Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1924
- Issue
- 5 (November 1924)
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/5438908-5438635-5438766--233-4871217- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
äusserlich in völliger Zurückhaltung gegenüber dem deutschen öffentlichen Leben zum Ausdruck köme. Auf daS Entschiedenste aber lehnen wir die Betlauer und Genoffen ab. die offen oder versteckt die unmögliche Anschauung vertreten, daS deutsche Volt müsse sich auch mit undeutsch oder halbdeutsch fühlenden Juden abfinden, weil man sie praktisch l icht entbehren könne. Und wir müssen mit tiefstem Bedauern eststellen, daß die „Deutsche Tageszeitung" nicht völlig Unrecht hat. wenn sie — freilich in einer durch ihre Parteizwecke verarlaßten. stark übertreibenden Form — darauf hinweist, daß in manchen jüdischen Kreisen daS widerliche Wer« des Herrn Bektausx ohne jede Kritik hingenommen worden mt und dass min sogar den Gedanken hat erörtern können, den Inhalt als Film in Deutschland vor-, zuführen. Die Zionisten — zu ihrev-Mre sei eS anerkannt — haben genau wie wir nationalder tschen Juden vom Augenblicke des Erscheinens an'gegen d eses Buch Verwahrung eingelegt und ausdrücklich vor ihn»!gewarnt. Aber in manchen jüdischen Blättern, die in Mehr oder weniger würdiger Form die Gedankenwelt der..Zmischenschiht" vertreten, hat man das Buch geradezu empfohlen, seine „Litzigkeit" gepriesen und ausdrücklich bemerkt, daß es auch für unsere deutschen Verhältnisse Geltung beanspruchen könne. D ü r I e n w i r u n s w u n d e r n, wenn ein so d e u t s ch f r e mo e s und gleichzeitig so unsagbar dummes Verhalten gewisser Juden, die auf.ihrdeut ches Staatsbürgerrecht poche», auf j u d e n f si n d l i ch e r Seite ausgegriffen wird, um daraus ab zu leiten,- der Geist des Herrn Bettauer sei allgemein der „j ü d i s ch e G ei fl"? - «l WWW WWWWWW und wir dentsctisühlenden Gehässigkeit und Ablehnung, entgengebracht wüd, immer den Menschen nichts ücher schreiben oder gen lesen. Gerade jetzt Er ist es nicht, Gott sei Dan Juden haben die Pflicht, trotz aller die auch uns von vielen Nichtjuden wieder zu betonen, daß wir mit zu tun haben, die solche B mit schmunzelndem Beha im Wahlkampf, da wieder die Erfahr besteht, dass sich die Köpfe primitiver Denker an der Zudensrage erhitzen, müssen wir trotz allein uno allem die Ses immer wieder in die Welt Fragen darf für uns nu samt heit der t>0 Millio scheidend sein, nicht das halben Million Juden., Deutsch oder nichtdeutsch Und in dieser Erkenntnis, in dein nis zu handeln, werden wir uns nicht irre machen lgsse», mag auch ein Herr Bestäuer widerwärtige Bücher schreiben und mag auch eine Deutsche Tageszeitung das Recht daraus herleiten, auf die Gesamtheit der deutschen Juden zu schimpfen bstüberwindung ausbriugcn. In deutschen Wohl der Gchinaui zunifen das neu Deutsches entzeitigt Ergehender ne sich darunter befinden. daS ist. die Frage. Willen, nach dieser Ertenut- Meikeftuncle 6ottesclien st. Don ' . ' Vorbemerkung. Dieser Aussatz eines uns dem Namen nach unbekannten Verfassers ist uns von einem jüdische» Herrn eingesandt. der in seinem Begleitschreiben selbst offen zuaibt, dah er unseren Bestrebungen innerlich nahestehe, sich aber mit Rücksicht auf wirtschaftliche Hemmungen nicht öffentlich zu ihnen bekennen dürfe. Wir bringen den Aufsatz zum Abdruck, weil er wertvolle Anregungen enthält und möglicherweise den Ausgangspunkt einer interessanten Debatte bilden kann. Dass wir als ein in religiösen Fragen überparteilicher Verband uns nicht mit den Ansichten des Verfassers in allen Punkten identifizieren, ist selbstverständlich. 2m übrigen glauben wir den Verfasser dahin zu verstehen, das, er solchen Juden, die aus ehrlicher Ueberzeugung an den hergebrachten Formen festhalten und dabei in der Lage sind, diese Formen mit wirklichem Verständnis > und unbeschadet ihrer national deutschen Gesinnung auszuüben, ihre Ueberzeugung durchaus nicht verkümmern will. Sein Vorschlag gilt nur für die Vielen, die an sich den Willen zur Religiosität haben, diesen Willen aber angesichts der heutigen Verhältnisse — zumal gn kleineren Orten — nicht-betätigen können und deshalb dein Gotteshause ganz fern bleiben. Die Schriftleitung. 2n fast jedem jüdischen Hause befinden sich, vün altersher, die ..Festgebete der Israeliten", eine Reihe stattlicher Bände. Ich nehme den Machsor für den Jom Kippur zur Hand: dieses nicht gerade kleine Buch umfasst akkurat. 514 Seiten, inklusive (teilweiser) deutscher Uebersetzung. Die religiöse Vorschrift der Ahnen gebietet also dem Enkel.!in etwa 10dis 12stündiger Andacht diese mehrere Hunderf Oljartseiten zu „beten" (oder wie inan das sonst nennen will)^ Wie viele Juden in Deutschland heute noch, imstande sind, dieses ge wattige Pensum — fastend! -- zu erledigen, sinnvoll zu erfüllin. darüber gehen die Meinungen wohl kaum aus einander. Selbst Juden aus orthodor gerichteten Häusern, die in der Jugend jahrelang sorgfältigen hebrä schcn Unter richt genossen haben, werden gewiss nur schüchtern behaupten.- dah sie imstande seien, sämtliche Festgebete sinnvoll vorlcsen oder gar Wort für Wort übersetzin und erklären zu können. Die Orthodoiie, wie sie sich in ihrem Frinkfurter Parten organ dokumentiert, wird — gewis; atis ehrlicher Heber! zeugung — derartige Feststellung von unbestreitbaren Tat! sachen zum Anlah von Behauptungen nehmen wie etwa^ die „religiöse Verwilderung" der deutschen Judeji stinke zum Himmel. Man wird solche ehrliche Strenggläubigkeit san-i Phrase gerade vom Standpunkt des wahrhaften Liberalismus aus respektieren müssen. Diese Betrachtung besaht sich jedoch nicht mit dein Kampfe religiöser Richtungen, sie will, lediglich schonungslos Tatsachen feststeUen und! auf Grund des geschilderten Status einen Vorschlag zuk Debatte stelle»! Man betrachte an den Feiertagen die Synagogen den Kleinstädte untr Grossstädte. In einigen Shnagogeg beginnt man die Andacht um 7 Uhr. meist später. Unausgeschlafene Chorknaben balgen sich in der Frühe auf dl n Zstgängen, die Frauen glänzen durch Abwesenheit, und im Plenum sorgest die Funktionäre im Verein init einigen Mummelgreisen für .^Minje". Die Frage „ouj büno?" drängt sich jedem, det derartige „Gottesdienste" mitangesehen, auf die Lippen. Im Laufe des Vormittags füllt sich das der Gottheit geweihte Haus, auf der Frauengalerie begrüht man sich sans ^önes bewundert die neuen Roben, plaudert über Dienstboten, unter den missbilligenden Blicken einiger wirklich frommer Frauenaemüter. Auf den Freitreppen der Sstnggogen stehen die Männer mit be,n Zylinder auf dem Haupte, denen die Zeit drinnen zu lang wird: verschiedentlich zeigen schon Plakats an der Mauer an. dah das Herumstchens auf der Trepstt verboten sei. Soll man die Schilderung vervollständigen!, auf den Spektakel Hinweisen, den Publikus während > der Thoravorlesung — wie viele können ihr fölgen^ — veirübtp auf das Kommen und Gehen zu jeder Zeit während der Andacht? Jeder Synagogenbesuchcr, ob orshodor oder sonst wie. wird die Richtigkeit der Schilderung es geben — bestätigen müssen. — Was Wunsder, dass Hunderte Ausnahmen mag feinsten Naturen, Wettbewerb mit aufnehmen., und >er ihnen immer von kultivierteren Jude», oft gerade die die Synagogen ganz meiden. Den tibetanischen Gebetmühlen können sie nicht die slereolnpe Predigt des Rabbiners, wieder versichert, der Gläubensbruder aus dem Osten müsse liebevoller behandelt werden, reizt sie auch nicht besonders. Im übrigen hält es die Majorität der deutschen Juden seil Jahrzehnten so. dass sie das ganze Jahr die Synqgoge meidest und nur an den drei Hauptfeiertage» sich zur Andacht eins ndcj. Ein Kompromiss. '! . Bei dieser Sachlage sollte man auch -einest Vvr chlag hören, den die Mehrzahl der amtierenden Rabdister zwar be lächeln oder verdammen wird, der aber kein:» eistzigcn ludest in seinem Bedürfnis nach Andacht schädigen soll: Schaff für hie modernen Menschen, vor allem für die. denen! nun ei inurl die „Festgebete der Israeliten" Hekuba Und. kurze, abeb würdige W c i h e st u n d e n. Nicht Quantität, soi der» Qualität! Nicht den unkontrollierbaren „Rigest" des Ehasen cnis Podolien, sondern eine» L^uns gelang, der westlichen Kritik standhält. Nicht einen Chor.s der durch stundenlange Responsorien verwildert ist, sondern einen kleinen Chor von der Disziplin der Kirchenchöre fü einige bestimmte Chorstücke. Bietet dem modernen Juden, de nicht die Span» kraft und die Neigung hat. fünf bis acht Stunden am jlagic Gebete zu crekutieren. einön Eitra kt aus der jeweiliges, Gebetsordnung. Tausende von jüdischen Deutschen, die nicht Zeit und Lust haben, vier-Vormittage und vier Abende des Laubhüttrnfestes im Tempel zu verbringen und jetzt an diesen Feiertagen ganz wegbleibe», werden diese . Fest doch nicht mehr; ganz vergessen, wenn ihnen in einer Wtthestunde an einem dieser Tage das wirklich herrliche „Tal-Gebet" in sorgfältigster Ausführung vorgetragen wird. Bei lautloser Stille! Man nenne das meinetwegen Qratorium oder ..Christelei". Haben die Juden dereinst j>o» den Griechen nicht sogar Benediktionen übernommen? Wir haben genug jüdische Dirigentest, die gewiss mit Wonne derartige Schätze der synagogalen Musik, oft Jahr . Hunderte alte, für solche Weihestunden her lussuchen und zu fammenstellen werden. Man schaffe einen Ertrakt des Er habensten und Gewaltigsten aus dem jeweiligen Festgebetbuch. Warum sollen derartige Weihestunden dem mit dem Kultus nicht Vertrauten nicht ebensoviel geben,können, wie ein ganzqr Vormittag Gottesdienst in einem acl knc gemieteten »aale. jeder