Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1924
- Issue
- 5 (November 1924)
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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zurückgezogen und durch einen zweiten ersetzt, der deutlich erwies, daß die besonneneren Elemente der Partes erkannt haben, wie wenig heute noch mit so hohlen mnd nichtssagenden Redewendungen auszurichten ist. Jetzt ist nur noch von dem Kampfe gegen „jüdische Vorherrschaft- und gegen den Zustrom der Lstjuden die Rede. Könnte man sicher sein, daß damit die Auffassung der ganzen Partesi ausgedrückt sei, so wäre vom Standpunkte der deutschfühldnden Juden selbst gegen diesen Teil des Programms kmun etwas einzuwenden Eine „Vorherrschaft" der kaum ein Prozent der deutschen Gesamtbevölke« rung darstellenden Juden. wird kein Jude wünschen, der sich als Glied der deutschen Volksgemeinschaft fühlt und dessen Hirn nicht von den Phrasen gewifferZiterarischer Wichtigmacher umnebelt ist. Und der Kampf gegen das Vordringen des land- und 'gefühisfrentden Ostjudentums ist einer der wesentlichsten PrograirnnPunkts der nationaldeutschen Juden selbst.^Stände somit fest, daß diese Sätze den ganzen Uöberrest des „völkischen" Programins darstellen, mit dem man einst im Mai den Nationalsozialisten den Rang abzulaufen versuchte, so würde wohl mancher Jude, der nach persönlicher Veranlagung mehr nach rechts als "nach links neigt und sich nur-aus Selbsterhaltungstrieb bisher zu den Linksparteien gehalten hat, seine politische Stellung revidieren. Aber leider steht durchaus nicht fest, daß die maßvope und auf das Wöhl der deutschen Gesamtheit abgestellre Auffassung der Judenfrage, wie sie in dem zweiten Aufruf der Deutschnationalen zum Ausdruck kommt, von oer Gesamtheit! oder auch nur Mehrheit der-Parteiangehörigen geteilt wird.j Jeden Tag' finden wir in der deutschnationalen Presse —! von. der überhitzten Atmosphäre der Wahlversammlungen nicht zu reden — Erklärungen undiAufsätze, aus denen bervorgeht, daß, selbst führende Politiker der Partei nicht gewillt sind^ auf das bequeme, der Massenpsyche angepaßte und daher stets dankbare Kampfmittel der kritiklosen, verallgemeinernden Judenhetze zu verzichten. Und gerade vom Standvunkle den deut'chfühlenden Juden müssen mir auch mit Bedauern feslstellcn, daß sich immer wieder Juden finden, die durch ihr Verhalten den äußeren Anlaß zu berechtigter Kritik und dam« der, handlichen Vorwand zu verallgemeinernder Hexe, liefcjm. ( . ' Tie ^Deutsche Tageszeitung" -bringt unter der Ueherschrift „Ein Judenspjegel" breite Ausführungen über eiiitn sogenannten Roman „Die. Stadt ohne Indens von Hugo Bettauer, Ter Verfasser ist ein jüdischer Literat, der in Wien lebt. Seins Erzählung behandelt die Judenifragc vom Standpunkte jener jüdischen Gruppe, die wir nationaldeulschcn Juden als „Zwischenschicht" bezeichnen, der Gruppe, in der sich jüdischnstionales und deutsches Empfindest zu einem ungenießbaren Brei vermischen nnd die deshalb v-n den echten 'Zionisten ebenso abgelehnt wird, wie von mis nationaldeutschen Jüden selbst. Ter Geist dieser Zwischenschicht, der so oft zu Unrecht dem.„jüdischen Geist" gleichgesevs wird, prägt sich in Herrn Bettauers Buch mit geradezu schulbcispielhafter Deutlichkeit aus. Wer diesen „Roman" ohne llebslkeit übersteht, braucht keine Ozeanreise zu'scheuen; die Seekrankheit kann ihm nichts anhaben. Der Verfasser versucht, in Gestalt eines Zukunftsbildes darzutun, daß ein Staat, -der die Juden vertreibt, in. Kürze verkümmern, muß und dann keine Wahl hat, als die „lieben Juden", schleunigst zurückzuholen. >Tie äußere Form, in der dieser Grundgedanke durchgeführt wird, ist so, wie man es von einem Wiener Literaten der fraglichen Gattung erwarten darf. Eine Reihe leidlich miei'ger Einzelheiten und guter Menschenbeobachtungen, für die es offenbar an lebenden Modellen nicht.gefehlt hat. — der Rest ist Geschmacklosigkeit und Verblendung. Der geistige und wirtschaftliche Verfall, der nach Bettauers Ansicht aus dem Wegfall des jüdischen Bevölkerungseinschkages sich ergeben muß, wird an Einzelbeispielen dargetan. Diese Beispiele, die von der Deutschen Tageszeitung mit besonderer Genugtuung aiigeführt werden, enthalten gewiß, was die Deutsche Tageszeiiung verkennt, ein Element der Selbstpersiflage, der gewollten Verspottung gewisser Gepflogenheiten gerade jener jüdischen Kreise, zu denen der Verfasser selbst gehört. Diese würdelose Form der Selbstverspottung bewußt Wurzelloser, die von dem gesund selbstkritischen Humor der Bodenständigen so grundverschiedest ist, kennen wir ja als Sine Hauptgattung des sogenannten jüdischen, richtig: zwischenschichtlichen Witzes. Aber die^Geschtnacklosigkeit, die schon in der Gattung selbst liegt, wird-von Bettauer noch üderboten durch die Form der Ausführmig. Er schildert, wie.dieJnhaberder Konsssktionsgeschäfte und Kaffeehäuser, wie sogardie Straßendirnen den durchden Wegzug der Juden veranlaßtenRückgang ihrer Grwerbszweige beklagen, wie die Zuhälter zum Judentum übertreten .und mit auS- »andern, um wenigstens ihrerseits den Anchluß nicht zu verlieren, und wie dieser lebertritt wiederum von der Presse zur Protestaktion gegen daS den Juden zugeügte Unrecht umfrisiert wird. Alfred Kerr und kurt Tucholsky mögen vor Neid erblassen gegenüber solcher Zülle von Geist und Geschmack. In der Tat. es ist Geist von hrem Geist, von jenent Geist, der soviel dazu beigetragen hat, ne Lösung der Judenfrage zu erschweren, von jenem Geist, rer den inneren Widerstand aller Deutschfühlenden, mögen sie stichtjuöen oder Juden sein, herausfordert und bis zum Ekel teigert, der immer wieder, wenn man einmal vergessen möchte, daß es eine Judenfrage gibt, das Empfinden wachruft, daß hier aus einem Sumpf, etwas Fremdes, Feindliches, widerlich Klebriges an uns herankriecht, das uns zu sich selbst herabzerren will. Aber wenn dieses Abwehrempfinden sich in Worte umsetzt, dann sind die Spender dieses Geistes die ersten, die mit wildem Geschrei über Antisemitismus, gegebenenfalls sogar über „jüdischen Antisemitismus" klagen. Erregt schon die äußere Form des Buches unseren Widerwillen. so weckt die Tendenz, die das Buch vertritt, unsere Helle Empokung. Gerade vom Standpunkte des deutschfühlenden Juden aus kann nicht entschieden und laut genug Verwahrung eingelegt werden gegen den Versuch, die Judenfrage, die einzig eine Frage des Volksempfindens ist, zu einer platten Zweckmäßigkeitsfrage umzufälschen. Es sei mir verstattet, wörtlich hierherzusetzen, was ich vor Monaten, kurz nach dem Erscheinen des Bettauer'schen Buches über diese Seite der Dinge schrieb: „Können wir wirklich wünschen, dieses Phantasibild auf deutsche Wirklichkeit zu übertragen? . . . Nehmen wir an, daß heute in Deutschland ein Mann existierte, der bei Nichtjuden allgemein Autorität genösse, und daß dieser Mann . . . das Wort spräche: laßt die Juden in Frieden, wir kommen ohne sie nicht aus, denn sie verstehen vieles besser, als wir, und haben Hilfsquellen und Beziehungen, die Deutschland brauchen kann. Nehmen wir weiter an, daß dieses Wort gehört und befolgt würde. Was wäre das Ergebnis? Es würde bestenfalls ein zeitiges Ruhestadium geben ohne den inneren Entschluß der Dauer, ein Ruhestadium wie für den Hasen, der heute noch geschont werden muß, weil er aus diesen oder jenen Gründen erst in ein paar Monaten geschossen werden darf. Glaubt jemand ernstlich, daß wirauf dieseWeise demZiele derVolks gemein schaft auch nur einen Schritt näherkommen würden? Man muß uns wollen, nicht weil man uns als Finanzleute und Verwandte amerikanischer Finanzleute, als Manager oder Advokaten für diesen oder jenen Sonderzweck braucht, weil män irgend eines unserer vermeintlichen Sondertalente im Augenblick nicht entbehren kann und weil man deshalb die Aeußerungen des Hasses und der Verachtung einstweilen zurückstellt, ohne deshalb diese Gefühle selbst aus dem Herzen zu reißen. Man muß uns wollen in derErkenntnis, 'daß der Jude nicht nur als Intelligenz wertvoll ist, nicht nur der kluge, der bewegliche, der talentvolleJude. sondern daß es darauf ankommt, den deuitschfühlenden Juden zu gewinnen, auch wenn er ein simpler Durchschnittsmensch ohne überragende Eigenschaften ist, nichts als ein handfester und williger Arbeiter am Bau der deutschen Volksgemeinschaft. . . . Deutsche wollen wir sein, nichts weiter, nicht fremde Geschäftemacher und Taufen dkünstler. . . . Deutsche, die nichts von Hch hermachen, die nicht ihre Talente und damit auf Umw«j«l wieder ihre Fremdheit in den Vordergrund stellen, sondern bescheidene Glieder der Volksgemeinschaft, von denen män gerade weiß, daß sie da sind, aber auch, daß man sich auf sie verlassen kann und daß sie zur Stelle sind, wenn man sie braucht." („Von deutscher Zukunft," Verlag Albert Goldschmidt. Berlin W. 35.)" Damit ist zum Ausdruck gebracht, was wi» nationaldeutschen Juden nicht nur zu dem Machwerk des Herrn Bettauer zu sagen haben, sondern darüber hinaus zu jedem Versuche, die deutschen Juden auf eine nur von Zweckmäßigkeits- Gesichtspunkten bestimmte Stellung zum Deutschtum festzulegen. Wir haben Verständnis für das jüdisch-völkische Empfinden der Zionisten und wünschten nur, daß dieses Empfinden auch