Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1924
- Issue
- 3 (August-September 1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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zelnen umdeutet. Schulter In Schulter mit mir kämpfen Tausende deutscher Juden, die schon heute den Mut haben, gleich mir sich zu einem durch Abstammung und Glauben nicht beeinträchtigten Volldeutschtum, Nurdeutschtum und Jmmerdeutschtum zu bekennen,, jedes Bruchteildeutschtum abzulehnen und sich ihr Vaterland in der Einheitsfront mit allen national fühlenden Deutschen gleichviel welcher Abstammung zu erstreiten. Und hinter diesen paar Tausend Bekennern und Kämpfern von heute stehen Zehntausende, wahrscheinlich Hunöerttausende, die morgen oder übermorgen zu uns und damit zum deutschen Volke den Weg sinken werden, die nur heute noch nicht zur Klarheit über das eigene Empfinden gelangt sind oder die sich noch nickt stark genug f ihlen, gleich den Mitgliedern unseres Verbandes sich der Schnvtzflut der Beschimpfungen und Verhöhnungen preiszugeben. Sie alle sind nationaldeutsche Juden, nicht Naumannianer. Nur ein belangloser Zufall war es, daß gerade ich es sein mußte, der dem tiefsten Empfinden aller dieser zum ersten Male Ausdruck gab und Gehör erzwang. Jede», der in meinen Worten nur das. findet, was er selbst tausendmal empfunden und gedacht hat, der sich selbst von einer übermächtigen Bewegung fortgerissen fühlt, müßte es aufs tiefste empören, daß man ihn zum unselbständigen Gefolgsmann eines Einzelnen zu stempeln, den nationaldeutschen Juden zum Naumannianer herabzudrücken wagt. Ich Wiederhole es . die nationaldeutschen Juden selbst find nicht schuldlos daran, daß die törichte Bezeichnung noch heute im Umlauf rst. Unsere Freunde haben bisher diese scheinbare AeußLrlichkeft.viel zu leicht genommen, haben den Ernst der Sache verkamst. Man hat mich in ihren Zusammenkünften scherzhaft! den Napoleon, den Bismarck unserer Bewegung genannt. Ich bin nicht ohne Sinn für Humor, aber diesx Scherze lehne ich ab,v so wohlwollend.sie gemeint sein mögen. Ich tue es schon aus persönlichen Gründen, die man diesmal wohl gelten Iahen muß. Ich mag es nicht, LaßGegner, die Spaß nicht verstehen oder nicht verstehen »vollem mir eine Anlage zum Größenwahn andichten, die wirklich ungefähr das letzte ist, was man mir vorwerfen darf. Vor allein «bei verwahre ick mich -egen diese Scherze, weil^ sie sachlich gerade in dem wesentlichen Punkte die Wahrheit umkehren. Die beiden Großen, deren Namen inan mir freundlich anhängt, konnten nicht davon lassen, alles selbst zu tun. Ihr Temperament hinderte sie, andere Götter neben sich zu dulden. Nur Handlanger, nicht selbständig schaffende Mitarbeiter kounten sie brauchen. So! kain es, daß, als sie selbst abberufen wurden, ihre Werke zerfielen, weil keiner 6a war, der sie hätte erhalten und vollenden können. Ich bemühe mich, in dem engen Kreise meiner Aufgabe genau die entgegengesetzte Arbeitsweise anzuwenden. Ich will kein Unersetzlicher sein. Es mag sein, daß meine Mitarbeiter mir heute noch vertrauensvoll manche Tätigkeit überlassen, die nicht minder gut, vielfach besser von einem anderen geleistet werden könnte. In diesem Vertrauen liegt gewiß eine Art Ehrung, aber doch auch die Gefahr, daß es unserem Werke in entsprechender Maßstabsverkleinerung ergehen könnte, wie den Werken der beiden Giganten. Sollte mein Leben oder meine Arbeitstraft vorzeitig zu Ende gehen, so wird der Gedanke des nalionaldeutschen Judentums selbst gewiß nicht erlöschen. Aber in der Erledigung der rein formalen, geschäftlichen Dinge, die nun einmal dazugehören, könnten unliebsame Stockungen eintreten, wenn nicht rechtzeitig dafür gesorgt würde, daß sofort ein anderer an mein» Stelle treten kann. Mein Streben ist. das nationaldeutsche Judentum so lebenskräftig zu machen, daß es zum Segen des deutschen Vaterlandes blüht, wenn mein Name längst der Vergessenheit angehört. Mein Sehnen ist, so balo, als es die Sache zulößt. hinter dem Werk zu verschwinden, an besten Schöpfung ich Anteil nehmen dürfte, und wieder, wie bis tief in das fünfte Jahrzehnt meines Lebens hinein, fern von dein Forum den Pflug zu führen. Meine Hoffnung ist, daß meine Kräfte ausreichen werden, bis der Nachwuchs meiner jungen, begeisterten, vom Deutschtum erfüllten Mitarbeiter stärk und gewandt genug ist, selbständig das Werk zu vollenden und eS zu erhalten bis in eine.Zukunft hinein, in der kein nationaldeutscher Jude mehr daran denkt, daß man die ersten seiner Art einmal nach meinem unwichtigen Namen genannt hat. , , 6. - Von Margaret« Lr«binann. Di« Schule, von der meiner kleinen Tochter die allgemeine Bildung verabfolgt wird, gibt für die jüngsten Jahrgänge ein Fest im Freien. Wir Eltern sind dringend eingeladen worden: ich Hab« die Vertretung der Familie übernommen. Die Kleinen tollen in Heller Jugendfrohlichkeit auf der grünen Wiese herum, veranstalten Aufführungen und Wettspiel«, treiben allerlei organisierten Unfug und sind so lustig und nett anzusehen, daß mir das Herz aufgeht. Neben mir steht eine mir oberflächlich bekannte Dame. Jüdin aus den sogenannten besten Gesellschaftskreisen. Wir haben uns schon flüchtig begrüßt: jetzt, da wir neben- " einander stehen, muß ich als die Aeltere wohl der Höflichkeit halber einige Worte mit ihr wechseln. Ich frage sie, ob ihr das Fest „auch" so gut gefällt. Sie ruckt die Achseln, zieht die AMenbrauen empor, blickt sich vorsichtig um und erwidert: „Wirklich sehr nett, aber doch schließlich O. dl." Ich bitte um Erläuterung und erhalte im Tondes Erstaunens über meine Unkenntnis die Aufklärung: Q. bl. bedeutet Qojim blackes. zu deutsch Fremden-Vergnügen. Die Darlegung erfolgt mit wissenschaftlichein Ernst, etwas von oben herab und in einwandfreiem Deutsch, ohne jeden Singsang im Tonfall. Es ist wirklich ein« sehr gebildete Dame. Ich frage: „Wenn Sie schon diesen Ausdruck brauchen, warum sprechen Sie die hebräischen Worte nicht voll aus. warum verwenden Sie die Abkürzung?" Sie antwortet: „Man weiß doch nicht, es braucht ja schließlich nicht jeder zu hören." Ich: „Wir kennen uns wenig, gnädige Frau. Warum nehmen Sie, wenn ich fragen darf, ohne weiteres an, bei mir Verständnis für diesen Ausdruck zu finden und für di« Anschauung, die Sie mit dem Ausdruck verbinden?" Sie: „Aber Sie sind doch auch Jüdin?" Ich: „Gewiß, aper ich habe noch nie das Bedürfnis gefühlt, die deutsche Umgangssprache durch hebräische Wort« zu ergänzen. Ich kann m meiner Muttersprache alles ausdrücken, was ich denke und sagen will. Andererseits kann ich mir wieder nicht vorstellen, daß ich, wenn ich selbst schon einmal ein hebräisches Wort für angebracht hielte. Veranlassung haben sollt«, es durch Abkürzung in eine Art Geheimsprache zu übertragen." Sie: „Aber, ich bitte Sie! Wenn man nicht will, daß die Christen alles verstehen, dagegen ist doch nichts zu sagen!" Ich: „Entschuldigen Sie, wenn ich anderer Meinyng bin. Es gibt gewiß manche Ding«, die man nicht in alle Welt hinausschreit, aber das sind doch nur solche, die lediglich uns als Juden interessieren. Im allgemeinen glaub« ich, daß wir vor unseren christlichen Mitbürgern nichts 'zu verbergen haben oder haben sollten. Sie fühlen wohl auch selbst, daß irgend etwas nicht ganz stimmt, wenn Sie in dieser Weise «ine Trennungslinie zwischen sich und den von Ihnen so genannten Qchim ziehen: sonst würden Sie nicht idie vorsichtig« Abkürzung wählen. Und wenn Sie es sich recht überlegen, stimmt wirklich etwas nicht. Sie sind doch gewiß und durchaus mit Recht beleidigt, wenn jemand Ihne» bestreitet, daß Sie eine gute Deutsche sind?"! Sie: „Aber das ist doch selbstverständlich.' Ich: „Nun also, und trotzdem bezeichnen Sie andere gut« Deutsch« als Fremde, weil sie anderer Abstammung und anderer Religion sind. Fühlen Sie nicht selbst den Widerspruch? Und fühlen Sie nicht auch, daß Sie mit solchen Ausdrücken sich selbst und Ihre eigene Art über die sogenannten Qojim erheben? Haben ^wir wirklich Veranlassung. die natürliche Lustigkeit gesunder und frischer Kinder als ein Vergnügen zu bezeichnen, das nur eben für die Fremden gut genug ist? Mir scheint, daß diese Form zu denken und zu reden auf eine Art freiwilliges Ghetto hinausläuft." Sie: „Wie könn-n Sie nur einer harmlosen Redensart so groß« Bedeutung beilegen? Dabei denkt man sich doch garnichts." Ich: „Nichts für ungut, gnädige Frau. Vielleicht ist das gerade der Fehler, daß man sich so oft nichts denkst Besonders wit Juden hätten guten Grund, uns stets etwas zu denken. Wir beklagen uns. daß unter den Chrfften s o viele Antisemiten sind. Vielleicht könnte ein Christ, der zufällig Ihre harmiose Redensart gehört und trotz der Abkürzung verstanden hätte, auf den Gedanken kommen, daß Sie Antigermanin seien." Das Töchterchen der Dame, das in ganz unbeschwertem Jugendübermut heranstürmt, macht dem Gespräch ein Ende und ihr einen Fleck in den Koftümrock. Damit ist ihre Aufmerksamkeit in andere Bahnen gelenkt, und ich kann mich höflich verabschieden. . / Ich nehme an, daß die Dame, wenn wir uns wieder einmal begegnen, um mich einen weiten Bogen machen wird und daß sie schon jetzt, wenn bestimmt kein sogenannter Qoi zuhört, mich als Mische Antisemitin bezeichnet. Sie mag ihren Spaß haben. Er ist ja kein Q. kst. Wenigstens nicht von ihrem eigenen Standpunkte aus. > «