Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1923
- Issue
- 1 (Januar/Februar 1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/5438908-5438620-5438752--153-4871143- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
k Länder, in denen Anttsemittsinus im deutschen Sinne or verhältnismäßig kurzer Zelt unbekannt war, wenn auch!gewisse gesellschaftliche Gegen ätze vorbanden waren. Wir denken in erster Linie an Engla rd und Amerika. Beide Länder haben heute einen wohlorga visierten und täglich an Ausdehnung zunehmenden Antisemitismus. Dieser Antisemitismus hat genau zu dem Zeitpunkte eingesetzt, zu dem die ostjüdische Invasion, die bis tahin nur sickerte, zum Strom wurde und die neoeingewanderten Ostjuden sich in ihrer gewohnten ghettoartigen Form häuslich einzurichten begannen. Amerika, besten New-Mrker Ghetto allein mehr als den zehnten Teil aller Juden detr Welt beherbergt, kann heute dem deutschen Antisemitismus, was Straffheit und Schlagkraft der Organisation betrifft, noch einige Punkte vorgeüen. In England haben, was merkwürdigerweise in Deutschland fast unbekannt ist, schon während des Krieges judenj kindliche Ausschreitungen stattgefunden, die fast Pogr« mcharakter trugen, so in Leeds. In beiden Ländern hat g lnz ausschließlich die Ostjudei » Invasion der bis dahin als bescheidenes Hauspflänzchen im Verborgenen blühenden Abneigung gegen gewisse Schichter der Juden zu üppigem Wachstum verholfen und sie zurr regelrechten, kritiklos verall >emeinernden Antisemitismus emporgezüchtet. Den zweiten Beweis aber sinden wir in Deutschland selbst, in den deutschen Arbeiterkreisen. Unsere Arbeiter sind gewiß von Hause aus nicht .Antisemiten', wenn sie auch für jüdische Sonderart genüu das gleiche Empfinden haben, wie andere Nichtjuden, und der Iubenttäge durch »us nicht so verständnislos gegenüberstehen, wie/man nach!>en Aeußerungen mancher Politiker annehmen tollte. Jede ' »lls bemüht die Arbeiterschaft sich ehrlich, den eigentlichen Antisemitismus ihren Reihen fernzuhalten, und die, auf Abruf lieferbaren Echlagwörter des antisemitischen Warmhauses finden in diesen Kreisen keinen Absatz, schon deshalb nicht, weil die Inhaber des gutgehenden Geschäfts in po itischer Hinsicht als .Reaktionäre' verdächtig sind- Aber die Eindrücke, die durch Auge und Ohr ausgenommen werden, sind stärker als Parteipolitik und Parteidisziplin. In der Ostjudenfrage denkt der organisierte Arbeiter genau wie jrder andere Nichtjude, in dieser Frage ist er ebenfalls im Sinne seiner eigenen Führer .Antisemit'. Und wLnn er auch zugunsten der ostjüdischen Proletarier verstaiMsmäßig die vorgeschriebene Ausnahme macht, — sein Herz! verallgemeinert genau , wie das jedes nichtjüdischen Bourgeois. Schließlich sieht ja auch der Arbeiter, daß die Zahl der ostjüdischen Proletarier ln Deutschland nicht eben groß und daß auch aus dieser verhältnismäßig kleinen Gruppe Hera» s die Entwickelung ins Bourgeoistum ständig im Flusse ist. Auch dem Arbeiter entgehen Fälle nicht, in denen Irgend ein Ostjude, der ohne Hemd auf dem Leibe nach Deutchland kam, als bescheidener Handarbeiter anfängt, bald zu einem kleinen Handel übergeht, dann durch rätselhafte Geschäfte seinen Wirkungskreis erweitert und schließlich in überraschend kurzer Zeit bei einer Bürgerlichkeit anlargt, die schon durch ihre äußeren Erscheinungsformen verstimmt und vollends dann, wenn die Erinnerung an die rasch! Metamorphose des echten Proletariers zum ebenso echte » Knallprohen noch frisch ist. Darum ist von den schematischen, fabrikmäßig hergestellten Schlagwörtern des Geschäft-Antisemitismus auch gerade nur das eine dem beuts hen Arbeiter allenfalls »mundgerecht, das von jüdischen — sticht nur ostjüdifchen — Kriegs- und Revolutionsgewinnern, Schiebern und Wucherern spricht. Der Arbeiter fträUit sich gefühlsmäßig gegen die ostjüdische Invasion, er beobachtet gleichzeitig auffällige Einzelerscheinungen von ostjüaischem Schnellreichtum und er überträgt verallge- «rinrrnd und zweifellos unlogisch diese Einzelfalle auf .die Jude»' überhaupt, trotzdem er im Anterbewußkieln sehr wohl «etL daß Herr Raffke durchaus nicht Mischen Stammes zu sein braucht. Hier ist die Lücke in der geistigen Rüstung der Arbeiterschaft, durch die wirklicher Antisemitismus eindrlnaen kann und, seien wir ehrlich, schon eingedrungen ist. Die/Erfolge des Nationalsozialismus und ähnlicher Sttömun jen sind nur auf diese Weise erklärlich. Alle diese Dinge sind edem bekannt, der sich über Art und Ursachen des .Antifemi tsmus' nicht nur durch Versainmlungsreden und Flugschri len der Abwehrvereine unterrichten, läßt, sondern selbst die < Gelegenheit sucht, mit Arbeitern offen zu reden oder noch beste» ihnen still zuzuhören, wenn sie unter einander reden. In jedem Straßenbahnwagen, In der dritten und vierten Klasse jedes Eisenbahnzuges bietet sich djeie Gelegenheit. Aber trotzdem gibt es noch heute sogenannte Politiker ir jüdischen Kreisen, die zäh an der Ansicht festhalten. Antise nitismus und Reaktion seien voneinander untrennbar, un> der Beitritt zur sozialdemokratischen Partei, sei.eine Art vo » Pogromversicherung. Wir haben oft genug betont, daN wir gegen keinen Juden etwas einzuwenden habet», der au > ehrlicher Ueberzeugung Sozialist ist, daß solcher Sozialism» s mit nationaldeutschem Empfinden durchaus vereinbar lst, un!> daß wir uns freuen, solche Sozialisten zu unseren Mitgliedern zu zählen. Aber mit derselben Schärfe müssen wir immer wieder betonen, daß der Jude, der heute Mitglied der sozial >emokratischen Partei nur deshalb wird, »veil er dort alS Jul e am besten aufgehoben zu sein meint, nicht nur ein Gesinnungslump ist, sondern auch ein Narr, denn unter den oiganisierten Sozialdemokraten fehlt es heute genau so wenig an .Antisemiten', wie in irgend einer anderen Partei. Und daß es so ist, geht in letzter Linie zurück auf den Zustrom der Ostjuden. Selbst diejenigen deutschen Juden, deren Deutschgefühl nicht stark gjenug ist, um ihnen eine Betrachtung dieser Frage vomrein deutschen Standpunkte aus zu ermöglichen, müßten^dnvNch einsehen, daß ihnen auch als Juden die .Brüder Hus dem Osten' bisher keinen Segen gebracht, daß sie vielmehr die Zudenfeindschaft sehr wesentlich verbreitert und vertieft haben. Ein praktischer Grund tritt hinzu, aus dem wir die Klärung dieser Frage nicht verschieben dürfen. Wir erwähnten bereits die Denkschrift des preußischen Innenministers. Diese Denkschrift, die nach unserer Auffassung von einer falschen Problemstellung ausgeht und deshalb zu falschen Schlüssen gelangt, ist dem Reichsministerium elngereicht zu dem Zwecke, Maßregeln gegen die .Osteinwanderung' anzudahnen. Die Maschine der Bürokratie arbeitet weiter, auch während das deutsche Volk um sein Leben ringt. Mir müssen mit der Möglichkeit rechnen, uns eines Tages vor Ergebnisse dieser Bürokraten-Arbeit gestellt zu sehen, die Zweckloses anstreben und Notwendiges unterlassen. Schon deshalb dürfen wir nicht schweigen, solange es noch Zeit ist. Zwei persönliche Bemerkungen seien »»erstattet, bevor wir auf die Denkschrift selbst'eingehen. Man hat uns unterstellt, daß wit den Minister Severing angegriffen hätten, weil er Sozialdemokrat ist. Wir haben schon oft und wiederum oben zum Ausdruck gebracht, wie wir zur Sozialdemokratie stehen. Wenn wir uns gegen Herrn Severing wenden, geschieht es nur deshalb, weil wir seinen Weg M einen Irrweg halten. Die Tatsache, daß er Sozialdemokrat ist, wird für »msere Stellungnahme zu diesem und jedem anderen Minister stets belanglos sein. Eher wirkt schon auf unsere Einstellung zu Herrn Severing die Tatsache ein, daß einer s riner besonderen'Ratgeber ein Zioyist ist, Wir meinen, di« Hand dieses Mannes gerade in der Ostpolitik des Min sters zu erkennen, mag Herr Ministerialrat Dr. Badt aach gerade an der Denkschrift selbst nicht mitgearbeltet haben. Der Minister ist ein Mann, Hessen deutsches Empfinden außer Zweifel steht. Auch Herr Dr. Bqht lst sicherlich bestrebt und wahrscheinlich sogar überzeugt, dem deutschen Volk »tach besten Kräften zu dienen. Rur glauben wir, daß ein Zionist gerade der Ostiudenfrage gegenüber sich gar nicht objektiv, viel weniger noch deutsch einzustellen vermag. Der Zusammenhosng zwischen Zionismus und OMudentum ist, wie sogar die! Jüdische Rundschau ausdrücklich zugesteht, so eng, daß -me Aussperrung der Ostjuden zugleich einen wesentlichen Kräfteverlust des Zionismus bedeuten würde. Wie will ein. Zionist, der an verantwortungsvoller Skelle im deutschen Staatsdienst steht, in solcher Lage den richtigen, den deutschen Weg finden? Muh ihn nicht bei ehrlichstem Wollen die Erkenntnis beeinflu »en, daß alles, was in dieser Sache für das deutsche Volk geschieht, sich gegen Menschen richtet, die er selbst als Angehörige .seines Volkes' bettachtet? Gerade dieser Fall zeigt mit besonderer Klarheit, welche Konflikte sich ergeben müsse», wenn ein Zionist gleichzeitig deutscher Beamter sein will. Man halt« uns nicht das Beispiel Englands entgegen. Die meisten sogenannten Zionisten, die im englischen Staatsdienst stehen sind in unserem Sinne nichts weniger als echte Zionisten: ihr Zionismus ist nur eine besondere Form, sich interessant z« machen» ist mehr Snobismus als Herzenssache. Wo zwischen dem irrealen jüdischen und dem äußerst realen englischen Volk ein Konflikt sich erhebt, wissen diese Leute stets ganz genau, daß sie in erster Linie Engländer sind. Dies gilt sogar i..