierlei, sondern etwas Einheitliches. absolut Zusammenhängendes, das sich nicht trennen lätzt. Also die Herren Zionisten fühlen sich nach wie vor in Deutschland im „Galuth"» d. h. zu deutsch: in der „Fremde". Das Wort hat den Nebenklang des schmerzlichen Heimwehs nach.dem für diese Herren wahren, d. h. asiatischen Vaterland, nach dem auszuwandern sie allerdings gar keine Eile zeigen.. Galuth ist das gleiche, wie das gutedeutsche Wort „Elend", das ja sprachlich auch nichts anderes bedeutet, als „Ausland . Die jüdischnationale Ueberzeugung und . die jüdische Religion sind für Herrn vr. Klee und doch wohl auch ftzr Herrn Goslar etwas Einheitliches. Untrennbares. Und trotzdem fühlen diese Herren sich berechtigt oder, gar berufen, die innere und äutzere Politik des Fremdlandes, als das sie Deutschland betrachten, nach Kräften zu beeinflussen. Herr Goslar beherrscht die preuhische Presse, Herr l)r. Badt informiert seinen Minister und den Preuhische» Landtag über preußische-Verfassung, und Herr Or. Klee zeichnet sozialdemokratische Eäulenänschläge mit Aufrufen bezüglich der deutschen Präsidentenwahl! Haben chiese Leute nicht von ihrem Standpunkte aus recht? " Im deutschen Judentum faßt man sie' mit Sammetpfötchen an und macht ihnen Komplimenteüber die Ehrlichkeit ihrer Gesinnung. die gar nicht bestritten werden soll, aber keine Entschuldiming bietet für ein Verhalten, das in seinem aufreizenden Mangel an Rücksicht aus wirklich deutsches Empfinden wie ein Schlag ins Gesicht wirkt. Bringt man aber den Fall vor die d e-u t s ch e Öffentlichkeit, so zetert ganz Zion über ..Denunziation" — und eine Menge jüdischer Wirrköpfr, die durchaus nicht Zionisten sein wollen, schreit mit. Die Berliner Jüdische Gemeinde und die zionistische llnioersität. Wir haben in Nr. 4 dieses Blattes berichtet, daß der Gemeindevorstand zunächst in einem Anfall von Energie die offizielle Begrühung der englisch-zionistischen Universitäts- Attrappe in Jerusalem abgelehnt hat, dann aber unter dem Einfluß der Herren Klee und Genossen prompt umgefallen ist. Die Quittung findet sich in der Jüdischen Rundschau vom 3. April 1925. ' Dort wird der Umfäll unter Triumphgeschrei bekannt gegeben mit dem Schluhsatz: „Wir freuen uns, daß durch diese Beschlüsse das Ansehen der Berliner Gemeinde wieder hergestellt i st." Und die Ueberschrift der Notiz lautete „Die Berliner Gemeinde rehabulitiert." Wir. gestatten uns, unseren herzlichen Glückwunsch auszusprechen. . __ * ßücbcrfchau. Zuerst abgedruckt in der „Berliner Börsen« Zeitung" vom 12. Äpril 1925. Goethe und die Juden von- Heinrich Teweles. «Verlag W. Genie. Hamburg, 1925). Der Verfasser hat mit bewundernswertem Gelehrtenflcitze aus Goethes Schriften und aus Berichten über seine «bespräche alles zusammengetragen, was über die Stellung des Dichters zu Juden und Judentum irgend zu ermitteln war. Das Ergebnis ist trotz eines gewissen Uebermahes an Einzelheiten — das Register allein umfatzt.60 Seiten gegenüber 142 Seiten Teil — ein gefälliges, leicht lesbares Buch geworden, das jeden Goethefreund, fesseln mutz, auch wenn' er kein „Stoffhuber" im Sinne Fr. Th. Vischer's ist. Aber Teweles will nicht nur unterhalten, er will beweisen. Sein Buch soll Material, womöglich die Lösung bringen für die heute so oft erörterte Frage: War Goethe Antisemit?! Seltsame Frage! Goethe ist fast 83 Jahre alt geworden. In dieser Zeit baut sich das Zellengebäude des menschlichen Körpers ein Dutzend Mal um. dah kein Stein auf dem anderen bleibt, und der Geist, jcr der Geist wohl noch öfter. Wer ist der Goethe^ auf den sich die Frage bezieht? Ist es der junge, leichtherzige Mensch, der, witzbegierig durch die Judengassen seiner Vaterstadt strich, mit einem aus Widerwillen und Belustigung gemischten Gefühl das Gebahren der fremdartigen Gestalten beobachtete, von einem getauften Polizisten-Oriainal zum Spatz das' Judendeutfch lernt« und literarische Versuche in diesem Idiom anstellte? Oder ist es der Weise, der^tuf dem eisigkalten Gipfel der Einsamkeit seine .letzten Jahre verlebte, vergrübest in Studien, die weit über kleinliches Menschenwerk hinausführten. von der Menschheit, Christen wie Juden, durch eine breite Zone der Fremdheit getrennt? Ist es schliehlich eine der Uebergangsformen,. durch die sich das junge Wcltkind zum lebensfernen Greise entwickelte? Man braucht nur die Frage in diese ihre Elemente aufzulösen, um ihre Unsinnigkeit zu entschleiern. Eine Unsinnigkeit. die immer die gleiche ist, mag sich die Frage auf Goethe beziehen oder auf einen anderen Menschen,^ den man mit Stoppuhr und Momentaufnahme auf die Meinung eines Augenblicks festnageln will, um ihn zum Eideshelfer für irgendeine These zu stempeln. Und noch ein anderes tritt hinzu. Nicht nur Goethes Körper und Geist haben sich umgeformt in den vielen Jahrzehnten seines Lebens, auch die Auhenwelt selbst, in der dieses Leben verlief, ist inzwischen gründlich anders geworden. Als Goethe jung war, sahen die Juden, seine Juden, im Frankfurter Ghetto, und kein noch so freier Geist konnte erwarten, dah sie in den nächsten Jahrzehnten etwas anderes werden köhnten, als ein von Mauern gegen die Umwelt abgesverrtes,, bei Tage auf beschränktem Raum bewegungsfreies. bei Nacht von Stadtsoldaten hinter festen Toren bewachtes Stück Orient. Als Goethe ein Mann war. wurden im Zeichen der Menschenrechte Menschen geköpft und Napoleon, der dann auf dem Schädelberge zur Höhe stieg, sprach auch die Befreiung der Juden aus. Wohlverstanden: für Frankreich. In! Deutschland dauerte es noch viele Jahre, bis die Befreiung durchgeführt war, und sie verlief in diesen und jenen Teilen des Reichs, das gerade damals in Splitter zerfiel, in ganz verschiedenem Zeitmahe. Unter den Briefen der Frau Aja an ihren „Hätschelhans" ist einer, in dem die alte Dame recht boshaft darüber spottet, dah die Frankfurter Juden „an ihrem Messias irre geworden sind", weil man ihnen zuerst gestattet hat, außerhalb der' Stadt zusammen mit Christen spazieren zu gehen, weil dann aber diese Erlaubnis sehr bald durch eine neue „Iudenordnung". die Goethes Mutter „ein wahres Meisterstück in seiner Art" nennt, wieder entzogen worden ist. Dies war im Jahre 1808. Und im Jahre 1832. als Goethe starb, waren die Ghettomauekn längst gefallen und die Juden waren Staatsbürger, wenn auch noch nicht überall vollen Rechtes. Nicht wenige von ihnen hatten die Freiheitskriege mitgekämpft, viele hatten die Farben der Burschenschaft getragen und für Deutschlands Einheit gelitten, deutsche Literaten hohen und niederen Ranges waren aus ihrer Mitte hervorgegangen und auch jener Felix Mendelssohn, dessen Spiel der Olympier mit Ergriffenhtit lauschte, der ’ so viele herrliche Worte des Dichters in nicht minder herrliche Klänge umformte. Konnte ein Geist wie Goethe zu den Juden von 1832 noch die gleiche Stellung einnehmen, wie zu denen von 1749? Er hat in seinem langen Leben mancherlei über Juden gesagt. Freundliches und Unfreundliches, Belangloses und Tiefes. Er hat oft, wenn er das Wort „Jude" aussprach, gewitz nur die Schacherjuden im Sinne gehabt, die er aus dem Ghetto seiner Heimatstadt kannte, und hat sich nichts Böses dabei gedacht, so wenig wie bei dem ..Judenkram", den Frau Aja in der Grohstadt Frankfurt eingekauft hatte und ihm nach Weimar schickte. Und er ist ein anderes Mal. wenn er mit irg« »deinem Literaten. Musiker oder Schöngeist sich abfand. garricht auf den Gedanken gekommen, datz dieser Mensch nebenher r och ein Jude war. Er hat von dem Alten Testament gesprochen, und diese seine Worte sind vielleicht der einzige seiner Aus prüche über das Judentum, der noch heute Geltung hat: „Ei ist kein Widerwille, der erregt wird aber es ist gar ke n Wille: keine Abneigung, aber eine Unneigung. Jene Muhen, wahrhaft grotz, stehen in einer ernsten Ferne respektabel da und unsere Jugendandacht wird 'daran geknüpft. Wie aber jene Heroen in die Gegenwart treten, so fällt uns ein, datz es Juden sind, und wir fühlen einen Kontrast zwischen den Ahnherrn und Enkeln, der uns irre macht." In reiferem Alter hat Goethe mit Juden freundschaftlich verkehrt, hat mit hübschen, geistvollen Jüdinnen gescherzt und sich ihre Huldigungen gern gefallen lasse», hat das literarische Verständnis der Juden gepriesen und hat, als er Lessings Nathan las, den Wunsch ausgesprochen, „das Duldungs- und Schonungsgefühl möge der Nation heilig und wert bleiben". War dieser Mann Antisemit? Mützige Frage! Er war es vielleicht an einem Tage und am nächsten nicht mehr, war es vielleicht gegen den einen Juden und gegen den anderen nicht. Er war. der er war, der Einzige, Riesengrotze, mit den Matzstäben der Parteiphilister nicht Metzbare. schon auf der Höhe des Lebens und dann bis in seine letzten Stunden hinein Einsame, von allem Menschenkram durch den | breiten Gürtel innerer Fremdheit Getrennte. Die Judenfraae war nur ein Tropfen in der Flut der Fragt«, die das Leben diesseits und jenseits der Dunstzone unseres Planeten I ihm aufgab. Und »hliehlich noch Eines: Was würde es denn besagen, wenn Gojethe wirklich sein Heben lang zu „den Juden"

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