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Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V. · 1923-01-01 · 1 (Januar/Februar 1923) · p. [Seite]

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Journal
Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
Volume
1923
Issue
1 (Januar/Februar 1923)
Date
1923-01-01
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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lasten. Es war die höchste Zeit, daß ein nationaloeurscher sich gerade in dieser Frage offen an die Seite »einer nichtMschen Volksgenossen stellte. Das deutsche Volk mug endlich erkennen, daß die Bekämpfung dieser OstjudensiEsahr nickt eine Sache des Blutes ist, sondern eine Sache ."ksmjen Gefühls und der deutschen Moral, der Moral oes alkenr Deutschland, auf deren Wiederkehr wir hoffen, "*ag sie>heute auch noch so lief unter dem Schutt der Ver- SangenHett begraben liegen. Und nun zu der Denkschrift des Herrn Severing. Der vom amtlichen Pressedienst mitgetellte Auszug erweckt zunächst den Eindruck eines entschiedenen Fortschritts gegenüber der wenige Wochen vorher gehaltenen Landtagsrede. Man sagt sich: der Minister hat doch offenbar jetzt eingeschen, dass etwas geschehen muß. Aber bald erkennt man, daß der Fortschritt nur ein scheinbarer ist. Die Leitsätze der Denkschrift sind folgende: Die Osteinwanderung sei, .welthistorisch betrachtet', eine Manderbcwegung. Das Problem, von dem die Ostjndenfrage nur ein Ausschnitt sei, trage ein .internationales Gesicht' und lasse sich nur international meistern. Berufen zu dieser Meisterlösung sei der Völkerbund. — Man sieht, daß es im Grunde die gleichen Gedankcnaänge sind, die der Minister schon im Landtage vorgetragen hatte. Eie decken sich in allein Wesentlichen mit Ausführungen, die ein Vorstandsmitglied des Arbeiterfürsorgeamtcs. der jüdischen Organisationen in der C. V.-Zeitung, vom 25. 1. 23 macht, — natürlich nicht ohne die unerläßlichen Seitenhiebe auf unseren Verband, dem mit seltsamer Bestimmtheit eine .verschwindend kleine' Mitgliederzahl nachgesagt wird und dessen Wortführer des Chauvinismus und des jüdischen Antisemitismus geziehen werden. In der Leitung des Arbeiterfürsorgeamtes aber ist wiederum der zionistische Einfluß maßgebend, wie jeder Kenner der Verhältnisse weiß. Damit ist der Ring wieder einmal geschlossen, und cs hätte nicht einmal des Hinweises auf die Valsour-Deklaration in der Denkschrift bedurft, um deutlich zu machen, wie weltfremde Anschauungen der Minister unter anderem auch über die Zukunftsaussichten der Juden im englischen Palästina hak. Dieselbe Weltfremdheit spricht aus dem Appell an den Völkerbund. Für jeden, der da.tz,. bisherige Wirken dieser Körperschaft verfolgt hak, mußte schon zu Anfang Januar das Uebermaß ministerieller Harmlosigkeit, das hier zum Ausdruck kommt, einigermaßen erschütternd wirken. In-' Mischen sind die Franzosen in das Ruhrgebiet eingerückk, und der Völkerbund sieht mit wohlwollender Anteilnahme zu. Vielleicht sind dadurch auch dem Minister die Augen darüber aufgegangen, was wir in dieser und jeder anderen Hinsicht von der Schöpfung des großen Propheten Wilson zu hoffen haben. Herr Severing selbst wird den Vorschlag seiner Denkschrift heute für einen Witz von vorgestern halten. Wir wollen nicht weiter darüber reden. Aber festgestellt muß werden, daß schon, die Voraussetzungen falsch waren, auf denen der Vorschlag sich aufbauke. Herr Severing meint, die Osteinwanderung sei der Teil einer großen Wanderbewegung, und die Ostjudenfrage sei «ur ein Ausschnitt der allgemeinen Ausländerfrage. Das erste mag ln gewissem Sinke richtig sein. Es gibt sehr ernsthafte Menschen, die glauben, daß wir mitten in einer großen Völkerwanderung stehen, in einer der vielen Völkerwanderungen, die schon über die Welk hinweggegangen sind. Aber mit dieser wissenschaftlichen Erkenntnis kommen wir praktisch nicht einen Schritt weiter. Für uns Lebende kommt nicht allzu viel darauf an, wie die Ereignisse unserer Zeit sich künftigen Forschern unter weltgeschichtlichen Gesichtspunkten darstellen werden. Wir sind heute in der Not und müssen ihr heute steuern. Kommt die Rot von Osten, so müssen wir die Front gegen Osten nehmen und Widerstand leisten: alles andere ist müde Ideologie. Man ist versucht, die Folgerungen, die sich aus Herrn Severings Theorie ergeben, auf eine operettenhafte Formel zu bringen, sich etwa den Befehlshaber eines befestigten AömerplaheS um daS Jahr 400 vorzustellen. der einer andrängenden Germanenhorde ohne den Vetsuch einer Gegenwehr die Tore öffnet. Warum ohne Gegenwehr? Er antwortet auf römisch-wienerisch: .Da kann man nix »achen, es iS halt' Völkerwanderung.' Auf der Amüfler- Bühne könnte ein solcher Austritt vielleicht einen Lacherfolg Haken. Auf dem Welktheaker werden heute leider nur ernste Mücke gespielt: diese Szene patzt nicht hinein. Ijfxir Deutschland schuldig, aber auch uns selbst. Denn nur geme,krage ist die Hauptduelle der Iudenfeindschaft. sei Wollen vden über diesen Punkt unter' .Echo der verhält, so müssetorte aus nichtjüdischem Munde, ringen von Ausländern^der Abgeordnete vön Eynern im vorübergehend nach Deutssiafür, daß das Einfalltor gegen, für längere Zeit einnisten. Zdenn es ist auch das weifast alle WestaUsländer einschließlsiZ - -: Wer in Deutschvon diesen Völkern zu uns kommt, hä'.ch^" Glaubens und Lande zu bleibon. Man kommt, um zu nmtz^von uns als vergnügen. Man kauft Kleidungsstücke, LB' werden... vielleicht als Kapitalanlage ein Grundstück, läßV^tvollen Geld einige Zähne plombieren und vielleicht die lalUe"« schobene Blinddarm-Operation ausführen, geht täglich i Theater und einige Wochen in ein Modebad, dessen Pre se dem Deutschen nur ausnahmsweise erschwinglich sind, rm dann befriedigt abzureisen und zu Hause zu Erzählen, uje billig und gut .man' in Deutschland lebe- Unsere Gefühle für diese Gäste bedürfen keiner Erläuterung. Der Aufslh .Liegt Berlin in Deutschland?' dürfte noch manchem unserer Leser im Gedächtnis sein. Unter diesen .Aasgeiern' ist na^ türllch ein gewisser Prozentsatz von Juden. Aber diese, selbst jwenn sie ursprünglich aus dem Osten stammen, gliedern sich ^unauffällig in die Einheitsfront ihrer jetzigen Landsleute ein: sie wirken nur als Amerikaner, Holländer usw., nicModer doch nicht in erster Linie als Juden. Deutschland muß d m ^Einmarsch dieser Einheitsfront ertragen, weil es durch d m Vertrag von Versailles geknebelt ist. Unsere einzig m Waffen gegen diese Ausländer sind entschiedene gesellscha t-j liche Ablehnung und größte geschäftliche Zurückhaltung. Leider fehlt es an beiden, m Deutschland noch weit. Aber ein Trost ist uns geblieben. Diese Welle vom Westen her ebit zurück in dem^Maße, wie Deutschlands Auspoweruüg forkschreitet. Die Aasgeier bleiben fort, wenn das Aas verspe st ist. Es kann nicht mehr lange dauern, bis sie fortbleibe a. Viel gefährlicher ist die zweite Ausländcrgattung, die der Dauergäste. Sie zerfällt — von geringfügigen B<imischunaen anderer Völker, wie Polen, Rcnrdstaatler, Aci menier usw. abgesehen^— in zwei große Untergruppen. (:s sind die Russen und die Ostsnden. Zu den Russen rechn m, wir im Sinne der heutigen Betrachtung auch einen gewissen — nicht hohen — Bruchteil der Juden, die früher in Ru jland ansässig waren, aber schon dort außerhalb' der jüdist)- völkischcn Gemeinschaft, außerhalb des Ghettos gelebt haben. Beide Untergruppen sind, so schwer für den flüchtigen Beschauer ihre Angehörigen oft von einander zu unterscheiden sein mögen, gerade in dem, was für uns Deutsche wesentlich ist, grundverschieden. ' Die Russen sind echte Emigranten. Durch den Umsturz vertrieben, erwarten sie in Deutschland den Tag der^Heimkehr. Bis dahin richte» sie sich bei uns häuslich, allzu häuslich ein. Mit der slawischen Unbefangenheit, die den Deutschen reizt und gleichzeitig entwaffnet, haben sie Deutschland zum Rußland-Ersatz umgefkalkek, zumal die größeren Städie. Sie beschlagnahmen ganze Stadtviertel, schaffen Zeitungen, Buchhandlungen, Theater und haben ihre eigenen Aestairants und Cafes, in denen der zufällig hineinschneien >e Deutsche bestenfalls geduldet ist. Sie ernähreiss sich.mehr od rr weniger, redlich .disputieren und konspirierengelegentlich benutzen sie unsere Gastfreundschaft zur Veranstaltung einer kleinen politischen Schießerei. Aber, wie sehr sie sich auch hier .zu Hause' fühlen, sie vergessen doch niemals, wo le wirklich zu Hause sind. Wenn sie beisammen sitzen, stngm sie schwermütige Heimatlieder, und jeder.Gedanke ihrrt Mußestunden gehört dem Tag, an dem Mütterchen Rußland den heimstehrenden Kindern wieder die Arme öffnen wird. Es sind auch Juden darunter. Vertriebene und Trotzkihasser wie die anderen. Auch sie sehnen sich nach Rußland zurü k. Ob ste es jemals Wiedersehen werden? Rußland ist sch m heute in der politischen Umbildung, darüber besteht kein Zweifel. Die Kenner streiten, wie die Umbildung sich vollenden wird, ob durch Revolution oder Evolution. Vielleicht steht Rußlands Napoleon schon bereit, der den Machthabe m von heute eines TageK unmerklich die Zügel aus der Ha rd nimmt. Aber eines weih jeder, der Rußland kennt: Die Rolle der Juden ist für absehbare Zeih dort ausaespielt. D iS Rußland von morgen mag zaristisch oder republikanisch se n, aber es wird russisch Zein und nicht allzu bald vergesst n, dah unter denen, die das Land für viele Jahre niedergeworfen haben, auch Indem waren.

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