Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1923
- Issue
- 1 (Januar/Februar 1923)
- Date
- 1923-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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mag und soll ein jeder von uns an anderem, an seinem Platze tun. Rur davon wollen wir henk« sprechen, was deutsch« Herzen empfinde« müssen. Wer von uns im noch unbesetzten Gebiet, der morgens am Frühstückstisch die Nachrichten vom .Kriegsschauplatz' überfliegt, vermag sich wirklich vorzustellen, was es bedeutet, den Feind in der Stadt oder gar im Hause zu haben? Was es bedeutet, wenn morgens unser Zrster Blick aus dem Fenster auf Käppis und Stahlhelme fällt, wenn beim ersten Schritt aus dem Hause die Laute der verhaßten Fremdsprache uns ans Ohr klingen, wenn uns keim zweiten Schritte ein Posten den Weg versperrt, das schußbereite Gewehr im Arm. eine lebende Drohung, uns nledcrzuschießen oder ins Gefängnis zu schleppen, wenn die verhaltene Wut des Geknechteten gar zu grell aus unseren Augen leuchtet? Wieviele können dieses Empfinden verstehen von allen denen ,die weit vom Schüsse nach dem Durchblättern der Morgenzeitung durch unbesetzte Straßen ihren Arbeitsstätten zuwandern? Wir Kriegsteilnehmer verstehen es, die wir einmal in Siegestagen durch französische oder russische Städte schritten und die Blicke der Landesbcwohner anffingen, diese stumm ergebenen, feindselig scheuen Blicke von unken her, die wir nie vergessen werden, die damals schon, waren wir auch durchaus nicht frei vom Herrenwahn, unS das menschliche Herz unter dem Feldrock zusammcnprctzten. Aber damals war Krieg, und die Unterdrückten von damalL durften doch die Hvffnllng hegen, daß eines Tages ihre Brüder zurückkehren würden, die Waffen in den Händen, und daß sie uns, die Eindringlinge, aus ihren Häusern und Städten verjagen würden. Was heute die Deutschen im Westen erdulden müssen, dulden sie mitten im sogenannten Frieden, dulden sie ohne Hoffnung auf brüderliche Wäffenkilfe. denn Deutschland hat seine Waffen zerschlagen. Was bleibt uns^zu tun? Unser Teil ist, zu dulden und — zu warten. Zu warten auf den Tag, der kommen muß. mögen wir auch heute noch nicht wissen, wann und wie er kommt. Vom Feinde selbst sollten wir lernen: Immer daran denken, nie davon reden. Und bis der Tag kommt, müssen wir dulden, mit zusammengebissenen Zähnen, und erfüllt von tiefstem Mitgefühl für jene, die den stärksten Druck ertragen müssen. Ihr Leid muß unser Leid, ihre Not muß unsere Rot sein. Mit tiefer Verachtung denken wir der anderen, die beute noch durch Polizeiknüttel gehindert werden müssen, die Nächte zu durchtanzen und zu durchzechen. Mit noch tieferer Verachtung derer, die mit aufdringlichem Prunk ihren Reichtum zur Schau tragen, während im Westen die bittere Not an die Türen pocht und ein großer Teil unseres deutschen Volkes tiefer und tiefer ins Elend sinkt. Entrüstung erfüllt uns, wenn wir mit ansehen müssen, daß es in Deutschland Menschen gibt, die noch heute wagen, für den Aufbau Palästinas zu werben, während unser eigenes deutsches Haus i zu zerfallen droht. Für Palästina, die Kolonie jener Macht, die uns seit Jahren am Narrenseil führt, die in gläubigen Seelen immer wieder die Hoffnung geweckt hat, man werde uns nicht im Elend verkommen lassen, und die jetzt mit .neutraler' Forschermiene beobachtet, wie uns das Experiment des französischen Vivisektors anschlägt. Schmach und Schande aber denen, die auch heute noch künstliche Schranken des BtuteS, des Glaubens und der Klasse aufrichten zwischen deutschfühlenden Menschen, die auch heute noch nicht begreifen wollen, daß diesem. Lande ein Retter nur kommen kann, wenn alles einmütig zusammensteht, was deutsch im Herzen ist- Vormer vos bstsillons! singen die Soldaten des Erbfeindes, der jetzt einen Teil des unbewaffneten Deutschland .erobert'. Was deutsch ist, trete in die Front! Nicht in eine der mannigfachen .Einheitsfronten', die unklare Köpfe uns aufschwätzen wollen, und die doch nichts sind, als Aushängeschilder für Eondergrüppchen des Undeutschtums. In die einzige Einheitsfront, die heute in Deutschland Berechtigung hat, die Front aller Deutschfühlenden, die Gemeinschaft derer, deren deutsches Herz nur ein einziges Vaterland kennt, in die deutsche Volksgemeinschaft. 5 Der atemraubend« -Druck, mit dem im Westen das Joch , uf uns lastet, läßt uns im Augenblick das^ Drängen von Osten her kaum noch als Gelabr empfinden. And doch dürfen wir selbst heute die Ostaefakr nicht vergessen, denn Vergessen heißt Versäumen, und wir haben schon zs^iel Zeit versäumt. Wir dürfen nicht warten» bis wir auch von dieser Seite rettungslos .erobert' sind, denn das hieße das Ende des Deutschtums für alle Zeit. Um dem äußeren Feinde zu widerstehen, brauchen wir die innere Einheit des deutschen Volkes. Für die traurig« Gegenwart hilft uns der selbst, diese Einheit zu schaffe^, denn Druck von auhenWingt auch Äemente zusammen, die sich sonst reiben und abstoßen. Aber selbst heute sollten wir an die Zukunft denken. Wie soll es werden, wenn einmal die Krallen des westlichen Feindes sich lockern? Soll dann die Notgemeinschaft der Deutschen wieder auseinanderfallew in hadernde Gruppen und Grüppchen, sollen wir dann von innen her die Arbeit des Feindes vollenden, den verstümmelten Körper des Vaterlandes vollends zerfleischen? Keiner kann es wollen, dem auch nur ein Rest gesunden Heimatempfindens geblieben ist. Darum ist es unsere heilige Pflicht, auch heute keinen Werktag zu versäumen, keinen Tag, der das Werk fördern kann, das lockere Gefüge der Elendsgemelnschast von heute zur dauernden Einheit, zum Volk zusammenzüschwelßen- Uneinigkeit ist das Erbübel der Deutschen? seit die Geschichte ihren Namen kennt. "Und doch haben die Herzen der Deutschen immer zur Einheit gestrebt. Ihr Wille war stark, aber ihr Fleisch war schwach. Wenn irgend etwas zu inneren Händeln reizte, wenn gar von außen her eine geschickte Hand den Zankapfel unter sie warf, war der Wille zur Einheit vergessen und die Entwickelung um Jahrzehnte, selbst Jahrhunderte zurückgeworfen. So läuft der Gefühlsprozeß, der den Einigungswillen Herr werden läßt über Reizbarkeit und Eigenbrötelei, in Deutschland langsamer ab, als in jedem, anderen Volk, und jedes Stocken in der Entwickelung deutet zugleich, daß uns andere, von stärkerem Gemeiflschaftsgeist beseelte Völker überholen. Nichts hat seit dem Kriegsende und dem Zusammenbruch der inneren Einheit so viel Eintrag getan wie die Ausländerfrage, zumal die Ostjudenfrage. An der Glut dieser Fragen schmiedet der Geschäfts-Antisemitismus seine gefährlichsten Pfeile. Er zielt auf die Iudlrn und er trifft die deutsche Einheit .mitten ins Herz'. Aber mehr als das: die Ostjudenfrage hat offene Iudenfeindschaft in Kreise getragen. denen früher.Antisemit" als Schimpfwort galt. Menschen, die wir noch vor wenigen Jahren als ruhigdenkend, vorurteilsfrei oder wenigstens gleichgültig gegenüber der Iudenfrage kannten, sind heute entschiedene Judengegner. Und wenn es einmal gelingt, einen solche» Neu- Antisemiten zu stellen, ihn zur offenen Darlegung der Gründe seiner Sinnesänderung zu zwingen, erhält man in 99 von , 100 Fällen die Antwort, erst dir laue und schlaffe Haltung der deutschen Juden gegenüber der ostjüdischen Invasion Hab« ihm die Äugen darüber geöffnet daß in .dem Juden" das Blut doch stärker sei, als das deutsche Vaterlandsgefühl, daß .der- Jude" nun einmal gegen Schädlinge nicht vorgehen wolle und dürfe, die zu .seinen Leuten" gehören. Dan wir daneben fast stets eine Reihe anderer Vorwürfe zu hören bekommen, ist Beiwerk. Die typis hen Wortfolgen, mit denen uns Drückebergerei und Defaitismus im Kriege, daS Berliner Tageblatt und die Frankfurter Zeitung, Oskar Cohn und Rosenfeld als Politiker, Harden, Kerr, Siegfried Iacobsohn und Tucholski als Literaten, jüdische Bühnenleiter, jüdische Kriegsgewinner uiid so manches andere vorgehalten werden, sind sofort als^ Schema erkennbar. Sie zeigen, was uns nichts Neues ist, daß die Argumente der Iudengegnerschaft heute längst vok tüchtigen Geschäftsleuten .normalisiert und typisiert" sind, s so daß sie nach Katalognuinmern bezogen werden können? Die Frage ist nur, wie ' die früher ganz vernünftigen Leute, von denen wir sprachen, überhaupt dazu gekommen sind, sich an das Warenhaus mit deck reichbesehten Lager zu wenden- Und wenn wir dieser wichtigsten Frage mit dem ernsten Willen zur Wahrheit, selbst zur unliebsamen Wahrheit I nachgehen, komme» wir fast ausnahmslos immer wieder lauf den Ausgangspunkt, die Ostjudenfrage zurück. Alles? was uns gerade in dieser Hinsicht entgegengehalten wird, ist gefühlsecht und ursprünglick: alles andere ist Zusatz, der nachträglich herangezogen ist. um eine gefühlsmäßig schon vollzogene Umstellung vor dem noch widerstrebenden Verstände zu rechtfertigen. Zwei Beobachtungen bestätigen Schlusses. Die eine betrifft die Verhältnisse im Ausland uns die Richtigkeit dieses