Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1924
- Issue
- 4 (Oktober 1924)
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Schubert wird in einer ^gehenden Ausführlichkeit blatt abgedruckt mit .von einem Teil (!) der Winkel gesehen, weil jeder von ihnen seine besondere Parteibrille auf der Nase hatte. Herr Negenborn hat »olle Kamellen" auS dem Jahre 1922 auSgegraben, weil er seinem politischen Gegner Herrn Severing eins auswischen wollte, und er hat dabei durch seine Parieigläser so unscharf gesehen, daß er sogar den klaren Text unserer Mitteilungsblätter Nicht richtig lesen konnte. Herr Schubert wiederum sah nur. daß ein Parteigenosse der Unterstützung bedurfte, und seine Brille war so mangelhaft, daß er bei der Umschau nach Hilfstruppen die Herren vr. Badt und Georg Bernhard für deutsche Politiker ansah. Kein Wunder, daß bei dieser Form der Aussprache das deutsche Vaterland nicht zu seinem Rechte kam. Wer die Ostjudenfrage für eine Parteifrage statt für eine deutsche Frage hält, kann zu ihrer Lösung nichts beitragen. Daß Herr Schubert bei dieser Auseinandersetzung nur vor der Rampe hersagte, was ihm Herr Badt aus der Kulisse einblies, hat schon Herr Köhrer treffend hervorgehoben. Herr Badt selbst aber, der zionistische Souffleur, hat natürlich sehr genau gemutzt, daß es sich vorwiegeno um eine nationale Frage handelt. Er hat denn auch bald, nachdem sein nichtjüdischer Parteigenosse zuck Zufriedenheit deklamiert hatte, sich daran gemacht, die gelungene Vorführung im jüdischnationalen Sinne auszuwerten. Die im LandtagSausschutz in nichtöffentlicher Sitzung gehaltene Rede des Herr weit über das amtliche Protokoll hmau im Israelitischen Familie! dem Zusatz, datz die Ausführungen Mitglieder des Ausschliffes" mit Beifall ausgenommen worden seien. Es gehört nicht allzuviel Ahnstngsvermögen dazu, sich vorzustellen, wer djese Veröffentlichuitg unter genauer Wiedergabe aller von Herrn Schubert nach dem bekannten Klischee vorgebrachten Verunglimpfungen verar latzt hat und zu welchem Zwecke sie veranlatzt worden ist. Dch Herren Zionisten wissen sehr gut. warum sie bei jeder Gelegenheit die schützende Hand, sei es die eigene oder, wie hier, eine gefällige fremde Hand über die Ostjuden halten und warujn sie unS als die einzige Gruppe der deuischen Juden, die mit der Bekämpfung der Ostjudengefahr Ernst macht, nach Kräften gegenüber weiteren jüdischen Kreisen herabwürdigen. Sie wissen auch sehr genau, datz die Lstjudensrage zwei ganz verschiedene Seiten hat, von denen in der Oeffentlichkeit gewöhnlich nur die eine ins Auge gefaßt wird, während die andere — jvon der Herr Negenborn offenbar so wenig weitz wie Herr Schubert — die weitaus wichtigere ist. Neben der — nennen wir es einmal »Schiebergefahr", die von den politisch rechtsstehenden Parteien bei den Erörterungen der Frage fast ausschließlich betont wird, steht die Zio »istengesahr, die nicht nur erheblich größer, sondern zurzeit auch viel aktueller ist. Wir sagten vorhin, Herr Negenborn habe alten Kohl aus dem Jahre l922 aufgewännt, und Herr Köhrer hat in seinem Aufsatz einen an dieser Stelle abgedruckten Artikel erwähnt, der aus der gleichen Zeit stammt und aus einer so erbitterten Stimmung heraus geschrieben ist, datz manche Teile in der Ausdrucksform überflüssig scharf ausgefallen sind. ES verlohnt sich, die Vorgänge, die damals eine solche Stimmung bei deutschfühlenden Juden erzeugen konnten, wieder einmal in unser Gedächtnis zu rufen. Der Herbst 1922 und die Folgezeit bis tief in das Jahr 1923 hinein waren die Zeiten, in denen die deutsche Währung unter atemraubender Spannung der ganzen Welt tiefer und tiefer sank, um dann, nach vorübergehender Stabilisierung, in's Bodenlose zu stürzen. Damals, in der zweiten Hälfte des Jahres 1922, ergoß sich von Osten her über Deutschland ein Strom von Geschäftsleuten übelsten Schlages, die sich allen formellen Einreise- und Aufenthalts-Schwierigkeiten zum Trotz bei uns häuslich einrichteten und auS Deutschlands Unglück ihre Seide spannen. Ein unverhältniSmätzig grober Prozentsatz dieser skrupellosen Geschäftemacher bestand aus Ostjuden. Diese hatten vor den nichtjüdischen Mitgliedern der Schiebergilde, an denen es durchaus nicht fehlte, schon äußerlich den Vorzug der besseren Beziehungen. Viele von ihnen hatten Verwandte in Deutschland, die ihnen mindestens den Aufenthalt und damit indirekt das Geschäft erleichterten. Dazu kam die durch die kriiiftose Abwehr- und Vertuschungstaktik mancher jüdischen Organisationen grotzgezogene Gedankenlosigkeit-weiter jüdischer Kreise, die bei entsprechender Bearbeitung ohne große Schwierigkeit dafür zu haben waren, anläßlich jeder sehr berechtsten Maßregelung eines ostjüdischen Schiebers über »An» tisemitismus" zu schreien. So bildeten sich die heute in dem Artikel des Herrn Köhrer und schont damals in unserem Mit» t.eilungsblatt gekennzeichneten geradezu! haarsträubenden Zustände auf geschäftlichem Gebiete heraus, deren Nachwirkungen noch jetzt nicht völlig umwunden find. So erwuchs auch in weiten Kreisen der nichtjüdischen Deutschen eine Erregung, die an sich durchaus verständlich war. die aber, wie es stets — nicht nur gegenüber Juden — in ähnlichen Situationen geschieht, bald . in unzulässige Verallgemeinerung entartete. Hätte damals, wie wir nationaldsu tschen Juden und viele klarsichtigen Nichtjuden es forderten, eine geschlosseneAbwehrfront aller anständigen Juden gleichviel welcher religiösen, politischen und selbst nationalen Richtung gegenüber dem Schmarotz eggest ndel sich gebildet, so wäre vielleicht das Schlimm st e noch zu verhüten gewesen. Aber die systematische Gegenarbeit der Zionisten uyd das unklare Gewäsch der zwischenschichtlichen Solidaritätsprediger ließen die Stimme der Vernunft nicht durchdringen. So blieb es der breiten Masse der Nichtjuden unbekannt, daß durchaus nicht alle Ostjuden Schieber. Betrüger. Paßfälscher oder Taschendiebs sind, sondern daß die Elemente, die damals Deutschland überschwemmten, nur einen kleinen und gerade den moralisch minderwertigsten Teil des OstjudentumS dar stellen. So wurde das. was wir an diesem übelsten Bruchteil der Ostjuden erlebten, zunächst aus die Gesamtheit des Ostjudentums und dann auf die Gesamtheit der Juden überhaupt/ einschließlich der deutschen Juden, übertragen. Gewiß war schon damals in Deutschland die Judenfeindschaft nicht gering. Aber der unerhörte Aufschwung, den die sogenannte deutschvölkische Bewegung gerade seit dieser Zeitlohn,, wäre nicht möglich gewesen, wenn man schon damqls. wie wir es verlangten, gegen diesen Teil der ostjüdischen Gefahr energisch eingeschritten wäre, wenn der preußische Minister des Innern als der verantwortliche Beamte des in erster Linie gefährdeten Staates sich nicht, offenbar beeinflußt von seinem zionistischen Parteigenossen und Berater Herrn Ministerialrat vr. Badt. immer wieder hätte abhalten, lassen, mit fester Hant^ zuzugreifen, und wenn vor allem die deuischen Juden selbst, unseren Warnungsrufen folgend, die Abwehr/dieser Gefahr in die eigene Hand genommen hätten, statt alles den sogenannten Antisemiten zu überlasten und idann noch gelegentlich bei ungeeignetstem Anlaß über Antisemitismus zu zetern. Die Ausschreitungen iin Berliner Grenadierstraßen-Niertel, die gegen Ende des Jahres 1923 stattfanden, waren zweifellos vop gewissen sich deutsch-, völkisch nennenden Hetzern organisiert.!Aber die Organisation hätte nicht wirken können, wie es der Fall war, wenn nicht durch die unerhörten Vorgänge der vorhergehenden anderthalb Jahre und durch das unsagbar einsichtslose Verhalten vieler deutscher Juden gegenüber diesen Vorgängen für die Ausschreitungen deck Boden bereitet worden märe.! Das deutsche Volk in seiner Gesamtheit und die deutsche Judenheit im besonderen leiden noch heute an den Folgen besten, was damals gesündigt worden ist. wenn auch die damals ursächlichen Verhältnisse sich inzwischen gründlich g-ändert haben. DaS, was wir oben die ostjüdische „Schiebergesahr" nannten, besteht heute in Deutschland nicht entfernt mehr in dem Maße, wie in den Jahren 1922 und 1923. Freilich -in nicht ganz geringer Teil der üblen Elemente, die Damals einxedrungen sind, hat an dem Leben in Deutschland Geschmack geft nden und sich dauernd hier niedergelassen. Die Wählerlisten für den Landes - tag des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, zu denen jeder seit ejnem Jahre in Deutschland ansässige Jude, auch der Ausländer.! zugelassen ist. werden bis zu einem gewissen Grade ein Bild! dieses Dauerzuwachses geben. Immerhin: dieser Zuwachs stellt doch nur einen Teil der Ostjuden dar, die uns damals »vorübergehend", wenn auch oft monatelang, durch ihre Anwesenheit beehrten. Der Rest hat sich fortgezosten. wie wir es danlals vorcussagten, sobald in Deutschland nichts mehr in ihrer Art zu verdienen war. Sie haben in Frankreich noch rasch die Konjunktur des FrankensturzeS mitgenomnien, haben sich dabei wiohl auch, was uns eine schwache Genugtuung gewähren mag,! zum Teil erheblich die Finger verbrannt, und wirken jetzt wieder in anderen Ländern für die Ausbreitung der Judenfeindschaft. Die „Schiebergefahr" ist für Deutschland zurzeit überwunden i oder doch auf em verhältnismäßig harmloses Maß abgeschwächt. Jedenfalls ist die Zuwanderung gerade dieser Elemente zumj Stillstand gekommen. Uns deutschen Juden bleibt insofern nur die Aufgabe. den Schaden abzuschätzen und gegenüber einer Wiederkehr der früheren Zustände auf der Hut zu sein. s Ganz anders liegen die Dinge bezüglich der zweiten Seite der Ostjudenfrage, die wir die Zi.onistengesahr nennen. Auch auf diese Gefahr haben wir schon seit Jahrhn mit größtem