Mannheim
Compact Memory

Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V. · 1922-07-01 · 6 (Juli/August 1922) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
Volume
1922
Issue
6 (Juli/August 1922)
Date
1922-07-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/5438908-5438616-5438748--123-4871115
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

«m dem verbrechen »MN 24. Juni, von den anderen nicht tz» reden, di« ihm durch unmittelbare Unter ftützungshandlun» gen Vorschub geleistet habe«. , vormürfe solcher Art find im Uebereifer der Verfolgung gewiß auch i» Urücecht erhoben worden, aber daß bestimmte, auf verhältnismäßig enge Kreise begrenzte politische Richtungen für das Geschehene mit verantwortlich gemacht werden, kann nach deu bisherigen Ergebnissen der Untersuchung wahrlich nicht Wunder nehmen. Ebensowenig freilich auch, daß die Hastbarmachung für diese Mordtat bei Liesen Kreisen nicht stehen blieb, sondern darüber hinaus die. Gesamtheit der politischen Gegner zu treffen sucht«. „Der Feind steht rechts" heißt jetzt die Parole, und so wird alles in einen Topf geworfen, was zu de« heute regierenden Männern, im Gegensatz steht. Die Deutschvölkischen und die Deutschnationalen, Geheimorganisationen und ganz vorschriftsmäßig eingetragene, aber auf nationalem Boden stehend« verbände. Selbst die Deutsche Dolkspartei ist mit auf die Proskriptionsliste geraten und' mußte schließlich ihrem Schöpfer danken, daß inan ihr die Zustimmung zu de« Schutzgesetzen für die Republik nicht auch noch als «in verbrechen anrechnete. Kaum aber haben sich die Kampfwolken etwas verzogen, als auf der äußersten Rechten schon deutliche Risse sichtbar werden Der höllische Flügel der Deutschnationalen wird abgedrängt. Aka« behauptet zwar, in der politischen Grundrichtung der-fPolitik nach wie vor einig zu sein, aber man steht sich doch ^genötigt, Trennungslinien zu ziehen. Es ist ein Anfang und es wird sich Nun zu erweisen Habe«, was der Wulle-Winkel der Rcichetagsfraktion, wenn er die Westarp, Hoetzsch und Düringer nicht mehr hinter sich hat, in unserem Volke zu bedeuten hat. Unverkennbar besteht aber die Gefahr, daß unverständige oder gar ungerechte Anwendung der neuen Strafgesetze die sich jctz, anbahnende Selbstbesinnung extremer Rechtskreise wieder aufhalten oder in das Gegenteil verkehren müßte, vor ihr kann im Interesse eine allmählichen Ausgleichung der Gegensätze nicht dringend genug gewarnt werden. Und wir nationaldeutsche Juden — welche besonderen Gedanken werden uns durch die Erfahrungen der letzten - Wochen nahegelegt? Zunächst: darüber kein Wort, daß Walther Rathenau uns allen als Vorbild dessen dienen konnte, was wir unter einem deutschen, unter einem nationaldeutschen Juden verstehen. Dies« Anerkennung hat sich sogar in manchen Rachruf mit eingeschlichen, dessen Verfasser sonst für unsere Bestrebungen kein Verständnis zeigt. Und daß viele von den Glaubens- und Etammesgenossen, die heute um feinen gewaltsamen Tod nicht laut genug jammern können, in ihm früher — genau wie heute in uns — nur einen '»jüdischen Antisemiten" sahen, weil er in seinem berühmten Aufsatz: „Höre Israeli" einen ganz bestimmten Teil der deutschen Juden als eigentliche Volksgenossen ablehnte, weil er sie in ihren „völkischen" Besonderheiten öffentlich mit goldener Rücksichtslosigkeit angriff. ohne Scheu,, dadurch die Fabel von der jüdischen Einheitsfront von Grund auf zu zerstören — wir brauchen uns dabei nicht lange aufzuhalten. Nur lernen können wir daraus, daß wir uns durchaus in guter Gesellschaft befinden, wenn man uns aus gewissen Kreisen unserer Etammesgenossen heraus der Allgemeinheit ab» Helfershelfer des Antisemitismus zu denunzieren beliebt. Umgekehrt können wir uns auch dafür auf Rathenau berufen, daß ebenso innerhalb des Antisemitismus unterschieden werden muß zwischen Gegnern, mit denen es sich lohnt eine Verständigung zu suchen, und solchen, die »an von vornherein sich selbst überlassen muß. weil ihre UNbelehrbarkeit. wie sich jetzt wieder grauenerregend gezeigt Kat» zu alle« fähig ist. In einem Briefwechsel über dfe Zudenfrage, deu Rathenau, am 2. Februar 1911 im Roten „Tag" veröffentlichte, spricht er von dem Schreibe« eines Vertreters des preußische« Landadels, das ihm die typisch«« A»schauun»en der damals in Preuße« regierende« ÄPse und somit vielleicht auch diejenigen der Regierung selbst pf enthalten schien „Die gewählte Forch war matzvoll, ,osätn . ttv, selbst von einem gewisse» Wohlwollen erfüllt; der Brtej mußte daher als ehrliche Verfechtung verständiger Interesse« sympathisch empfunden werden, und ich fühlte mich verpstich, tet, ihn eingehend zu beantworten." Und so. folgt dsnst eine lang« Auseinandersetzung mit dem Briefschreiber, gleichs maß- und respektvoll, gleich wohlwollend, eia ehrlicher Ber^ such, den Gegner zu überzeugen oder ihn doch wenigsten» fitst ' das Lerstaudnis jüdischer Anschauungen in den Fragest deutsch-jüdischen Zusammenlebens zu gewinnen. Wenig diese« Beispiel vornehm fachlicher Polemik früher schon un«s ter uns Inden mehr Nachahmung gefunden hätte, wer weiß, ob die Kluft zwischen Deutschen und Jude« heute »och so. groß wäre, wie es leider der Fall ist. i Und schließlich: Es bedarf keiner Zitate au« den Cchrkfs ten Rathcnaus, um zu beweisen, daß!er di« Brücke -wischest > Deutschtum und Judentum nicht in der Taufe, nicht ist felgest Selbstentäußerung gesucht hat. Er suchte und fand sie in de» schrankenlose» Hingabe a« das deutsche Vaterland, mit dest er die Treue gegenüber seinen angeborenen Stammesempe findungen durchaus zu vereinigen wußte. Er schämte stch seines Judentums nicht nur nicht, er hätte es als eine sei-, ner unwürdige Zumutung zurückgewiesen, irgend wann unH irgend wo etwas andere» scheine« -v wollen, als was er war. Auch in dieser Haltung fühlen wir nationaldeutfchst Juden uns mit ihm völlig solidarisch. Verdächtigung«^ als liefen die Bestrebnngen unseres Verbandes darauf hin-, ans, den Zusammenhang zwischen uns uad deu außerhalb des Verbandes stehenden deutschen Juden aufzugebe» oder unseren Abmarsch au» dem jüdischen Lager vorzuberettest, reichen an «ns ebensowenig heran, wie sie einen Rathenast in seinen Grundanfchauungen bätte» Leinen können. Wjr waren Juden, wir sind Juden und wir werden, solange wir leben. Juden bleiben — aber deutsche Jude«, die ruhig das Wort für sich in Anspruch nehmen, das Ratheuau Ke rade seine Etammesgenossen als Aufmunterung zugerufest hat: «Wer sein Vaterland litbt,der darf und, soll ein wenig Chauvinist fein." Wir lieben stne fer deutsches Vaterland und lassen «ns deshalb -ur Rot auch! den Vorwuxf des Thavvinismus gefallen, zumal jetzt, wo es. zum Gassenton gehört, die große deutsche Vergangenheit zst besudeln und sich mit Krethi und Plethi, mit nationalen und. internationalen Feino-r zu verbrüdern, nur um di« Volks-, kräfte nicht wieder aufkommen zu lassen, die well ste dest moralischen Widerstand gegen den Uebermut der Sieger auch jetzt noch nicht preisgeben wollen, durch deren Ungnade aus-, gezeichnet find. Aber wir find in Wahrheit nicht «inrnas chauvinistisch, wir find nur — national, nur ^national« deutsch empfindende Juden, und wir haben uns gerade de»--; halb zusammengeschlossen, weil schon vor der Ermordung- Rathenaus ein gewisser Mut dazu gehörte, unter den gea««' denen Verhältnissen seine nationale Gesinuung offen zu best kennen, ein Mut, der in diesen wirren Zeitläuften nicht vost! »jedermann erwartet werden konnte. Jetzt, da diese st! scheußliche Verbrechen mit der politischest! Tätigkeit extremer Rechtskreise in Verbtst--' düng gebracht wird, da jede aus gesprachest nationale Betätigung sofort den VerdachK antirepublikanischer odergar verdrechert» scher Gesinnung auf sich zieht, jetzt werdest wirunsvonderE^euvordtrBockundungnae: tionaler — nicht nationalistischer Den« kungsarck erst recht nicht«« st ecken kaffe«. Auch hier--dü,se« wir und aufRathenastw Leifpreslreziehen.Er «rr es, er fast allein, der nqW vnmittelbär^vor dem Rovember-Znfammenbruch, als schmd die Verhandlungen über die Bitte «M Waffenstillstand destk Abschluß züst^bten, an das Kabinett: de, Prinzen Max vast' Baden die Forderung richtete, das deutsche Volk zu« letztest

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.