Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1922
- Issue
- 2 (Februar 1922)
- Date
- 1922-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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j Uebrigen aber nicht «eni>er «» ihrer Th««rie der untgetehne» Leweislast festhalten. Um diese Situation zu ändern, genügt es keineswegs, in beweglichen Worten das Bestehen so verhängnisvoller Vorurteile zu beklagen, wie es vielfach von jüdischer Seite, insbesondere auch vom Zentralverein geschieht. Auch mit der historischen Untersuchung darüber, wie solche Vorurteile sich bilden und «innisten konnten, ist es keinesfalls getan, so verdienstvoll überzeugende Darstellungen nach dieser Richtung hin auch sein mögen. Man muß nun einmal mit den bestehenden Vorurteilen alsmit etwas Gegebenem rechnen, das man nicht yon heute auf morgen zu ändern vermag. Zum Abbau «er Vorurteile kann man nur dadurch beitragen, daß man die Berechtigung der Kritik an jüdischen Personen und Gepflogenheiten, wo sie wirklich begründet ist, nicht leugnet oder vertuscht, une cs leider vielfach von jüdischer Seite geschieht. Gleichzeitig muh man allerdings mi< aller Entschiedenheit immer wieder daraus Hinweisen, daß die berechtigte Kritik sich.Glicht gegen di« Allgemeinheit richten darf, sondern -nur gegen Einzelne, sei es nun Personen oder Personengruppeti, und daß die kritiklose Verallgemeinerung, deren Zazit eben die Umkehrung der Beweislast ist, ein schweres Un-recht bedeutet Ich erblicke eine der Hauptaufgaben unseres Verbandes darin, das, er wirkliche Schäden, die auf jüdischer Seite in Erscheinung treten, nicht verschweigt oder bemäntelt, sondern selbst mit aller Entschiedenheit bekämpft. Nur ein solches Verfahren entspricht einer von! wirklich sittlichem Empfinden getragenen Staatsbürger-Gesinnung und trägt gleichzeitig zur Verminderung der Vorurteile bei, denn gegenüber dei* nun einmal leider herrschenden „Ver in»' nq" müssen wir, wenn wir praktische Arbeit leisten wollen, den Beweis dafür erbringen, daß auch von jüdischer Seite die Berechtigung der Kritik durchaus anerkannt wird, ja daß wir uns eins wissen mir der anständigen nichtjüdischen Bevölkerung in der Verurteilung, iolcher Mißstände. Dies ist bisher aus törichter Furcht, „den Antisemiten Walser für ihre Mühlen zu liefern", von jüdischer Seite oft und gegen bessere Einsicht Unterlasten worden. Die Verhängnis vcklle Scherz, in aller Desfentlichkeit und mit allci gebotenen Rücksichtslosigkeit! an Stammesgenosten Ktitik zu üben, ist es gewesen, dse den alten Fluch der Verallgemeinerung gerade in den letzte» Iahte» so schwer und drückend gemacht har, wie kaum je zuvor, seit die Gbettomauern gefallen waren Immer wieder ist mir in Gesprächen niit christlichen Freunden, in denen ich zu erforschen sucht«, worauf nach ihrer Austastung die Heu tige Rcnaistance des Antisemitismus zuriickzuführen sei, nieder weitaus wichtigste Grundes Verhallen.jüdischer politischer „Führer" und deren völliges Versagen in allen nationalen Fragen bezeichnet worden. Ein keineswegs in Vorurteilei'., befangener namhafter Großindustrieller zählte mir ein Dutzend indischer Politiker an den Fingern her, die hinreichend bekaiun sind, ohne daß ich ihre Namen hier -u nennen brauche, r^nd setzte hinzu: „Jeder dieser Männer hat mindestens IStjlnrz neue Antisemiten gezüchtet." Wenn ich gegenüber solchen H>n . weisen auszuführen versuchte, daß das Verhalten dieser Radi talinskis von der großen Dichtheit der deutschen Juden nicht' weniger scharf verurteilt werde, als seitens der national ge sittnten christlichen Kreise, hatte ich regelmäßig einen sehr schweren Stand. Man wollte mir nicht ohne weiteres glaube» Woher sollte ich die Beweiie entnehmen? Ich selbst weiß es und mit mir wissen es zahllos!: deutsche Juden, daß meine De Häuptling der Wahrheit durchaus entspricht. Aber aus de,. Aeußcrungen der nur für Juden geschriebenen Zeitungen und Zeitschriften wie aus den Beurteilungen der genannte» Poli tiker durch dir sehr verbreitete und einflußreiche Presse, dere» Tendenz durch jüdische Verleger und Redakteure maßgebend beeinflußt wird, ergikr sich kein Hewcismaterial. Es ist für mich ganz außer Zweifel, daß ac^ch die Vorstandsmitglieder des Zcntralvereins in ihrer Mehrzahl über die Tätigkeit und das Gebühren jener unnationalen Elemente, die dem Antise mitismus zu einer Treibhauskultur vcrholfen halHchpmicht an der» denken, als unsere Verbandsmitglieder. Hat'man aber iift Zentral»««»» von leitender S'.elle jemals eine andere Kritik gefunden, als etwa den gclegentliihen Hinweis, dah der Abgeordnete T in feiner von jedem gulen Deutschen als Faustschlag empfundenen Rede nur feinen privaten politischen Standpunkt vertreten habe und daß man daher von Vereinswegen gegen ihn nicht Stellung nehmen -könw? Welche verfehlte, kurzsichtige Politik! Hätte man wirksam den Antisemiten das Wasser abgraben wollen, das jene Politiker in reißönden Fluten ihnen zuführten, jo hätte der Ztntralverein, dessen Vorstand a die Vertretung der ihr Deutschtum nicht nur auf den Lippen führenden Juden für sich in Anspruch nimmt, in aller Oeffrnllichkeit und mit rücksichtsloser Entschiedenheit von jenen Politikern «drücken müssen, nicht wezen ihrer politischen Urberzcugung an sich, denn die ist ja virklich Prioatsache, sondern weit sie bei Betätigung ihrer politischen Gesinnung da» deutsche Narionalgefiihl, die Wirkung auf das Ausland, die Rücksicht auf das deutsche Vaterland völlig haben vermissen lassen. In gleichec Weise hätten durch scharfe öffentliche Erklärungen auch Sie zahlreichen anderen jüdischen Vereine und Verbände, die mit belanglosen Ausnahmen in jenen Politikern keineswegs die Vertreter ihrer eigenen Anschauungen erblicken, zu ihnen Stellung nehmen müssen: >c> auch seiten» der jüdischen kemeindroer waltungen und der jüdischen Kultusbeamten wäre eine ähnliche Stellungnahme in hohem Maße angebracht gewesen. Nichts dergleichen oder doch so gut vie nichts ist geschehen. Kri tische Aeußerang«» einzelner Juten verpufften und mußten verpuffen: fit wurden als Ausn chme-Erscheinungen abgetan. Deshalb eben konnte das Unkrazt der Verallgemeinerung so üppig emporschieße». Was ist zu tun? Pon denjetigen Sielten, die so oft die Gelegeiiheir verpatzt haben, läßt sich heute das Versäumte nicht mehr nachholen. Denn, rund heraus gesagt, diese Stellen und nicht am welligsten der Zentral»« rein haben in de» Kreisen derer, denen gegenüber aufklärend« Arbeit in erster Linie notl:::. jeden Kredit verloren. Man bezwei elt heute dort ihre i»IMansche Sicherheit in nationalen Fiageiz. Was Hilsts, daß wir Juden wissen: Diese ikeinung ist bezüglich einer großen Zahl* der Zentraloereins-Mitglieder nicht begründet und lediglich eine verhängnisvolle Politik des Jonglierens und Lavierens, die Furcht vor der Pieisgabe der „jüdischen Einheitsfront" hat den Zentralverein sowohl wie andere maßgebende jüdische Kreise von einer er tschieddneren Stellungnahme abgchaltcn? Niemand aus dem aideren Lager ist solchen Darlegungen zugänglich. Der Zentral verein mag in anderer Hinsicht auch heute noch Gutes leisten können, aber niemals mehr tonn er auf Kreise, die in antisem tischen Vorurteilen besangen sind, bekehrend einwirken. Und gl radc darum war es im Interesse der Aufklärung, der wir wic der Zentralverein zu dienen bestrebt find, unbedingt nötig, )ie nationaldeutsch gesinnte» Juden, aber auch nur diese, «n ei-icm neuen Verbände zusammenzuschließen, der, nicht "befchunrt durch die Unterlassungssünden der Vergangenheit, esxjec nichtjüdischen Bevölkerung immer wieder ins Bewußtsein ht mmert, daß sie ein denkbar schweres Unrecht begeht, iwenn sie >en deutschen Juden in ihrer Gesamtheit die Sünden ^jener unrationalen Elemente auf das Konto schreibt, .obwohl weit« Kr:ise der deutschen Juden genau wie die nationalgesinnten -Uchtjuden — diese Elemente für mindestens so schädlich und gefährlich halten, wie die Stöcker. Pückler, Ahlwardt -der Vergange lheit und di« blindwütigen Halcirkreuzritter dsr Gegenwart. Wird diese Auffassung der nationaldeutschen Juden erst ricktig erkannt und gewürdigt, wozu unser Verband das Seinige beizutragen gedenkt, so wird auch die Zeit kommen, die aller deutschen Juden Befreiung bringen wird von des, verhängnisvollen Umkehrung der Beweislast Denn jedem Einzelner wird es zu Gute kommen, wenn die Erkenntnis sich Bahn bri-tz'- Eine .Vermutung" unnationaler Gesinnung ist auch dm Juden gegenüber nicht am Platz. Auch ihnen gegenüber nutz wie bei jede« anderen Deutschen von Fall zu Fall geprü -t werden, wer ein guter und wer ein schlechter Deutscher ist. Dr- Fritz Weinberg.