Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1924
- Issue
- 1 (Januar-Februar-März 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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wjederzugebenden Bemerkung« über Deutschland, deutsches Wesen und deutsch« Freiheit macht«, dann Mar es jener spontan aufwaltende Abscheu Ihrer Gesinnungsfreunde gegenüber diesem Schädling, den nur das Eingreifen Ihrer gutdisziplinirrten Iügendabieilung vor Prügeln bewahrte. Wie sich dann die Versammlung erhob und wie aus einem Mund« „Deutschland über alles" anstimml«, das wird mir unvergessen bleiben. Ihnen und Ihren Freunden wünsche ich von Herren weiter« Erfolge und bin mit verbindlichsten Grützen Ihr sehr ergebener Moratb/M. d. R. K. Reichsminister a. D. vr. Gothein (D. D. P). Vorsitzender des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Sehr geehrter Herr Doktor! Für Ihren liebenswürdigen Brief besten Dank! Ich habe von ihm. wie von den mir > übersandten Zeitungsausschnitten, mit Interesse Kenntnis genommen und spreche. Ihrem Wunsch folgend, meine Ansicht zur Frage der Nationalität der deutschen Juden dahin aus: Für mich ist der deutsche Jude -„Deutscher jüdischer Religionsuigehörigkeil". Seine Muttersprache, seine Bildung sind deutsch. An deutscher Kultur' in Wissenschaft, Kunst, Technik, Rechtspflege, ärztlicher Versorgung. Verkehr usw. arbeiten unsere jüdischen Mitbürger hervorragend mit. Ihre Kultur ist keine jüdische: sie wurzelt weder tu der hebräischen Sprache, noch in einer spezifisch jüdischen Bildüng. Sie sind ebenso Deutsche, wie die englischen Juden Engländer, die französischen Franzosen, die italienischen Italiener sind. Anders'liegt es in dm Ländern. wo Muttersprache und Kultur der grotzen Masse der jüdischem Bevölkerung andere sind, als die der Volksstämme, mit denen sie Msammen wohnen. So in Polen, wo nur das Häuflein der Assimilatoren wirklich ..Polen jüdischer Religion" sind. Aehnlich liegt es in Rumänien, hat es jedenfalls bis zur Revolution in Rutzland gelegen. In den Ländern fortgeschrittener politischer und gesellschaftlicher Kultur ist dagegen der Verschmelzungsprozetz — das Einrühren m den grotzen nationalen Schmelztiegel. wie Theodor Barth es nannte — das großenteils, bereits erreichte Ziel. Dort gilt es als ein ZeiäSn von Bildungsrück,tändigkeit, jemanden nach seiner Abstammung und Religion zu fragen, und erst gar von ihnen den gesellschaftlichen Verkehr iabhängig zu machen.^ Politische wie gesellschaftliche Entrechtung führen. zwangsläufig zu einer teils erzwungenen, teils gewollten Art von Ghettokultur. die freilich auch von den in Massen zusammenwohnenden ostjüdischen Auswanderern in der neuen, freier» Heimat nicht gleich aufgegeben wird <N«w Bork). . In der Ghettokultur findet der Zionismus seine Wurzel. Bei deutschen, englischen, fränMschen Juden, die nach Sprach« und Bildung der Nationalität des Landes aiigehüren, in dem sie wohnen, das eben ihr Vaterland ist. ist der Zionismus eine ausgesprochen romantische Bewegung. Die Sehnsucht nach der „blauen Blume", der Glaube, «in altes, längst überholtes Ideal verwirklichen zu können. Würden die deutschen Zionisten durch ernsthaftes Denken Zich klar werden, daß ihre Sprache, ihre ganze Kultur deutsch sind, so würde diese romantische Bewegung wohl bald shark an Boden verlieren. In ihrer erdrückenden Mehrheit smd auch sie güte Deutsche, ebenso wie die englischen zionistischen Momantiker sich als gute Engländer fühl«: sie würden sich höchlichst wundern, wollte man das bezweifeln. Zionistische Bestrebungen. wie die jüdische Kolonisation Palästinas, finden die opferwillige Unterstützung nichtzionistischer Kreise, ja sogar — freilich aus politischen. Gründen — die der englischen Regierung. In Deutschland hat sich der Zionismus zum guten Teil als Reaktion auf den Antisemitismus entwickelt. Leider liefert er aber diesem den Vorwand zu der Behauptung: Der Jude sei kein Deutscher, wolle es gar nicht sein. Und gerade deshalb löst der Zionismus bei den deutschen Juden, die sich bewützt als Deutsche fühlen,' «ine so scharfe Gegnerschaft aus. Wenn vr. Oskar Lohn die jüdische Kultur hoch über die deutsche stellt, so hat die ersten gewiß ganz Außerordentliches geleistet. Mid der hohm Ethik der Alten Testaments hält die germanische Götterlehre gar keinen Vergleich aus. Aber für die neuzeitliche Entwicklung unterschätzt vr.. Oskar Lohn ungeheuer die Großtaten deutsch« Geistes: und zü Unrecht reklamiert er für den jüdisch« Geist all das, was, Deutsche jüdischer Religionszugehörigkeit, die eben auf deutscher? Kultur fußten, geleistet haben. Auch überschätzt er wohl gewaltig die Bedeutung der enzyklopädischen, tälmudischen Gelehrsamkeit. ' ' Datz er seine Ansichten in einer Andersdenkende schwer verletzende» Weise zum Ausdruck bringt, nimmt die. wasche ihn kennen, nicht wunder. Die Ueberhebuna. di« darin zum Ausdruck kommt, oürfte nur ganz Urteilslos« imponier«. In vorzüglicher Hochachtung «rgebenst Gothein. (Die Würdigung, die der verehrte Herr Einsmder dem Zionismus zuteil wert»« läßt, erscheint uns allzu milde und allzu optimistisch. Zweifellos ist Romantik, ins blondere bei der zionistisch« Jugend, im Spiel. Aber auch der Romantiker lann praktisch eine Gefahr werden. Auch der Teil der rechtsradikalen Ipgend, der Voterlandsfrag« mit Handgranat« und Maschinenpistolen zu lös« sucht, cht in seiner Art romantisch eingestellt. Der Romantiker wird leicht zum Fanatiker, zumal wmn er unter dm Einfluß geborener Fcmatiker gerät. Der Wandervogel-Typ der deutschgeborenen Zionist« wäre an sich harmlos, könnte auch wohl später einmal zum Deutschtum zurückfinden. Der junge Mensch, der dem Einfluß ostjüdischer.Fremdlinge verfällt, ist meist für das Deutschtum endgültig verloren. Die Schriftleitung.) 7. Kurze Auszüge. u) Aus dem Brief eines Gymnasialdirektor»: .... Möge Ihnen rin reicher Erfolg beschird« setn! Und wenn die Masse Ihn« nicht folgt, so lass« Sie sich nicht entmutigen. „Nicht Stimmenmehrheit ist des Rechts Probe", und — da ich einmal beim Zitier« bin — (folgt ein griechisches Zitat, das in der Uebersetzung heißt: „Viele tragen den Thyrsos-Stab, aber wenige sind Bakchm.") b) Aus dem Schreiben eines bekannten Heerführers des Weltkrieges: .Es ist sehr zu bedauern, daß die Blätter dieser Richtung (Deutsche Tageszeitung und Kveuzzeitung) so mangelhaft unterrichtet werden, infolgedessen ganz falsche Schlüsse ziehen und die anzuerkennenden Bestrebungen des Verbandes nationalheutscher Juden damit beeinträchtigen, anstatt sie zu unterstützen. c) Aus dem Brief eines Mitgliedes: .... Es war mir eine grob« Genugtuung, als mir Herr Professor H. von der . . . . Hochschule, den ich mit seiner Gattin zum gestrig« Abend gebe-« hatte, auf dem Heimwege sagte: „Ihr werdet noch viel in eurem jung« Verbände arbeiten müssen, aber «re Sache muß richtig und gut sein, wen» ihr mit solcher Heftigkeit und solch« Mitteln angegriffen werdet." Ich nehme an, daß diese Aeutzerunzz eines -Nichtjuden von Interesse .... sein wird. Aus Serlmer Kriefen. .... und so Stufen hinab der' Hochkultiv heranziehen l. steige ich Dir zuliebe auch einmal ein paar denn Du hast recht: nicht die Oberschicht i rrten soll man betrachten und zu Werturteilen sondern, wenn es schon die anonyme Masse nicht sein kann, wenigstens das ..Mittelstück". — sozusagen. Also nicht d« genialen industriell« Führer, nicht di« Zierden unserer Hochschulen, die Leuchten unseres Schrifttums, nein, den typischen Geschäftsmann, Arzt, Anwalt, Journalist«, Schauspieler nehme man unter die Lupe. Interessiert uns der jüdische Bestandteil, so ist Berlin ein bequemes Beob achtungsfeld. Prächtige Mensch« findet man da: kräftig«, schlichte Lebenrtüchtigkeit gepaart mit heiterer feiner Geistigkeit; und die - Zahl solcher Menschen ist nicht klein. Aber . . . aber . >. . was diese, die nirgends auffallen, gut machen, das verderben stets von neuem wieder die Vielzuvielen, die man überall sieht und herauskennt. Wer die Berliner Juda, lobt, weist mit Recht auf die erst«, wer sie iadelt, mit ebensoviel Recht auf die letzten, und gar nicht genug kann auf diese üble Gesellschaft hingedeutet werden, auch von uns Juden nicht: vielleicht sind sie allmählich doch noch zu erziehen, wenigstens mm Schamgefühl. Ihr Lebensstil? Innen seicht, außen geschmacklos. Beim Morgenkaffee schmatzendes Behagen: die Kritik von Alfred Kerr ist so geistreich! Dieser aber hält es für angebracht, von sich selbst zu schreiben, datz seine „Schriften, die singend-gedrungensten in deutscher Sprache seit ihrem Bestand.selber mauscheln in sozusagen steingeschnittenem Tonfall". Was mag es da wohl helfen, wenn in Versammlungen nachgewies« wird, datz Verjudung der Presse nur ein Schlagwort sei? Der Kunstrichter einer führenden deutschen Tageszeitung ist ja doch innerlich so „rotwelsch" eingestellt, datz sich gewisse Spannung« in ihm nicht m deutschen Wort« auszulösen vermögen: seine höchste Ekstase mauschelt! Jüdische Germanisten von feinstem deutschem Sprack empfind« müssen sich mit bescheidener« Stellung«