Mannheim
Compact Memory

Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V. · 1922-07-01 · 6 (Juli/August 1922) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
Volume
1922
Issue
6 (Juli/August 1922)
Date
1922-07-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5438908-5438616-5438748--127-4871119
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Um dieses Ziel zu erreichen, um unseren jüdischen Kindern mit ihrem Glauben zugleich das innerliche Gefühl der Zugehörigkeit zum deutschen Volk und Land tatsächlich ein- -upflan-en, müssen wir unsere eigenen Erkenntnisse und Gebote, Dogmen und Traditionen in neue Beleuchtung rücken. — Ratürlch liegt es mir fern, etwa dafür zu plädieren, daß man Formeln oder Gedanken unserer mdsaischen Bibel, die mtt dem jüdischen Glauben auf's Engste, verwachsen find, vollkommen unterdrückt. Aber es sollen diese biblischen Traditionen den Kindern dargestellt werden als das, was sie wirklich find: geschichtliche Grundsymbol«, sittliche Lebensformeln, Botschaften und Gesetze einer vergangenen Zeit! Die Form, in der unseren Kikdern jüdische Glaubenslehre, Geschichte beigebracht wird, mutz sich in Ein- ' klang befinden mit-den Ansprüchen, die das Land an die staatsbürgerlichen Gefühle des erwachsenen Juden stellt. Das heißf, wir dürfen nur lehren, was nicht in Widerspruch zu diesen Gefühlen steht oder — wir lehren eS so, daß der historische Wert der jüdischen Traditionen in den Vordergrund tritt. Ein typischer Glaubenssktz ist es vor allen anderen, der das jüdisch« Stammesbewußtsein in unseren reifenden Kindern stärkt , und aufrecht erhält — sicherlich abe« auf Kosten des nationalen Gefühls, und darum unschren Tendenzen den tödlichsten Schlag versetzt: ich meine die Botschaft vom auserkorenen Volk. Solange das jstind sich noch nicht von der tiefen Bedeutsamkeit einer religiösen Mission eine Vorstellung machen kann, klammert ep sich natürlich an die andere Seite der Sache. Es hört mit Andacht und Staunen, daß der Stamm, zu dem es gehört, i nicht nur eine Ausnahmestellung inmitten der Völker einnthme, sondern — was aus,das Kind noch stärker und tieferwirkt — daß dieser jüdisch« Stamm über, allg Stämme und Völker der Erde gesetzt sei. Wenn auch der kindliche Hochmut in vorgeschrittenem Alter am Kampf des Tages erstirbt — das Bewußtsein des Losgelöstseins von allen Völker« 4ind Reichen, das Bewußsein nationaler, geistiger Isolierung, das diese Botschaft erzeugt, bleibt unverändert bestehen. Indem die wörtliche Auffassung dieser Botschaft die jüdischen Kinder von der Kulturnation trennt, aus der sie erwachsen find, stößt sie sie unerbittlich in-jene Verlassenheit und trostlose Oede zurück, die das Schicksal des Heimatlosen, nicht Bodenständigen ist. Man wende nicht etwa ein, daß sie dem Kinde dafür eine moralische Heimat im Glauben an die Mission des jüdischen Volkes gibt, daß sie das jüdische Volk, das über die Welt verstreut ist, als ein« geistige Einheit aufzufassen versucht, die Heimatrecht« gewährt und Volkcspflichten verlangt. Mit dieser geistigen Einheit, die lediglich ein Begriff» ein Eedankengebilde ist. wissen unser« Kinder nichts anzufangen. Ader der tiefe Gedanke der Auserwähltheit durch Gott sieht schon ganz anders au», wenn wir ihn unter andere und neue Gesichtspunkte stellen — wenn wir ihn historisch beleuchten und aus dem Entwickelungsgang des jüdischen Stammes verstehen. Das geistige Ingrediens, die inhaltliche Bedeutung der ganzen Lehre ist die, daß das jüdische Volk als einziges unter den Völkern vom Schöpfer berufen war, für diesen Schöpfer zu zeugen. Die heilige Schrift erzählt, daß es von feinen Propheten mit unermüdlicher Strenge an seine Glaubenspflicht, sein« Berufung gemahnt ward — einmal, damit die Welt von diesem Glauben erführe — zum andern aber auch deshalb, well nur auf Grund des Bewußtseins feiner Berufenheit das jüdische Volk die Kraft zur Aufrechterhaltung des Glaubens und seiner Gebote fand. Der Nein«, jüdische Stamm, — auf einem hohen Gipfel der sittlichen Lebenskultur, im Besitz der wahren Erkenntnis, die als den Schöpfer der Ding« e i n sittliches Wesen pries — klammerte sich mit Stolz und mit fanatischer Inbrunst an jene Verheißung an. weil es inmitten der anderen heidnische« Völkerschaften eine» geistigen Rückhalts bedurfte, einer gemein» i - samen Hoffnung, die ihn als den Künder und Träger einer lebendigen Wahrheit au« der Maße der übrige» Menschheit nicht nur gewaltsam heraushob» sondern auch feine Glieder eisern und unauflöslich unter einander verbal. Heute, wo die Juden sich auf diesen sittlichen Zwang j und diese Notwendigkeit nicht mehr berufen können, innerhalb einer Kulturwelt, die vom Monotheismus, wenn auch in verschiedenen Formen, geistig Besitz ergriff, entfällt für uns das Recht, im Verhältnis zu allen anderen Welt- und Kulturnationen die Außenseiter zu spielen, uns geistig von ihnen zu scheiden und über sie zu erheben. Wenn die mosaische Lehre im Grunde genommen auch wirklich auf der Berufungsidee und auf dem strengen Glauben göttlicher Weltgestaltung und Daseinsbestimmung fußt: das jüdisch« Sittengesetz ist davon unabhängig. Der Jude als Stammesmitglied wie auch äls Einzelperson proklamiert am stärksten und reinsten di« Eelbstverant- Wörtlichkeit. Das Recht der Initiative, di« Möglichkeit der Entscheidung über Böse und Gut — dos Bewußtsein dieses Rechtes und dieser Möglichkeit läßt sich der Jude nicht rauben. Die jüdische Lebensmoral ist einzig auf die Erkenntnis, die geistige Freiheit des Menschen, auf seine eigene Entscheidung gestellt. Ihr Fundament ist der Will«, njcht die Gewolltheit durch Gott. Sie baut sich auf irdischer Weisheit, nicht aber auf göttlicher Allmacht oder gar auf der Willkür des sinnloser^ Schicksals auf. Erwähnen möchte ich noch, daß die religiöse Idee der Gottesberufenheit, die der alte jüdisch« Stamm durch die Jahrhunderte trug, überhaupt kein Privileg lies jüdischen Volkes blieb» Eie tauchte in späterer Zeit, an anderen Stätten der Menschheit — und scheinbar unabhängig von dem mosaischen Einfluß —überall dort empor, wo der Glaube an den Bestand einer allmächtigen Kraft, eine« alleinigen Schöpfers lebte und WurzÄ schlug. Auch der Islam beansprucht für sich ünd seine Anhängerschaft dieses mosaische Vorrecht — ebenso, wie der Buddhismus von jener Zu, verficht zehrte. Wenn mir die Jugend so, wie Taft und Pietät es heute von uns verlangen, auf den nur historischen Sinn der Glaubenssätze verweisen, die sonst mit dem, Heimatgefühl, unserem Bekenntnis zum Deutschtum in Widerspruch geraten, werden wir den von unschädlich erkannten Einfluß am allerersten entkräften, werden wir jenen Zwiespalt zwischen dem religiösen und nationalen Gefühl in den Gemütern oer Jugend einfach unmöglich machen. Töricht und zwecklos aber wäre es jedenfalls, wen» wir aus Angst vor Zweifeln, wie sie im Kindergemüt, durch entweder unzeitgemäße oder engherzige Erklärung von Traditionen entstehen, den Religionsunterricht und — möglicherweise sogar — die Feiertagspredigt zu boykottieren versuchten. Das hieße, die Kinder nicht nur vor geistigen Kämpfen schützen, sondern ihnen damit zugleich das Juden-» tum zu rauben. Eine andere Frage ist. ob daneben die planvolle Unterweisung unserer jüdischen Kinder in der christlichen Sittenlehre und christlichen Religion ernsthaft zu wünschen ist. Darüber läßt sich streiten. Meine Meinung ist die, daß sich ein Unterricht im obengenannten Sinn« heut nicht mehr umgehen läßt. Zunächst aus dem einfache« Grunde, weil de« Kindern mit dem noch leider vielfach üblichen Ausschluß dieses Wissensgebietes ein Stück Kulturgeschichte, der Einblick in da» größte und wesentlichste Problem der ganzen MenschhettsentwiLuag tatsächlichverloren gcht. — Außerdem aber wird es unseren erwachsenen 'Kindern, wenn wir ibnen den Weg zur Kenntnis der geistigen und sittliche» Ingredienzen der Evangelien-Lehre systematisch verlegen, vollkommen unmöglich gemacht, sich selbst ein Tlrteil zu bilden über den Unterschied der Weltanschauungsgedanken, di« uns das Christentum und Judentum offenbart. Wir nehmest dadurch unsere« Kindern selber die MöglUpeit, de« Juden-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.