Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1922
- Issue
- 6 (Juli/August 1922)
- Date
- 1922-07-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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-kann, der es ehrlich meint, wie der Oberstleutnant Boehm, pt einer völlig schiefen Auffassung. Das ganze Problem läßt sich m. E. überhaupt nicht vom Niveau der Tagespolemik aus erfassen. Durch Zusammenstellung von Preffeäutzerungen, aus denen unoerhüllte Ghettoinftinkte sprechen, läßt sich natürlich bona kcie ein Bild gewine«, wie es Boehm gezeichnet hat. Aber das alles ist nur Vordergrundserscheinung. An einem Einzelfalle kann «an den tieferen Ursachen nachspüren. Ich meine den Fall Harden. Boehm greift Harden wegen seiner vaterlandsfeindlichen Haltung seit 1915 mit'Recht an. Aber derselbe Harden war vor einem Menschenalter einer der wenigen, die den Mut hatten, das Panier des gestürzten Bismarck zu ergreifen. Sei« kecker Feldzug gegen den Eulenburg-Klüngel — einerlei, was Haidens Absicht dabei war — hat seinerzeit unzweifelhaft reinigend gewirkt. Kein nichtjüdischer Schriftsteller hat die zersetzende Tätigkeit des «Berliner Tageblatts" und der Mossescheu «Annoncen-Plantage" erbarmungsloser gegeißelt, als Harden. Dieser Mann, der an Bismarcks Tische gesessen hat, war damals ein wertvoller Bundesgenosse des wohlverstandenen Konservatismus^ d. h. de» besonnenen, staatserhaltenden Fortschritts, wohl auch der staatskonservativen (nicht agrarkonservativen) Fronde gegen die Torheiten der Wilhelminischen Aera. Haben diese Kreise eine solche Kraft erkannt und benutz^? Nein? Sie haben Harden so lange als «Isidor Witkowski" angepöbelt, bis er noch zu Anfang des Krieges Annexionist wie der selige Matthias — schließlich ins radikale Lager überging. Heute ist er glücklich bei den Bolschewisten gelandet und man hat einen Mordversuch an ihm begangen, weil er nationalistischen Heißspornen als Daterlandsfeind erschien. Wenn er es heute ist^d qui ia jaule? Gewiß auf beiden Seiten, aber die «erste Schuld" lag wohl nicht auf Hardens Seite. Man mag über seinen Tharakter verschieden denken. Sein« dem Deutschtum schädliche Betätigung in den letzten Jahren hätte man sich jedenfalls ersparen können» wenn man ihn nicht um seiner jüdischen Abstammung willen verbittert hätte. Man mag an diesem Beispiel herumdeuteln, wie man will. Ich gebe es nur als Beispiel. Ich will damit nur zu einer zweiten Frage kommen: Kam die Offiziershetze nur vom blauen Himmel herunter, d. h. aus der schönen Seele der Herren Tucholsky und Genossen? Oder liegen auch hier tiefere Ursachen vor? Entsprach der Offiziershetze in jüdisch-radikalen Kreisen nicht ebenso oft eine Judenhetze oder doch ein ausgesprochener, einseitiger, verbitternder Antisemitismus in Offizierskreisen? Und ist die Offiziershetze zum Teil nicht nur ein Eegenschlag? Die Antwort auf diese Frage ist gewiß sehr schwer. Wenn zwei sich zanken, gibt jeder dem Gegner allein die Schuld und behauptet, dieser hätte angefangen. Meist aber sind beide mehr oder weniger schuldig. Wie die Priorität in tausend verschieden liegenden Fällen nachprüfen? Man behilft sich also mit Allgemeinheiten und^ Schlagworten wie „jüdische Frechheit" auf der einen und «Junkergeist" auf der anderen Seite. Der maßlose Antisemitismus und die Offiziershetze gehen Hand in Hand. Auf beiden Seiten ist, besonders seit dem Kriegsende, ein Dunstkreis des Hasses entstanden, aus dem dann ' schließlich der politische Mord aufder einen, die Massenverhetzung auf der anderen Seite entsprungen ist. Ursache und Wirkung find also ganz relative Begriffe, je nachdem man der Derhäkelung dieses Gespinstes an einer früheren oder späteren Stelle «ac^uspüren beginnt. , Ich will damit gewiß die Tucholsky usw. nicht rein, waschen — Vas ganze Wasser der Spree würde dazu nicht ausreichen —, noch weniger das .^Berliner Tageblatt", das diesen Leuten in seinen Spalten, besonders im „Ulk", erst den Schallboden geliefert hat. Aber ich bemühe mich, durch dies« vordergrundserscheinungen in die Tiefe zu sehe«, und da mutz ich sagen: Jede« Poll hak die Presse die pox- '4 dient. Der radikal-jüdische Geist hätte ohne den Unglück, lichen Kriegsausgang nicht di« Wirkung ausüben könne«, die er ausgeübt hat. Ein zersetzender Geist kann nur auf ein bereits zersetztes, zermürbte», bitter enttäuschtes, vere hungerles Volk wirken, das seine Ideale begraben hat, Unser Volk ist krank, totkrank, und die Offiziershetze könntin ihm nur Bpden finden, weil es krank ist. Genau da« Gleiche gilt von dem maßlosen Antisemitismus, der gleich, falls nur die Krankheitserschetnung eines verbitterten Na, tionalismus ist. Wen« die ratikaljüdischen, pazifistische« Ideen solche Aufnahme bei den breiten Massen finden kann, ten, kann es nicht nur an den Juden liegen, denn sonst müßtunser halbes Volk „verjudet" sein. Die Stimmung dieser! Hälfte unseres Volkes wäre etwa die gleiche auch ohne die,' sen jüdischen Einfluß, der im ganzen genommen nur ei«? Symptom, keine Ursache ist. _ Wie ich in meiner Broschüre «Anttsemitimnus?" an de- Hand von Zitaten ruhiger Beobachtet gezeigt habe, neigt de- Jude im allgmelnen dazu, sich der geistigen Domi, nante seines Wirtsvolkes anzvschließen. In den nationäl, bewußten, jetzt siegreichen Ententeftaaten ist dies der Na, tionalismus, in Deutschland, besonders seit dem Zusammen, bruch, der Sozialismus aller Schattierungen und kesse« „Vorfrucht" (Bismarck), der Freisinn. Es beruht daher nicht auf besonderer jüdischer Bosheitz daß wir bei uns viele Ju« den im radikalen Lager finden, sondern gerade auf der jüdischen Neigung zur Anpassung an die Dominante, wozw dann bei uns noch — wie.im Falle Harden gezeigt wurd- (ein Fall für viele) — die Wegekelung aller Juden, auch der« intelligentesten und kulturell oder wirtschaftlich einflußreich, sten, aus den Kreisen der Rechtsparteien trat. EnglaiH hatte seinen Disraeli als Premierminister und hat jetzt eine« jüdischen Dizekönig für Indien, ohne daß deswegen der stolz«? Baü des britischen Weltreiches auseinanderbräche. Jrk Deutschland dagegen waren längst vor dem S. November! 1918 die Tage entschwunden, in denen ein Stahl die Grunds lagen der konservativen Weltanschauung legte, ein-Himsoir zweimal (1848 und 1871) die deutsche Kaiserkrone dei( Hohenzollern im Namen des deutschen Volkes (unter Bis, marck?) darbot oder als Reichstagsprasident seine national- Pflicht tat, in denen ein Laster das Programm der nationalliberalcn Partei entwarf usw. Sieht man sich dl- Dinge so von der höheren geschichtlichen Warte und nicht vorch Niveau der Tagespolemik ün. so gewinnen sie ein ganz an," deres Aufsehen. Will man also die Gründe der Offiziershetze finden, so» muß man davon ausgehen: Die Hetze selbst war ein Ergebnis des Zusammenbruchs, die Beteiligung jüdischer Elementan ihr vielfach ein Ergebnis der falschen Behandlung, dl« man den Juden hat zuteil werden lassen, lieber den Zitt sammenbruch und dessen Gründe muß man auch nicht nur dl« radikaljüdlschen Darstellungen heranziehen, deren Gehässigkeit ruck» Deutschfeindlichkeit außer Frage steht, sondern « empfiehlt sich, auch Bücher wie das des jetzigen deutschnationalen Abgeordneten Lambach zu lesen, der in manchem Ei .tzelfällen zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommt. Und ma>> m-iß schließlich, wenn man die Tatsachen prüft, au» deren Verallgemeinerung die Hetze heute noch gespeist wird, siis auch vergegenwärtigen, was alles aus der Menschennot heraus im Kriege Offizier geworden ist. Es waren zum Teil Leute, die man im Frieden nicht zu Gefreiten gemacht hättt und denen vor allem eins fehlte, die Erziehung im Offizien korps. Das aktive Offizierkorps aber, dieses unvergleichlich« Pflichtmenschentum, deckte meist bereits der Rasen in Feich desland oder es war zum Krüppel geschossen. Daß unk« diesen Umständen vieles nicht so war, wie es hätte sek« sollen, wen könte da« wundern? War es etwa Lei unser« i Feinden anders? Gewiß nicht, nur hat bei ihnen der Ekq 1 alles Mit Lorbeeren zugedeckt, während das besiegte Devgschn M laich in seinen eignen Wunden wühlt. Di« schmützMH M