Der nationaldeutsche Jude
- Journal
- Der nationaldeutsche Jude
- Volume
- 1925
- Issue
- Nr. 3 (März 1925)
- Date
- 1925-03-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/6682492-5438640-5438774--033-4871255- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zu den Vorgängen in der Sektion Berlin des D. u. Oe. Hlpenvereins. von Prof. Dr. S. Ginsberg. Mit den. folgenden Ausführungen soll der Versuch gemacht werden, vornehmlich denjenigen unserer Vcrbandsinitglieder. die gleichzeitig der Sektion Berlin des D. u. O e. A.-V. angehören, eine möglichst objektive Darstellung der Vorgünge in unserer Sektion auf Grund der Tatsachen zn geben, sine im et studio. so schwer das auch ist. h Das Vorgehen der Sektion Austria gegen Donaul a n d entsprang ausschließlich völkisch-antisemitischen Beweggründen. Das wurde »och auf der Rosenheimer Versammlung vom Juli 1924 ganz ehrlich ausgesprochen, als angebliche „Verfehlungen" der Sektion Donauland noch nicht bekannt waren. Der erste Vorsitzende unserer Sektion Berlin hat in seinem — in derSitzung vom IS.Oktober 1924 erstatteten — Referat dies ebenfalls nachdrücklich hervorgehoben und erklärt, daß unser Sektionsvorstand sich auf den Rechtsstandpunkt stelle und dementsprechend auf der Hauptversammlung in München mit seinen sämtlichen Stimmen gegen den Ausschluß von Douäuland stimmen werde. Er fügte hmzr^-daß der Vorstand der Sektion Berlin, falls er in München überfümmt werde. — waL.nach dem Stimmenverhältnis auf der Rosenheimer Tagung wahrscheinlich war — natürlich die Bereinsdisziplin wahren und sich der Majorität fügen werde^um den Frieden im Alpenverein nicht zu gefährden. 2. Gegen diesen Schlußsatz erhob bald eine Anzahl von Sektionsmitglicdern — die Herren Stabel, Kaufmann, Badt usw. - Widerspruch. In dieser Gruppe waren verschiedene Triebkräfte maßgebend. Die Aktion beruhte teils auf wirklichkeitsfremdem Idealismus sowohl jüdischer wir nichtjüdischer Mitglieder, teils auf den« verletzten Selbstgefühl von Juden mit stark ausgeprägtem Solidaritätsempfinden. Endlich aber war die jüdisch-völkische Richtung beider Gruppe und ihren Anhängern vertreten, Zionisten, die sich bewußt als von den Nichtjuden völkisch verschieden, als Angehörige eines „jüdischen Volkes" fühlen, und die als der radikalste Teil eine starke Triebkraft der Gruppe insofern darstellten, als sie ihrer Grundeinstellung nach nicht fürUeberwindungderGegensäye, sondern für deren möglich st e'Verschärf ri n g w i r k e n m u ß t e n. Die Gruppe in ihrer Gesamtheit wurde-.bald als „jüdische Gruppe" bezeichnet, in der Anschauung, daß sie im wesentlichen von „den jüdischen Sektionsmitgliedern" gebildet werde. Das Irrige dieses verallgemeinernden Urteils zeigt sich schon in der Tatsache, daß gegen diese Gruppe von Anfang an andere jüdische Mitglieder, die sogenannten „Prominenten", auftraten. Daß diese letzteren später, wohl unter dem Eindruck der Stimmung in der Sektionsversammlung am 27. November 1924, ihren eigenen, gegen die Gruppe Badt-Kaufmann-Stabel gerichteten Antrag zugunsten des gegen den Vorstand gerichteten Antrags Heusler zurückzogen, kann an der Tatsache nichts ändern, daß schon das Auftreten dieser „Prominenten" wieder einmal gezeigt hatten das Judesein bedingt nicht ein verbundensein der Juden unter allen Umständen. Dem Sektionsvorstand selbst muß dies auch bewußt sein, da er ja selbst angibt, daß der Ausdruck „jüdisch-völkische Gruppe" zuerst von jüdischer Seite gebraucht worden sei (Bericht über die Mitglicderversainmlung der Sektion Berlin in der Dezembernunimer der Mitteilungen der Sektion Berlin Nr. 226). Es sei übrigens bei dieser Gelegenheit (wie schon wiederholt gegenüber dahingehenden falschen Behauptungen in der Senentlichkeit geschehen ist) noch einmal darauf hiitgeiviesen, daß unter den „jüdischen SektionsMitgliedern", die jenen Ausdruck zuerst gegenüber dem Sektions-Vorstand gebraucht haben sollen, kein Vorstands- oder sotist führendes Mitglied unseres Verbandes ist, ebensowenig wie u n t er d en „äl t eren j ü d i s ch e n Mitgliedern", die nach demR und sch reiben des S e k t i o n s - V o,r st a n d e s vom 14. Februar 1925 b e i dem Vorstand die „Einschränkung d«-r Meldungen jüdischerMitglieder" angeregt haben sollen. Daß die Gegensätze überhaupt bald auf die Formel „Hie. Juden — hie Christen" gebracht werden konnten, ist ja nur der Ausfluß einer Tendenz, die sich heute auf allen Gebieten des östentlichen LebenS in ähnlicher Weife bemerkbar macht. Wir müsien, um diese Erscheinung zu verstehen, eine ruhige und sachliche Würdigung der Gesamtlage versuchen. Die hier angestrebte Sachlichkeit ist nicht gleichbedeutend mit jener in unserem Vaterland« genugsam bekannten Art sogenannter Objektivität. di« beim Gegner alles Recht, auf der eigenen Seite alles Unrecht sucht, eine Eigenschaft, die für den einzelnen vielleicht sehr ehrenwert, für daS Ganze aber immer unheilvoll ist. Wir müffen uni, vor allem eine Tatsache vor Augen halten. . „Der Jude" wird bei unS im Kollektivbegriff von den meisten oder von sehr vielen Nichtjuden heute alS andersartig empfunden, und zwar nicht oder mindestens häufig nicht der einzelne Jude, wohl' aber der Jude als personifizierte Vorstellung e i n e r G e s a m t h e i t. Wie weit dabei wirkliches Gefühl. Suggestion. Verallgemeinerung von Einzelerlebnjffen oder Sehnliches eine Rolle spielt, ist hier nicht zu crömern. Wohl aber ist zu betonen, daß in der Behauptung des!.Andersseins" an sich kein moralisches Werturteil liegt: p n p e r 8 a ri_i g bedeutet nicht minderwertig. Daher ist moralische Entrüstung über diese Erscheinung nicht angcbvacht; die Persönlichkeit des einzelnen wird hurch diese FremdartigkeitSempfindung. so schmerzlich man davon berührt werden mag, garnicht getroffen. Von radikalen Antisemiten ist hier selbstverständlich nicht die Rede, sondern nur von solchen Nichtjuden, welche zwar die Verschiedenheit empfinden, aber j durchaus ruhig und ohne Gehässigkeit. Es darf hierbei daraus! hingewiese» - werden, daß ein wohl nicht geringer Teil der christlichen Sektionsmitglieder ausdrücklich den „aufrichligett Wunsch" bekundet hat, „mit den jüdischen Sektionsgenosien in der alten Eintracht weiter -zusammen zu arbeiten" (Rundschreiben vom 2& Februar 1925), und ebenso hat der erste Vorsitzende des Sektionsvorstandes, Herr Kommerzienrat Haujptner, wiederholt erklärt, daß ihm jeher Antisemitismus fernliege. Jene Empfindung des Andersseins wird verschärft und oft erst hervorgerufen durch Vorgänge, welche eine größere Anzahl vonJuden alsgeschlosseneMasse (selbst wenn Christen dabei sind) mit einer Tendenz erscheinen lassen, die i sich gegen einen christlichen Teil, wie hier den Seknonsvorstand und die Sektionsmehrheit, richtet. Wird aber einmal daS Bestehen dieser Empfindung bei der Mehrzahl der Seknonsmitglieder als vorhanden anerkannt, so muß deren Befirchtunh. daß ihre Mehrzahl, sich durch übermäßige Zunahtne der „Anderen" in eine Minderheit verwandeln könnte, d. hi, kraß ausgedrückt, die Besorgnis vor einer „Ueberjudung" der Sektion mtt ihren bei der jetzigen Verschärfung der Gegensätze störenden Folgen für das Vereinsleben, auch bei uns Juden Verständnis finden. Der Verlauf der Dinge hat gezeigt, daß dieses Verständnis nicht überall vorhanden ist. Ferner aber zeigte sich mit besonderer Deutlichkeit auch hier, wie durch eine antisemitische oder als antisemitisch empfundene Maßnahme Juden, die innerlich total verschieden find, zu einer gewiffen Einheit zusammengedrängt werden können. Den Anschauungen der jüdischen Sektionsmitglieder, die schon im frühesten Stadium der Sache im Sinne einer Verständigung und Wahrung der Vereins-Disziplin gegen die Bestrebungen der sogenannten „jüdischen Gruppe" gerichtet waren, gab unser VerbandSvorfitzender in ZeitungSaufiätzen Ausdruck, vor allem n einem Aufsatz, der am 13. Dezember 1924, am Tage vor dem Ausschluß der Sektion Donaitland, in der Berliner körsen-Zeitung erschien. Auf 3. «treiben der Gruppe Badt—Kaufmann—Stabel kam es zu der Sektions-Versammlung vom 27. Nooenchcr 1924, die stürmisch v trlief und in der ein Antrag HeuSler mit 544 gegen 366 Stimmen angenommen wurde. Der letzte Absatz dieses Antrages l tutete: „Die Sektion Berlin fordert die bedingungslose Zurül nähme des Antrags auf Ausschluß der Sektion Donauland! und behält sich im Falle deS AuSschluffeS alle weiteren Maßnahmen hinsichtlich ihrer Stellung zum Gesamtverein vor.'! (»Mitteilungen der Sektion Berlin", Dezember 1924.) Der SeklionS-Borstand war der Ansicht, diesem Abstimmungs- Ergebnis, weil es seiner Ansicht nach auf einer Zufalls-Mehrheit beruhte, keine weitere Bedetttung beilegen zu sollen, sah aber in dem Vorstoß der sogenannten „jüdischen Gruppe" eine gegen ihn. den SektionS-Dorstand. gerichtete Handlung. In ähnlicher