Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1923
- Issue
- 1 (Januar/Februar 1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5438908-5438620-5438752--156-4871146- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ist doch vor- ^lelleicht ist dieser ..l werden bleiben, oder .n unter Ostjuden nur die- ..I völkischer Geschlossenheit, in > .^cn gelebt Hut. Sie unterscheiden ^uich, daß ihnen das Wesentliche fehlt, könnte, nach Osten zurückzuwgndern: die Verbundenheit mit der 'Heimaterde. Der >ii dem Lande, das ihm früher Wohlstand war, verloren- Er ist mit dem Boden dieses Landes nicht erwachsen,' das Land ist ihm niemals Heimat gewesen- Seine Heimat war immer dos Land, der Idee, sein Volk immet der Traum des jüdischen Volkes.' Wo er lebt, lebt er in der Heimat, denn er trägt die Heimat in sich. Und darum ist es ihm jederzeit möglich, diese vorgesteilte Heimat, dieses tragbare Vaterland anderswo aufzuschlagen, sei es in Deutschland, -in Amerika oder'wo fönst man ihn duldet. Er kennt nur ein Land, in dem sein Gefühl mit dem Boden verwachWn könnte, und das ist Palästina, das verlorene Paradies, das nur die wenigsten seiner Akt jemals erreichen werden. Jedes andere Land äst ihm .Gallith", die Fremde. Man hört oft das Wort, die Ostjudcn ständen aufreiner niedrigeren Kulturstufe als wir Westeuropäer. Das ^sagen auch solche, die Sen Ostjudcn Wohlwollenauch das Vorstandsmitglied .des Ardeitcrsürsorgcamtes sagt Aehnliches. Das Wort ist falsch. Die Kultur des Ostjuden ist nicht minder-' we,rtig gegenüber der unsrigcn, aber sie ist anders, fremd, asiatisch, nicht mit dem gleichen Mahstabzu messen. WaS uns minderwertig erscheint, ist nur die Außenseite, an der sich das Ostjudcntum mit Europa berührt, der Schniutz, Hie schlechten Manieren, die orientalische,- durch jahrhundertelange Verfolgungen gesteigerte Aufgeregtheit, die lauernde, verschlagene Art des Gesckiäftcmachcns. Das alles stößt uns ab und muß uns abstoßcn: wir wehren uns dagegen und müssen uns wehren. Aber wcni^wir den letzten Gründen der Erscheinungen nachgchcn, müssen ^wir uns darüber klar sein, dpß diele. Verdungen an der Außenseite überall die gleichen sind', wo sich -weh innerlich' fremde Welten berühren.- Wir haben die gleichen Empfindungen gegenüber allem Orrcntalentum: wenn, wir in Südslawien. ja'selbst in Italien durch enge Gassen schreiten, überschleichcn uns ganz ähnliche Gefühle. Nicht das Iüdisclx ist cs. das uns abstößt, cs ist das Fremde, Unverstandene und Unverstehbare: cs st dos Bewußtsein, daß wir hier einer artfremden Welt gegenüberstehen, die ihr Bestes in sich verschließt und uns wachsam und kampfbereit nur den Teil ihres Wesens zeigt, den sic um des eigenen Lebens willen zeigen muß. Wir wissen, daß ein Teil der Ostjuden aus den Nachfahren deutscher Juden bestehst, die einmal vor Jahrhunderten nach dem Osten gewandert sind: Äber wir wissen auch, daß - in diesen Jahrhunderten, in dem ghettoähnlichen Zusammenschluß innerhalb einer noch fremderen Welt, diese Ostjuden den deutschen Einschlag aus sich herausgezüchtet und das Asiatentum in»sich reingezüchtet haben. Vom Deutschtum geblieben sind ihnen nur Äcuherlichkeiten, die Sprache, die ein durch slawische und hebräische Beimischungen verderbtes Mittelhochdeutsch ist, und die Tracht, die wie ein Zerrbild der Bürgertracht des deutschen Mittelalters anmutek. Aoer in geistiger Hinsicht haben die Vorfahren dieser Leute alle Fäden zerschnitten, die sie mit Deutschland verbanden, und haben da angeknüpft, wo nach ihrer Traumvorstellung die Weltgeschichte aufhörke, ,bci der Zerstörung des zweiten Tempels. So ist ihr Geistesleben in tragikomische Haarspalterei hinübergeglitten. in silbenstecherisches Hin- und Herwenden -er Lehrsätze und Gebote, die seit Jahrtausenden ihren praktischen Sinn verlören hatten. Und als später, vor nicht allzu langer Zeit, ein geistiger Aufschwung eintrat, führte er den,'-er sich mitreißen ließ, von allem Irdischen hinweg in das Reich der reinen Geistigkeit. Diele wurden besser auf diese Weife, aber sie wurden gleichzeitig noch fremder, noch weniger bodenständig, als sie es vorher gewesen waren. Nicht für alle Ostjuden gilt dies. Hier und da war schon im Jahrhundert der Aufklärung eine Iudcnfamilie im Osten, die sich innerlich aus dem Ghetto löste. Vielleicht waren es die Nachkommen derer, die den stärksten Einschlag deutschen Empfindens asts dem Westen mitgebracht hatten: Auch diese hielten noch weiterhin die Formalgebote, denn sonst hätte man sie ausgestoßen aus der Gemeinschaft, aber sie gehörten doch nicht mehr recht dazu, und ihre Stammesgenossen Weitrancher schimpften sie .Tausche". Diese Familien! haben die ersten Rückwanderer nach Deutschland gestellt: aber Wanche von ihnen wohnen noch heute im Osten. Auch sie find nicht Ostjuhen in dem für Deutschland gefährlichen Einn^ Man hat uns nationaldeutschen Juden gelegevrtiich vorgehalten, daß auch unsere Familien zum grcßen TeM aus dem Osten stammten. Das trifft zu, wenn auch nicht i gehendem Maße, wie unsere Gegner beho upten. vqn uns stammt erst in der dritten, vierten Geschlecht aus dem Osten. Aber wer uns damit zu schlagen meint, vei gißt das Wesentliche. Wer aus dem Osten vor hundertsünfzitz. ja noch vor fünfzig Jahren gen Westen zog. verbrannte die Schiffe hinter sich. Er nahm nach Deutschland das Bewußtsein mit, daß er hier verloren war, wenn tr nicht den festen Willen'mitbrachte, ein ganzer Deutscher zu werden. Nicht jedem gelang dies. Manche der Zuwanderer, die ihre Willenskraft überschätzt, ihre jüdisch-völkische Verwurzelung unterschätzt haben mochten, fühlten sich auch in Deutschland .Hehl am Ort". Sie drängten sich auch h er zusammen wie eine verschüchterte Herde und schufen sich einen kümmerlichen Ghettoersatz. Auf sie führt ein großer Teil unserer deutschen Zwischenschichtler seinen Stammbaum zurück. Die anderen aber, die Deutsche werden wollten und konnten, sind es geworden. Ganz anders heute. Der Ostjude, der heute nach Deutschland kommt, findet hier die jüdisch-völkische Heimat wieder. Die große zionistische Organisation empfängt ihn mit offenen Armen. Ostjüdische Verbände nehmen sich seiner an» in ostjüdischen Synagogenvereinen findet ei den unverfälschten Kultus des Ostens. Seiner Kinder wa stet die hebräische Schule. Seine Wohnung findet er mitten unter Volksgenossen, die mit Selbstverständlichkeit se ne Sprache, das Jiddisch, sprechen: sie sprechen natürlich auch deutsch, aber nur als Geschäftssprache, die sie am Feierabend beiseite legen wie ein Handwerkszeug. Wie könnten diese Leute noch Deutsche werden, selbst wenn sie es wollten? Die es wollen, müssen sich gewaltsam aus ihrem völkischer Zusammenhang« lösen, und das ist heute nicht leicht. Denn las deutsche Volk, das die Einzel-Zuwanderer früherer'Zeiter ohne Schwierigkeiten aufnahm und im eigenen Volkstum auslöste, ist heute selbst eine .gesättigte Lösung", die abstößi, was über ihre Aufnahmefähigkeit hinausgeht Der heute zuwandernde Oftjude kann es selten zu mehr bringen, as zu einem hochstaplSrischen Scheindeutschtum. Es sind nicst die besten Elemente des Ostjudentums, die nach solchem s reden. Zu ihnen gehören die meisten! die in Berlin den Weg von der Grenadisrstraße zum Kurfürstendamm mit auffälliger Schnelligkeit durchlaufen. Die anderen, die nicht weit i ber den Umkreis der Grenadierstraße hinausgcdeihen, sind pi rsönlich viel sympathischer. Aber nicht auf Sympakhiefrag in kommt es an, wenn das Wohl des Vaterlandes, unseres deutschen Vaterlandes in Frage steht. Und daß es in Frag« gestellt wird, in gleicher Weise durch die mehr oder weniger charakterfesten Ostjuden, erkennt sogar der Minister Sevestng an. Was nützt gegen diese Zuwanderer iie Tätigkeit des Atbeiterfürsorgeamtes? Das Amt mag ehrlich bemüht sein» die Ostjuden zu überwachen und, soweit eihm möglich erscheint, zur Abwanderung anzuhalten. Die Ostjuden entziehen sich auch dieser Kontrolle, wie sie sich der Kontrolle deS deutschen Verwaltungsapparates entziehen, und zur Adwgnderung bringt man höchstens die verhältnismäßig gering« Zahl derer, die dauernd Handarbeiter bleiben und gerade deshalb in Deutschland am wenigsten stören. Was nützt es. daß von diesen Ostjuden jetzt fünftausend a>r Wiederaufbau Frankreichs Mitarbeiten sollen? Sie wer >en eines Tages wieder in Deutschland sein und ein Teil von ihnen wird bleiben. Aber die anderen, die auch nies t vorübergehend Handarbeit leisten, sind die überwältigende Mehrheit. Was nützen dem gegenüber alle statistischen ^ahlenspielereien? Man will uns glauben machen, die Zahl der Ostjuden in Deutschland sei nicht nennenswert. Aber vor wenigen Monaten erst hat in einer Sitzung der Berliner jüdischen Gemeinderepräsentanten der Berichterstatter gesagt, daß die ostjüdischen Synagogenvereine in Berlin 25W Familien umfassen und 8 eigene Synagogen unterhalten Und ein zionistischer Redner hat hinzugefugt, daß .eine noch viel größer« Zahl von Juden, die außerhalb der Vereine stehen, in ihnen ihre Vertretung erblicken". Sagen solche Zahlen nicht mehr als jede Statistik, die an irgendeiner Stelle iwch auf das Gebiet der Wahrscheinlichkeitsrechnung gerät? Tausende, die sich nach diesen Zahlen ergeben, sind doch auch Und die vielen