Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1925
- Issue
- Nr. 4 (April 1925)
- Date
- 1925-04-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 8 - wir ge- März ist eintreten zu lassen, wenn sich Herausstellen sollte, das; die Auswahl! nach der berasteigeriswen Leistung nicht die im Interesse des Gedeihens der Sektion und ihrer Stellung im Gesamtverein für unabweislich erachtete Einschränkung des'jüdischsn Zuwachses jur Folge habe. Wenn nun. wie es von den einsichtigen jüdischenMitgliedern seit Begiyn der Krisis gesagt wird, schon von diesen aus der Zuzug lüdischer Mitglieder eine Einschränkung erfahren wird, so wird sich in Wirtlichkeit damit jede weitere Mahnahme von selbst erübrigen." Ich gebe mich der Hoffnung hin. dah diese Fassung Ihren Herren Glaubensgenossen Anlaß seilt wird, durch ihre Stimmabgabe datzu beizutragen, der Sektion Berlin die Ruhe wieder zu geben.! Mit vorzüglicher Hochachtung! ~ sehr ergeben i i gcz. R. Hauptncr. Wir betonen nochmals, wie es schon in bcnt Artikel des Herrn Professor Ginsberg geschehen ist. gegenüber schwindelhaften Gerüchten, die unentwegt auch jetzt noch verbreitet werden, daß unter den von Herrn Dr. Hauptnör erwähnten „einsichtigen jüdischen Mitgliedern", die sozusagen ihre ausdrückliche Zustimmung oder gar die Anregung zur Einführung eines,numerus elsusus gegeben haben sollen, keine führende Persönlichkeit unseres Verbandes ist. llebrigens habest ja die Herren, die, anscheinend gemeint sind, inzwischen in einem eigenen Rundschreiben ihr Inkognito gelüftet und gleichzeitig erklärt, dah auch sie sich nicht in der von Herni Dr. Hauptner angedeuteten Form geäußert hätten. Tie etwa noch nötige Auseinandersetzung über diese Unstimmigkeit mögen troft den unmittelbar Beteiligten überlassen. In der Hauptversammlung der Sektion voln 13. der alte Vorstand mit 1206 gegen 73!» Stimmen hei zahl reichen Stimmenthaltungen wiedergewählt wordet. Als. nach Erledigung der .satzungsmgßigen Formalien und denj Referat des Vorsitzenden in die Aussprache eingetrcten tiirrten sollte, für die nach einer zwischen den „Parteien" geti offenen Vereinbarung eine gleiche Zahl von Rednern beide' Richtungen vorgemerkt war. wurde aus der Versammlung i r stürmischer Form der Wunsch geäußert, ohne jede Debatte sofort zur Wahl zu schreiten. Nach einem kurzen Hin uud Her aufgeregter Geschälteordnungsbemerkungen wurde dieser Antrog mit überwältigender Mehrheit angenommen. Die Minder! >eit, die eine Aussprache wünschte, war sehr viel geringer als! dicj, welche später gegen den alten Vorstand stimmte. Die vost einigen Zeitungen aufgctischte Nachricht, daß es bei dieser Geschäftsordnungs-Abstimmung zu „den üblichen antisemil scheu Pöbelszenen" gekommen sei. ist maßlos übertrieben und irreführend. Der Beschluß traf die eine Partei wie die andere und die Stimmung der Versammlung richtete sich unverkennbsir gegen jedes Gerade ohne Bevorzugung oder Bemchteiligung einer bestimmten Rednergruppe. Zweifellos ist natürlich unter den 3000 Mitgliedern der Sektion, von denen mihr gls 2000 anwesend waren, auch ein gewisser Bruchteil antisemitischer Rüpel, und von diesen mögen vereinzelte Zurufe t er bekannten Art gemacht worden sein.' Andererseits ist festz! »stellen. daß es auch bei einzelnen jüdischen Versammlungsteilnehmern zu Verstößen gegen die elementarsten AnstandSpflichten gekommen ist. Immerhin, diese Radauelemente der beiden F ügejgruppen haben keineswegs in der Versammlung den Ton angegeben; sie haben insbesondere die Abstimmung darüber, büß hon jeder Debatte abgesehen werden sollte, in keiner Weise entscheidend beeinflußt. Was die erdrückende Mehrzahl aller Anwesenden, darunter auch sehr zahlreiche Juden, die späte« gegen den. alten Vorstand ihre Stimme abgegeben haben, zur Abschneidung jeder Diskussion bewogen hat. war ausschließlich! daö Gefühl der Uebersältigung durch die Schreibereien und Reoereien, von denen die letzten Wochen vor der Versammlung erfüllt waren. Die Radauphrasen einzelner Radikalinskis gingen ynlec in den von allen Seiten hagelnden Zurufen: „Wjr haben gerugl" — „Wir wissen ja alle, was wir wollen" —- „In deit le;ten Zeit täglich mindestens ein Flugblatt" — „Was sollen wir lunS das stundenlange Geschwätz anhören" — „Die einen! sind genau solche Ouatschköpfe wie die anderen" — „Die wollen sich nur reden hören" — „Wir wollen endlich wieder linse re Ruhe haben" — „Sofort abstsinmen" usw. Von einigen Mitgliedern ist unserem Verband! «Vorstand nahegelegt worden, zu dem Ergebnis der Wahl und!>en Vorgängen, die sich vor der Wahl abspielten, urteilend Stellung zu nehmen. Diesem Wunsche stattzugeben sind wirjiiidit in der Lage. Wir wiffen, daß in dieser Hinsicht innerhalb! unseres Mitgliederkreises verschiedene Anschauungen bestehjn, und der Fall ist geradezu typisch dafür, daß wir die Ssindenueinungen unserer Mitglieder ochten und uns jedes Eingriffs „ex cathedra1enthalten müssen. Die Entscheidung der Frage, ob es geboten war, den alten Vorstand umzubilden oder ganz „abzusägen", war zil der Zeit, als es zur Abstinkmung kam. auch für den deutschfühlenden Juden, dem zionistische Hetzerkien so unsympatisch sind wie „deutschvölkische", nicht mehr einheitlich zu beantworten. Wie es so oft geschieht, kreuzten sich gerade in den Menschen, die sich nicht g^rn mit Schlagworten abspeii'e» lassen, sondern ehrlich um Erkenntnis ringen, mancherlei Gefühls- und Berstandesregungen. Das hat. mit Deutichtunr so wenig zu schaffen wie mit Judentum, und sicherlich hat sich ein nicht geringer Teil der nichtjüdischen Sektionsmitglieder in genau dem gleichen Gewiffenstonflikt befunlen. Es ist bezeichnend genug, daß sich ein paar hin dert Sektionsmitglieder. Juden und Christen, schließlich der Ei tscheidiing durch Stimmenthaltung odkr Weggehen vor der Abstiiiimung entzogen haben, ganz abgesehen von oenen, die von vornherein weggeblieben waren. Natürlich ist solche Enthaltsamt nt keine Lösung, aber ein gewisses Verständnis wird man auch diesen Mitgliedern entgcgenbringen müssen. Bei vielen ist sicherlich für ihre persönliche Stellungnahme entscheidend gewesen 4wie übrigens auch bei vielen Abstimmungs-Teilnehmern —. dpß sich nur zwei Listen gegenüberstanden und daß auf jeder von beiden neben Männern, gegen die schlechterdings von keinem Standpunkte aus etwas einzuwenden war. einzelne-Persönlichkeiten standsst, die in den Resolutions- und Rundschreibcn-Kämpfen der letzten Monate durch persönliche und sachliche Entgleilsungen zur Zuspitzung des Konflikts wesentlich beigetragen hallen. Nur der Einzelne konnte unter diesen Umständen entscheiden, welche Liste für ihn daS kleinere Uebel war. Daß diiese Entscheidung gerade von den wertvollsten Menschen nicht einfach nach primitivsten Gefühlsimpulsen getroffen werden konnte, daß auch keine Organisation ihren Mitgliedern diese rein persönliche Entscheidung abnehmen konnte, müßte jedem Einsichtigen klar sein. Aber ^s gibt nun einmal auch Uneinsichtige. Noch heute stellen sich harmlose Gemüter vor, am 13. März häyen „die Antise miten" oder „die Christen" geschlossen gegen „hie Juden" oder „die Nichtantisemiten" gestimmt. In einem ostdeutschen Zionistenblatt. das sich an geistig 'nicht sehr hock stehende Leser wendet, wurde sogar berichtet, bei der- Wahl habe eine „antijüdische" Partei einer „demokratischen" gegenübergestanden. So malen sich in manchen Köpfen die Dinge. Es liefe auf Leichenrednerei hinaus, hesite noch zu erörtern, ob oder warum es soweit kommen mußte, wie es gekonnnon ist. Schwere Fehler sind zweifellos auf beiden Seilen gemacht woxven und es. war für den. der sich mühte. Distanz zu ^drmDmgen zu Hallen, gleichzeitig spannend und niederdrückend zu beobachten, wie beide „Parteien", die ursprünglich gar nicht feindliche Parteien waren, sich immer weiter auseinander Fehler klugdeiit Zurück letzten manöverierten, wie sie keinen irgendwie „greifbaren" ausließen und sich durch Hetz- und Hitzköpfe von Unzu Unklugheit drängen ließen, bis eS schließlich kein mehr zu geben schien. Unser Verband hat bis zum!Augenblick sich bemüht, ausgleichend hu wirken und zu verhindern, daß die Abstimmung unter dem Schlachtruf: „Hie Juden — hie Nichtjuden" vor sich ging. Unser letztes Schreiben an den Sektionsvorstand gehört in die lange Reihe dieser- Versuche. DaS oben wiedergegebene Antwortschreiben, zu dem wir sachlich aus den erörterten Gründen nicht Stellung nehmenkönnen, kam zu spät, um unseren Mitgliedern noch bekanntgegeben zu werden. Zu verzeichnen ist aber, daß der — demnächst wiedergewählte — Vorsitzende Dr. Haupiner in seinem Versammlungs-Referat ausdrücklich erflärt hat, dein Vorstand liege jeder „Antisemitismus" feru und der Wunsch, für die Zukunft in irgend einer Form das weitere unverhältnismäßige Anwachsen der jüdischen Mitgliederzahl zu verhindern, beruhe lediglich auf „vereinspolitischen" Erwägungen. Der Sinn dieser Ausführungen ist klar. Man fürchtet in den Kreisen um Herrn Dr. Hauptner, daß die Sektion Berlin, wenn sie „übtrjudet" würde, in derselben Weise den Zielpunkt „deutschvölkischer" Angriffe bilden könnte, wie früher die Sektion Donauland, sind daß sie infolgedessen schließlich denselben Weg gehen mußte, nämlich den Weg auS dem Alpenverein hinaus. Ob diese Befürchtung sachlich berechtigt und welcher Weg einzuschlagen war. um diese etwaige Gefahr zu bannen, fällt in das Gebiet der sachlichen Erwägungen, die kein Verband für seiiie Mitglieder anstellen kann, sondern nur jedes Mitglied für sich selbst, und die, bei sonst durchaus gleicher Gefühlsrichtung, für verschiedene Mitglieder zu ganz verschiedenen Ergebnissen führen können.