Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1922
- Issue
- 5 (Mai/Juni 1922)
- Date
- 1922-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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drrsucht«. Dr. Paul Ralhan fertigte ihn in kurzen Worten ab." Mit der Stigmatisierung „Pressechef Kavps" ist Herr Harnisch für die Herren Nathan, Holländer usw. erledigt. Vielleicht doch ein wenig vorschnell? - Die Schriftl. So geht es nicht! Von Johannes W. Harnisch. Bon der Besprechung mit Nichtjuden, die der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten und dessen Berliner Ortsgruppe — nur sie nenntsich „Vaterländischer Bund jüdischer Frontsoldaten" — jüngst im Herrenhause abgehalten haben, ist hier schon die Rede gewesen. Da ich der Nichtjude war, der Herrn Dr. Nathan wohl oder übel das Sprungbrett für seine, hier vom Herausgeber bereits kritisierten Ausführungen hingehalten hat, so sei es mir verstattet, von meinem Standpunkte aus auf die Sache noch einmal zurückzukommen. Obgleich ich grundlegend Neues dazu nicht z!u sagen habe. Die Kritik, die in . diesen Blättern von jüdischer Seite an der Veranstaltung geübt worden ist, entspricht in allem Wesentlichen der Kritik, die ich von meinem nichtjüdischen Standpunkte aus an ihr zu üben habe. Was mir ein gutes Zeichen zu sein scheint. Denn ist es nicht so, daß eine gewisse Gewähr darin liegt, wenn Juden und Nichtjuden, bei der Erörterung der Judenfrage zu den gleichen Kriterien als den wesentlichen gelangen? Eine Gewähr dafür, daß die Frage aus dem Gebiete der Rhetorik in das der praktischen Arbeit hinübergelangt? ' Eins ist mir an jener Versammlung wunderbar gewesen. Nicht, daß die Regie trefflich war und der harmlose Zeitgenosse, der diese Versammlung besuchte, den Eindruck empfangen mußte, keine zwei Seelen, ach! lebten in des Centralvereinlers und des ihm affiliierten Frontsoldaten Brust. So viel Geschick konnte man den gewiegten Herren, die hinter der Veranstaltung standen, wohl zutrauen. Nicht, daß meine Ausführungen, -die mit aller Schärfe gegen den Gedanken der jüdischen Einheitsfront gingen, neben starkem Widerspruch auch lebhaften Beifall fanden. Irgendwelche Teilnehmer mutzten doch schließlich vorhanden sein, um derentwillen man im Namen der Ortsgruppe das Wort „vaterlän- , disch" figurieren läßt. Sondern erstaunt hat mich, daß ein in der Versammlung anwesender deutsch-volksparteilicher Abgeordneter sich so hatte durchs Aufmachung und Regieführung irreleiten lassen, daß er ausgerechnet dem Bunde der Frontsoldaten und der großen Organi- . sation, die hinter ihm steht und ihn dirigiert, dem Zen- /traloerein, „Bekennermut" nachrühmte. Ich bin in meiner grundsätzlichen Entgegnung von hem Widerspruch gegen dieses, Kompliment ausgegangen und habe erklärt, daß sich der Abgeordnete anscheinend in der Adresse geirrt hätte; eine solche Anerkennung käme nur dem Verband nationaldeutscher Juden zu. Darüber ist weiter nichts zu sagen. Hier findet sich in der Tat der Mut, mit einer bisher als unverbrüchlich ausgegcbcncn. gefühls- und traditionsmäßig fest verankerten, durch die Androhung schwerster Bemakelung geschützten Gedankenwelt zu brechen. Nur gerade der Zentralverein, nur gerade der Frontbund verdienen die genau gegenteilige Kennzeichnung. Ein eiugeladener Nichtjude, ein Offizier, stellte die Frage, wie sich der Bund zum Ostjudenproblem stellte. Solange ich der Versammlung beiwohnen konnte, wurde ihm keine Antwort. Keine andere Antwort als ein Zwischenruf; der Zwischenruf: „Politik?" In ihm liegt alles beschlossen. In ihm liegt beschlossen, wie unwahrhaftig und wie unmöglich hie Einstellung der „Zwtschenschichtler" aus da» ganze der Judenfrage zugrunde liegende Problem ist. Politik — und wir sind unpolitisch! Wirklich? Der Bund nennt sich aber, in seiner Ortsgruppe wenigstens, „vaterländisch". Ist „vaterländisch" kein politrjcher Begriff? Unzweifelhaft. Nur ist es — sollte es wenigstens sein — kein Partei politischer Begriff. Man sieht: schon hier fängt die, zweifellos den Meisten nicht bewußte, Unwahrhastigkeit an. Parteipolitik auszuschalten — L la dontieur! Ausgezeichnet, ja selbstverständlich. „Vaterländisch" aber, „Deutscher Staatsbürger" sein zu wollen und die Pflicht zur Stellungnahme gegenüber Fragen, die für das Vaterland, die für Deutschland, als dessen Staatsbürger man sich bekennt, lebenswichtig find, als.„Politik" abzulehnen — das geht nicht an. Es ist ohne weiteres zuzugeben, daß der Antisemitismus — über dessen Ausartungen kein Jude, der ihn bekämpfen will, je seine nationale und ideelle Erundeinstellung vergessen darf — den Juden das freudige Bekenntnis zum Deutschtum moralisch sehr erschwert hat. Wobei von der Schuldfrage, wer das Karnickel grossen ist, das angefangen hat, gänzlich abgesehen werden kann und muß. Ebenso fest steht aber, daß wir mit 50- oder noch weniger prozentigen Deutschen nichts anfangen können. Aiü wenigsten etwas anfangen können im niedergebrochenen Deutschland von heute. Der Volksinstinkt, der sich gegen den international oder jüdisch-national verankerten Juden wehrt, ihn erbittert ablehnt, ist vollkommen in seinem Recht. Er irrt nur, wenn er alle Juden solchermaßen perankert glaubt. Aber kann man ihm das verübeln, solange die stärksten Organisationen der deutschen Juden sich durch ihre Handlungen zu solcher Verankerung bekennen, solange der Zentralverein „deutscher Staatsbürger" jüdischen Glaubens — o des Nonsenses, der in dieser Bezeichnung liegt; wie erfrischend ist die Bemerkung des Zionisten Einstein, man solle ihm doch erst einmal sagen, durch welche Art von Unglauben man aufhöre, ein Jude zu sein —, solange also dieser Zentralverein die jüdische Einheitsfront proklamiert und propagiert, die ganze Differenzierung, die nun Pnmal die in Deutschland lebenden Juden erfahren haben, programm-mäßig aus der Welt leugnet und jede Frage, bei der Jüdisches im Spiel ist, vom Standpunkte des Judentums aus,lösen will, ja, jede andere Lösung als KUturfeindlich, sls antisemitisch, als Verrat am jüdischen Volkstum bemakelt?! Die Judenfrage ist.überaus schwer zu lösen. Zeder, der ohne Scheuklappen an sie herangeht, muß das sehen. Gewiß ist die Rassenverschiedenheit nur eine Komponente. Aber eine außerordentlich wesentliche. Man täusche sich darüber nicht damit hinweg, daß man auf die rassenmäßige Uneinheitlichkeit des deutschen Volkes mehr Wert legt, als dem gebührt. Denn bis auf ziemlich geringfügige Einschläge sind im deutschen Volke doch nur nahe verwandte Rassen miteinander verschmolzen, während die jüdische, wie immer entstandene und wohl auch in sich nicht einheitliche Rasse den zum deutschen Volke zusammengeschmolzenen verwandtschaftlich fernsteht. Daß gleichwohl eine Assimilation jüdischer Gehirne durch die deutsche Umwelt möglich ist, scheint mir praktisch erwiesen. Wie schwer sie ist und daß man nicht Erfolge von heute auf morgen erwarten kann, scheint mir gleichfalls praktisch erwiesen. Für eine so schwierige geistige Assimilation dürfte aber eine kritische Mithilfe des Verstandes unentbehrlich sein. Solange sich der Jude darüber täuschen läßt, wohin er gehört, wenn er Deutscher sein will, solange er sich an 4