Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1922
- Issue
- 6 (Juli/August 1922)
- Date
- 1922-07-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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abgegebenen Erklärungen lassen keinen Zweifel darüber, daß Palästina in Zukunft wie bisher nichts sein wird, als eine englisch^ Kolonie. Das unvorsichtige Wort des sonst sehr besonnenen Weizmann, daß Palästina so jüdisch werden müsse, wie England englisch sei, ist von Balfour mit einer gar nicht mißzuoerstehenden Deutlichkeit zurtzckgewicsen worden, und der englische WohlsahrtsMinister Sir Alfred Mond, ebenfalls ein sogenannter Zionist, hat wörtlich gesagt, Palästina werde „eine kostbare Zierde in der englischen Fahne sein, die das gcnrze Weltreich umflattert". Es ist also in absehbarer Zeit nichts mit der „nationalen Heimstätte", viel weniger noch mit der nationalen Selbstälüngkeit, von der noch heute ein Teil der Zionisten träumt. Die Juden werden in Palästina nur eine von mehreren Beoölkerungsschichten sein neben der heute noch zahlenmäßig um ein Vielfaches stärkeren mohamme- -danischen und christlichen Bevölkerung. Zweifellos wird sich im Laufe der Jahre das Zahlenverhältnis einigermaßen zugunsten der Juden verschieben. Aber "ebenso zweifellos wird das klug« England dafür sorgen, daß die zionistischen Bäume niemals in den Himmel wachsen. Die englischen Politiker haben es zu allen Zeiten und in ollen dem Britentum dienstbaren Ländern meisterlich verstanden, verschiedene Bevölkerungsgruppen zur rechten Zeit gegen einander auszuspiclen und dadurch allesamt zugunsten Englands, niederzuhalten. Sie werden auch hier die Begeisterung und A beitsfreudigkeit der zionistischen Jugend, die Organisationsgabe und die Geldmittel der älteren zionistischen Generation sowie der nichtenglischen Zionistenfreundq zur Entwickelung des Ahnen untertänigen Landes ausnutzen, werden die Araber und Christen, wenn es nötig ist. auf Kosten der Juden bet guter Laune erhalten und werden dabei Palästina in festen Händen halten als ^wichtige Figur auf dem Schachbrett der Weltpolitik. Vorerst werden sie ihr ganzes Geschick aufzuwcnden haben, um die Erreegung der arabi- > scheu Bevölkerung ^selbst die zionistenfreundliche „Vossilche Zeitung" spricht von dem „Vulkan Palästina") zu beschwichtigen und pogromartige Unruhen, wie st? früher wiederholt vorgekommen sind, zu verhindern. Für uns »ationaldeutsche Juden hat die Palästinafrage in doppelter Hinsicht-Bedeutung. Als Deutsche müssen wir die Entwickelung der Dinge mit schmerzlicher Wachsamkeit verfolgen, ohne etwas an ihr ändern zu können. In dem Spiel, das England und Frankreich uni die Gestaltung des nahen Orients spielen, hat Deutschland noch stets den Spielverlust aus eigener Tasche bezahlen müssen. Seit Jahren führt Lloyd George mit dem leitenden französischen Staatsmann, mag er nun gerade Poincar6 oder anders heißen, einen Kampf, in dem es noch außen hin um Deutschlands Wohl und Wehä geht. Aber jedesmal, wenn es den Anschein hat. als sei der Gegensatz unüberbrückbar geworden, ist plötzlich wie hergezaubert die Brücke da. und jedesmal ist es der zertretene Körper Deutschlands, über den die beiden Gegner hinwegschreiten, um sich versöhnt die Hände zu reichen. Die Losung des Rätsels? Frankreich hat wieder einmal ln der Orientfrage irgendein kleines Zugeständnis gemacht und Lloyd George, der soeben noch beteuert hatte, daß Deutschlands Geschick eine weitere Belastung-nicht vertrage, sieht plötzlich ein, daß man uns schließlich doch noch ein paar Gewichte aufbürden könne. Das entwaffnet« und entkräftete Deutschland muß zu diesem ' Schindluder-Cipiel stillhalten. Di« Zeiten find vorbei, kn denen wir uns selbst am Spiel der Kräfte beteiligen konnten. Heute gleiche« wir nur noch dem Kiebitz aus der „Partie Klabrias" der seligen Herrnfeldbühne, dem der Hut eingeschlagen wird, wenn einer der Spieker sein Spiel verliert. Für «ns als deutfchfühlende Juden haben die Dinge noch eine zweite Sette und hier ist unsere Lage immerhin günstiger, weil wir nicht tatenlos zuzusehen brauchen, wie man uns bei lebendigem Leibe verhökert. Wir haben es wiederholt ausgesprochen^ daß wir den echten, de« konsequenten Zionisten alles Gute gönne«. Je günstiger sich für sie di« Lage in Palästina gestattet, desto bcher für «ns. denn die Auswanderung jedes undentfch fühlende« Menschen ist für Deutschland eia Gewinn. Rlchck die wahren Zionisten find daher unsere unmittelbaren Gegner, sondern diePse»- do-Zioniften, die breite Schicht der Jüdischnationalen, deren Grenze gegen die Zwischenschicht verschwimmt. Aber "der eigentliche Zionismus ist für uns doch mittelbar eine Gefahr und zwar eine Gefahr, die nicht ernst genug aufgefaßt wer- > den kann, weil der Zionismus als Organisation auch Gruppen der deutschen Juden in seinen Bann zieht, die angesichts der Verhältnisse in Palästina selbst dann nicht dort Unterkommen könnten, wenn sie ernstlich zur Auswanderung entschlossen wären. Darum können wir nicht ruhig zusehen, wenn die Führer des Zionismus unserer Jugend vorspiegeln, die „nationale Heimstätte" sei jedem erreichbar, der ihrem Lockruf folgt. Zn meiner Schrift „Pon Zionisten und Jüdischnationaken"') habe ich die Schwierigkeiten dargelegt, di« den Einwanderer im „Lande Israels" erwarten. Was ich damals — vor einem Jahre — schrieb, ist inzwischen in vielen Punkten durch die Entwickelung bestätigt, in keinem einzigen Punkte^widerlegt worden. Und wer das Bild, das ich damals in großen Umrißstrichen entwarf, durch farbenreiche Einzelheiten — zum Teil erschütternde Einzelheiten — ergänzt sehen will, lese das Buch des Zionisten und Sozialisten Arthur Holitscher „Das jüdische Palästina".') Hier wird von einem Kenner des Lander, einem warmherzigen Menschen und klarsehenden Politiker, der mit unbestechlichem Blick Echtes von Falschem zu sondern weiß, bestätigt, daß zu „Chaluzim", zu Pionieren des nationalen Judentums nur junge Menschen besonderer Art taugen, Menschen mit eisernem Willen und eisernen Händen, deren Herz vott ist von flammender Begeisterung für ihre Aufgabe und von demütiger Hingabe an ihr Schicksal. Wie viele von denen, die sich heute in Deutschland „Zionisten*'nennen, dürfen ehrlich glauben, daß sie zu dieser Menschengattung gehören? Ich wage die Behauptung, -daß der Zionismus der meisten sogen «unten Zionisten in Deutschland genau so negativ, so ausschließlich Mangel an positivem Deutschs efühli st, wie die Gesinnung der meisten sogenannten „Deutschvölkischen" nur Judenfeinds «hast, ohne positives Korrelat, nur eine umgestülpte Negation ist. die innerlich hohl ist wie ein Handschuh finger. Der Zionismus, der einer leicht beeinflußbaren Jugend die nanionale Heimstätte vor spiegelt, schafft in Wahrheit nur Heimatlose. Unsere Aufgabe ist es, das Schicksal der Heimatlosigkeit von unseren Kindern abzuwenden, und unsere Pflicht ist es auch, unser deutsches Vaterland davor zu bewahren, daß im Herzen Deutschlands ein Heer von Heimatlosen herangebildet werde, ein Heer, das eines Tages vielen Heimattreuen Deutschen jüdischen oder nichtjüdischen Stammes den Weg zur deutschen Volksgemeinschaft versperren könnte. Der Zionismus, vor 20 Jahren noch wenig mehr'als ein Traum, ist heute eine ernste Gefahr, eine Gefahr fiir das Deutschtum. Er wäre nicht zu ein« solchen Gefahr erwachsen, wenn wir deutschfühlenden Juden rechtzeitig die Lugen offen gehalten hätten, wenn wir uns nicht mit nichtssagenden Phrasen von „Gemeinschastsgeftihl". „religiösem Zusammenhang". und mit ShKlichest inhaltlosen Schlagworten immer wieder hätten einschläfern lassen, sobald «ine Ahnung der Gefahr in uns aufpieg. Heute kennen mir die. Gefahr. Es ist reichlich spät, aber auch heute fi§ch nicht ') Deutsch, verlagsg-sellschaft für Politik und Geschichte m b.BerlinIvri. ») E. Fischer, Berlin, 1922.