Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1923
- Issue
- 1 (Januar/Februar 1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- Ul«r die in Berlin danernd ansässigen Ostjuden, die noch nicht am Kurfürstendam wohnen j und von Synagogenvereinen nichts halten. Wie steht eS mit den anderen, die .für ein paar Wochen" von Wien Herkommen, und dann wieder für ein paar Wochen, und die schließlich nur noch dem Paßvermerk nach in Wien oder anderswo wohnen? Es klingt gewiß hark, wenn Hobrecht von Heuschreckenschwärmen spricht. Das Wort sieht im Druck schroff und lieblos aus. Aber. Hand aufs Herz, liegt nicht eine starke Dosts sachlicher Wahrheit darin? Hat nicht mancher von denen, die uns Anti-Semiten schelten, weit wir Pro-Deutsche sind, im vertrauten Gespräch schon Aehnliches gesagt? Und ist es wirklich so verwerflich, daß auch ein Jude einmal wagt, in aller Oeffentlichkeit auszusprechen. was keinem Juden und keinem Nichtjuden überraschend sein kann? IV. Ziehen wir das Ergebnis unserer Betrachtungen. Wir wollten zur Klarheit beitragen. Klarheit muß geschaffen werden, ehe man an praktische Abhilfe denkt. Nur ein schlechter Arzt kuriert an Symptomen herum, ohne vorher die Diagnose zu stellen. Der Minister Severing, das Arbeitsfürsorgeamt und alle, die ihnen nachbeten, haben die Diagnose falsch gestellt. Die Ostjudenfrage ist praktisch nicht im Rahmen der allgemeinen Ausländerfrage zu lösen. Sie ist ein Problem für sich, das eigenen Gesetzen gehorcht und nach eigenen Gesehen behandelt werden muß. Wir kommen nicht weiter mit Wendungen, wie sie auch in dem Artikel der C. D.- Zeituna wieder vorgebracht werden: .Mir verlangen Gerechtigkeit und wollen sie auch üben . . .' .Die Ostjuden sollen behandelt werden wie alle Ausländer, nicht bester, aber auch nicht schlechter." Die Ostjuden müssen behandelt werden, wie das Intereste des deutschen Vaterlandes es erfordert, und dieses Intereste erfordert, daß man die einzige Gattung von Ausländern, die zum dauernden Aufenthalt kommt, anders behandelt, als die Aasgeier vom Westen, die nur im Fluge Deutschland streifen, und die Heimattreuen Rüsten, die zwar viel zu lange für unseren Geschmack und für Deutschlands Belastungsfähigkeit bleiben, die aber doch eines Tages mit Sicherheit abwandern werden. In dieser rein deutschen Auffassung des Problems darf uns kein Mitleid irremachen, das wir dem menschlich sympathischen Teile der Ostjuden gewiß nicht versagen, noch weniger alljüdisches Solidaritätsgefühl, das sich die Maske des Mitleids vorbindet. Die praktischen Wege zur Lösung des Problems zu erörtern, überschreitet den Rahmen der heutigen Betrachtung, die nur einer Klärung der Grundlagen dienen sollte. Nur andeuten wollen wir, was uns als Lösung erscheint, damit man uns nicht nachsagen kann, wir begnügten uns, zu theorisieren, und wüßten selbst nicht, wie wir der Lösung praktisch näher kommen sollen. Die Tätigkeit des Arbeiterfürsorgeamtes ist zu unterstützen, zu fördern, aber gleichzeitig zu überwachen, damit nicht zionistische Einflüsse dazu führen, -aß aus .Mitleid" notwendige Härten Unterlasten werden. Die Rückwanderung der hier bereits ansässigen Ostjuden ist anzustreben, ohne daß über flüssige Härten angewandt werden. Die Einbürgerung ist ausnahmslos zu versagen. und jeder Ostjude, der sich an für das Deutschtum schädlichen Bestrebungen beteiligt, ist rücksichtslos auszuweisen. Dies gilt nicht nur von denen, die strafbare oder sonst unlautere Handlungen begehen, sondern auch für die Politiker, gleichviel weicher Partei, und ebenso für die zionistischen Agitatoren, die von Osten kpmmen. Wir müssen uns gefallen lasten, daß die Zionisten deutscher Abstammung im Lande bleiben: die ausländischen brauchen wir nicht zu dulden und wollen wir nicht dulden. Was gegenüber den .Aasgeiern" geschehen kann, die auf dests Umweg über Süden Herkommen, hat schon Hobrecht gesagt. Es ist unverkennbar, daß nach dieser Richtung hin dich Zustände in letzter Zeit bester geworden sind, weil die deutschen Konsulate im Ausland besser arbeiten. Aber es muß dafür gesorgt werden, da! diese Handhabung nicht wieder nach ein paar Wochen si abstumpft. Was hier gesagt ist, gilt für alle Deutschen. Für uns deutschfühlende Juden gilt das Besondere, daß wir in geschäftlicher und gesellschaftlicher Beziehung dem ostjüdischen Element gegenüber die größte Zurückhaltung zu bewahren, daß wir die Anmaßung der ostjüdischen Organisationen und das ungeheuerliche Vordringen der Ostjuden in den! jüdischen Gemeinden mit den schärfsten Mitteln zu bekämpfen haben. Das sind wir Deutschland schuldig, aber auch uns selbst. Ä>enn die Ostjudenfrage ist die Hauptquelle der Iudenfeindschaft. Unsere Leser finden über diesen Punkt unter .Echo der Presse" wertvolle Worte aus nichtjüdischem Munde. Und noch wertvoller ist, was der Abgeordnete von Eynern im Landtag gesagt hat: .Sorgt dafür, daß das Einfalltor gegen das Ostjudentum geschlossen wird, denn es ist auch das weiteste Einfalltor für den Antisemitismus ... Wer in Deutschland, auf Deutschem Boden, mag er jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung sein, sich deutsch fühlt, muß von uns als vollberechtigter deutscher Staatsbürger anerkannt werden... Aber dann können wir zusammen mit diesen sehr wertvollen Teilen unserer deutschen Bevölkerung das Ostjudenproblem in die. Hand nehmen und diesen Zustrom bekämpfen, der unserem Valerlande nicht zum Segen, sondern zum Schaden gereicht" Marsche und nichtjuclifche Schüler Bon Studie nrat Curt Osker. Der Aufsatz .Unsere jüdischen Mitschüler" von Gerd Botz, der In Nummer 7 des Mitteilungsblattes für 1S22 erschien, ist viel besprochen worden. Daß die Schristlettung d«S Mitteilungsblattes und damit unser Verband als solcher nicht etwa daran gedacht hat, sich die Ausführungen des jungen McMnes wörtlich zu eigen zu machen, ergibt sich ja schon aus der Vorbemerkung, die den Artikel einleitet. Trotzdem möchte ich mir nicht versagen, als Fachmann noch einige Worte über die gründsühliche Bedeutung, die solchen Aeußerungen von nichtjüdischer Seit« zukommt, zu sagen. Die Ausführungen des jungen Gerd Doß lagen deutlich erkennen, daß sie von einem Jugendlichen geschrieben sind, der sich sehr ernsthaft bemüht, in der Iudenfrage objektiv zu urteilen, und sich sicherlich vorstellt, kein Antisemit zu sein. Trotzdem ist unverkennbar, daß seine Gedankengänge und Argumentationen topisch die gleichen sind, die wir stets von bewußten Judengegnern hören. Der junge Mensch hat offenbar und ganz unbewußt und gegen seinen eigenen Willen diese Gedankengänge in sich ausgenommen, und zwar unter dem Einfluß solcher nichtjüdischer Mitschüler, denen in der häuslichen Erziehung derartige Vorstellungen von dem Wesen .der Ipden". eiugeslößt worden sind — im Gegensatz zu Gerd Voß selbst, der ja nach der Vorbemerkung .im väterlichen Hause kein antisemitisches Wort hört". Wo der Grundfehler steckt, dem der junge Mann so gegen seinen eigenen Willen verfällt, ist klar. Er sieht Einzelfälle von jüdischen Schülern, die schachern, ihre Mitschüler betrügen und sich bei deiu/Lehrer auf Kosten ihrer Kameraden anzubiedern versuchen. Er ist sich auch rein verstandesmäßig durchaus bewußt, daß derartig« Untugenden bei nichtjüdischen Schülern in mindestens dem gleichen prozentualen Verhältnis vorhommen, daß insbesondere gerade in der letzten Zeit Schiebergeschäfte übelster Art von christlichen jSchülern, zum großen Teil Kindern sehr angesehener Eltern, gemacht werden. Trotz dieser verstandesmäßigen Erkenntnis unterkiegt er aber der Versuchung, gerade die Verfehlungen, jüdischer Schüler zu verallgemeinern. Und besonders interessant ist in seine» Ausführungen, wie überall zwischen den Zeilen zu lesen ist, »ah er durchaus das Bewußtsein der UnzulässtKett und Ungerechtigkeit solcher Verallgemeinerung hat, sich aber trotzdem innerlich nicht von ihr freimachen kann und sich über den Zwiespalt zwischen antisemitischer Beeinflussung und besserer Erkenntnis durch di« Feststellung hinwegtröstet, Verfehlungen von jüdischer Seit« wirken nun einmal anders, als solche von nichtjüdischer Seite. Wenn wir derartige Ausführungen mit Verständnis lese», bleiben sie für unsere eigene Erkenntnis nicht ohne Wirkung. Sachlich haut Gerd Voh gründlich daneben; er tut schließlich durch alle seine Einzelbeispiele «nichts anderes dar, als die gewiß nicht-unbekannte Tatsache, daß es unter Juden und C hristen anständige und unanständige, sympathische und widerliche Erscheinungen gibt. Aber daß ein Mensch in seinem Alter, der so daneben haut, ehrlich glauben kann, kein Antisemit zu sein, ist für uns Juden wissenswert, denn wir geraten immer wieder in Versuchung, ln derselben grob schematischen Welse dte Richlinden in .Antisemiten" und Nicht-Äntisemiten «inzuteilen, wie die bewußten Judengegner schematisch den Trennungsstrich zwischen Juden und Nichtjuden ziehen. Gewöhnen auch wir uns an den Gedanken, daß wir uns von Verallgemeinerungen dieser Art unbedingt sreihvlten müssen. Wenn wir einen Menschen, wie den ehrlich nach Objektivität strebenden Gerd Voß, schlechthin als Antisemiten abstempeln und uns von ihm gekränkt zurücknehen, vertiefen wir nur die Hluft, ganz abgesehen davon, daß es vow rein praktischen Standpunkte so töricht wie möglich wäre, etwa den gutgemeinten Artikel zum Ausgangspunkt einer Hetze gegen den jugendlichen Verfasser zu machen. Man würde auf diese Weise den jungen Menschen dazu bringen, sich als unschuldiges Opfer seiner Ehrlichkeit zu fühlen und nun erst ein wirklicher Antisemit,-