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Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V. · 1924-11-01 · 5 (November 1924) · p. Seite 10

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Journal
Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
Volume
1924
Issue
5 (November 1924)
Date
1924-11-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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sich trotzdem — von gelegentlichen Entgleisungen eines Lokalreporters abgesehen — von dem sonst in ihrer Partei vorherrschenden Antisemitismus frei gehalten und unsere Bewegung stets als den einzigen aussichtsvollen Weg zur allmählichen Lösung der Judenfrage anerkannt. Tie Schriftleitung. Judentum und Deutschtum. ii. Einen eigenartigen, zeitweise recht stürmischen Verlauf nahm eine öffentliche jüdische Versammlung, die am Montag abend in Breslau im Friebeberg slattfansd. Einberufen war sie von der Breslauer Bezirksgruppe I des Verbandes ziatjonaldeutjcher bilden, der sein Programm in einer seiner Veröffentlichungen in den Satz zusammenfaßt: „Wir wollen die Grundlage schaffen für gemeinsame Arbeit nationaldeutscher Juden und nationaldeutscher Nichtjuden zum Wiederaufbau des armen, zerschlagenen. Vaterlandes." Erreicht werden soll das du^ch Verständigungsarbeit nach außen. Erziehungsarbeit nach innen und Entwickelungsarbeit an der Jugend. An diesem Abend, nun war der Führer! des Verbandes. Ur. Mär Naumann aus Berlin, erschienen, um über das Thema „Der natio nald^utsche Jude in der deutschen Umwelt" zu sprechen, und das hatte international gerichtete Elemente 1— Zionisten und Sozialdemokraten und sozial demokratische Zionisten — in großer Zahl auf den Plan gerufen. Den Resonanzkörper dieser Opposition aber bildete eine Ncasse unreife Jugend beiderlei Geschlechts, deren Verhalten auf die politische und gesellschaftliche Erziehungsweise in diesen Kreisen ein eigenes Licht warf. In Spektakelmacherei leistete diese junge Welt schon Mannesarbeit. Dis. Naumann, gleich mit Beifall unle ^Pfeifen empfangen? suchte den Verhandlungen zunächst -eine ge^ wisse Klarheit und Präzision zu sichern, indem er darauf! hinwier. daß Auseinandersetzungen über das Wesen.! des I u de n t u m s nicht identisch seien mit solchen über die Judenfrage. Meist werde des Versuch gemacht, die Erörterung über die Grundfrage so umzu biegen, aber dann bleibe .sie Theorie: von praktischer Be deutung sei nur die Judenfrage, das Verhältnis der Menschen jüdischen Stammes zu ihrer andersitammigen Umwelt. Entscheidend für die Gestaltung dieses Verhältnisse so führte der Redner dann«-aus, ist nicht die . Eigenart der Juden, sondern ihre Einstellung zu Per andersstämmigen Umwelt. Hinsichtlich der Einstellung zum deutschen Wesen haben sich in der deutschen Juden beit drei Eiruppen von ganz verschiedener Gesühlsrichtung Iicrausqebildet: die jüdisch-nationale, die nationaldeutsche und dse der sogenannten Zwischenichichtler. Der Jüdisch nationale handelt stets aus jüdischem Empfinden heraus, der ^skoischenschichtler, in dem deutsches und jüdisches Empfinden sich die Wage halten — und aus solchen Zwischenschichtlern besteht die Hauptmasse der deutschen Judenkeit «Mißverständnis des' Berichterstatters.' Die Schritst.) — entscheidet sich von Fall zu Hall, je nach dem das eine oder das andere Empfinden die Oberhand gewiniit. Wie wirkt sich nun die nationaldeutsche Ge tühlseinitellung aus? Einen Prüfstein dafür bildet die Ostjüdenfrage. Der Zustrom solcher Oitjuden, die unsere schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse ausnuhten. in zum Stillstand gekommen, aber eine Oitjudengefahr beslehlj heute noch: das Ostjudentum i't sozusagen das Rekrutendepot des Zionismus, und jeder Ost jude, per heute nach Deutschland kommt, wird sofort von der ausgezeichnet funktionierenden zionistischen Organisation ergriffen und eingereiht. Und zum. größten Teil Ostjuden der jüngeren Generation sind die. zionistischen Werber, die auch solche deutsche Juden, die den Willen Habens Deutsche zu sein, im jüdisch-nationalen Sinne be-- einflussen. und die in erschreckendem Umfange die Jugend auch deutschfühlender Eltern einfangetr und in ihrem Emp finden« den Ellern entfremden. „Diese Oitjudengefahr halten! wir für eine Dauergefahr, und wir halten uns für verpflichtet, sie weiterhin zu bekämpfen. Utzd das ist der Punkt, in dem wir wiederum bekämpft werden von denjenigen Juden, die meinen, daß es nur auf die Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten ankomme, nicht auch auf die Gefühlseinstellung. Hier aber liegt der Kernpunkt der Frage. Der Zionismus ist eine (befahr nicht nur für unsere nationaldeutschen Juden, sondern eine Gefahr für Deutschland: denn er züchtet ein Volk im Volke, das innerlich nur losen Zusammenhang mit Deutschland hat. und es gibt-ja im Zionismus. Stimmen genug, die ihn ganz bewußt ins Asiaten tum Hineinitellen wollen. Wenn der Zionismus in Deutschland sich durchsetzte, würde er die Jgden in Deutschland in dieselbe unglückliche Rolle bringen, in der sie sich in Polen, in Rumänien, in den Randstaaten befinden, nämlich in die Rolle einer ständig unterdrückten nationalen Minderheit. Aber noch höher als die praktisch« steht uns die gefühlsmäßige Seite der Sache. Wir können uns nicht zu einem jüdischen Volke bekennen, das w r nicht anerkennen, sondern nur zu einem Volke, mit den unser Sinnen und Sein in jeder Faser verknüpft ist. ur d das ist das deutsche! Das hat nichts mit „Gern anenspielerei" zu tun, denn unseres Judentums, das ß quch unser Wesen in einem gewissen Grade beeinflu t, bleiben wir uns dabei bewußt und wollen es nicht feig verleugnen. Aber in einem so geschlagenen und noch vielfach bedrohten Volke wie dem unseren genügt eben nicht die bloße Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten und ein allgemeines deutsches Kulturgefühl, sondrtn ein solches Volk muß von seinen Angehörigen mehr verlangen: Volksgesinnung, die darin besteht., daß man sich in innerlichem Zusammenhänge fühlt auf tpedeih und Verderb, daß man nicht den Wunsch und auch inicht die- Möglichkeit hat, in einem anderen Volke zu leben. Und so lange es den deutschen Juden nicht gelungcfn ist. sich derart in die deutsche Volksgemeinschaft cinzugliedern, so lange wird die Judenfrage in Deutschland nicht aus der Welt kommen. Denis die Judenfrage und der Antisemitismus bestehen nichtierst seit neuerer Zeit, sondern schon seit jenen Tagen, als per erste Jude in die Diaspora hinausging, als die Juden Glieder der Wirtsvölker nicht werden konnten und gefühlsmäßig auch nicht werden konnten. Zur Lösung der Oudenfrage kann also der Kamps gegen den Anti semifismus nicht führen, und auch die Auswanderung, nach« Palästina gibt nur eine teilweise Lösung. Endgültig gelöst werden kann sie nur durch eine entsprechende Einstellung der deutschen Judenheit zur deutschen Umwelt." Der durchaus sachlich und ruhig gehaltene Vortrag war > wiederholt nicht nur von Beifall, sondern auch von lärmenden Gegendemonstrationen unterbrochen worden. Am-Schlüsse gab es stürmischen, lang anhaltenden Beifall. Aber als der Vorsitzende ankündigte, daß für die Ausspräche wegen der vielen Wortmeldungen die Redezeit begrenzt werden müsse, ging schon wieder ein mächtiger Lärm los. Und in der Aussprache selbst ging keiner der Gegenredner auf die Kernfrage ein. wohl aber hagelte cs Verhöhnungen und Beschimpfungen Naumanns und seiner. Anhänger. Der erste Redner, der Zionist Rechtsanwalt Jacobsohn, begann gleich mit dem Wesen des! Judentums, von dem Naumann nichts verstehe. Er fand nachher kein Ende, und die Mahnung des Vorsitzenden. zum Schluß zu kommen, rief bei den jungen Zionisten lebhafte Proteste hervor. Als Christ sprach dann Rechtsanwalt Ur. Paul Krüger, der großen Beifall: fand, obgleich er sich ganz auf die Seite des Vortragenden stellte. Weiter sprachen u. a. die Sozialist»! Frl: Zils, der Zionist Rechtsanwalt vr. Lur. der Sozialist Prof. Ur. Marck als.Vertreter der „Zwischenschicht". der Sozialist Regierungsrat Ur. Markus vom Oberpräsidium, der dabei veikündete: „Der Feind steht rechts!", und Ur. mecl. H i r sich b e r g aus Landeck für! die Zwischenschicht. Zwischendurch hatte das Vorstandsmitglied vr. Rudolf Cohn das Wort, wurde aber durch solchen Radau unterbrochen, daß es erst dem Regierungsrat Ur. Markus gelang, etwas Ruhe zu schaffen. Der letzte Debatteredner war Rabbiner vr. Vögelst ein. der erklärte, daß er den Verlauf dieser Versammlung mit tiefer Beschämung empfinde nicht nur der beobachteten Ausschreitungen wegen, sondern weil er diesmal wie noch kaum je zuvor gesehen habe, wie sehr man in einer solchen Volksversammlung aneinander vorbeireden könne. Zum Schlußwort, zu dem die vorgeschrittene Zeit drängte, mußte Ur. Naumann wiederholt ansehen, weil er immer wieder durch höhnische Zurufe. Lärmen und Pfeifen der Zionisten gehindert wurde, und als er endlich sprach, brüllte man ihn mehr- . mals nieder. Das znerkwürdigste an dieser ganzen Aussprache aber war, daß die Zionisten deren Verlauf als einen Triumph ihrer Sache auffaßten und verkündeten. Bemerkenswert ist auch, daß die „Jüdische Zeitung für Ostdeutschland" über die Versammlung schreibt: „Es bildete sich im Laufe-der Diskussion eint Einheitsfrontaller jüdisch Gesinnten gegen Naumann" — d. h. also na ti o na ld eu tsch empfindenden 19. 11. 24. über unsere gegen den Juden! Schlesisch« Polkszeitung (Zentrum) Ausführlicher, wohlwollender Bericht Versammlung in Breslau. Deutsche Stimmen (Zeitschrift der Deutschen. Volks-' Partei) 20. 11. 24. Längerer Aufsatz ..Nationaldeutsche Juden" von Geh. Obcrreg.-Rat v. Kienitz. Dieser Aufsatz war zunächst uns zum Abdruck unter „Stimmen vom anderen Ufer" eingesandt, konnte aber als zu lang von uns nicht gebracht werden. Wir haben ihn an die Deutschen Stimmen weitergesandt. die ihn zum Abdruck bringen

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