Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1922
- Issue
- 2 (Februar 1922)
- Date
- 1922-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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n r - zweitens kann ich nicht glauben, daß Herr L-onyenfe den Kern der Naumann scheu Ausführungen urch seilte Bedeutung für den Gesamtinhalt wirklich nicht begriffen haben sollte. Hat er ihn aber ve ^standen, dann war es seine Pfliht, Ein zelheiten nicht zu erwähnen, ohne ihre Zusammenhang mit der Gesam absich bloßzulegen. Auch taktische Rüc!sichte auf möglichst starke publizistisäe Wi kung entbanden ihn nicht davon. Darum, ohne das Thema erschöpfen zu wollen, einiäe Worte für Gutwillige: Naumann fußt auf dem erlösenden (besonders von Mauthner vertieften^ Gedanken vom Wortzwang, den es abzustreifen gilt, wenn man zu dinghafter Klarheit gelangen will. Atch in.der sogenannten Judenfryge spielt das „Wort' eine Verwirrung stiftende Rolle. Semit, Israelit, Jude, nw saisch — alles wirbelt bekanntlich durcheinander. Nar- >mann verwirft pseudowissenschaftliche Rossetheorien, erkennt aber die schicksalhafte Stammeszugeh irigteit an Ihr kann sich niemand entziehen, auch durh Austritt und Taufe nicht. Zur Klärung schlägt er ror, a l lejs d a Stammesmäßige als „Judentum gegen dieReligion als „m o s a i ch" zu bezeichnen und dämit Verwechslungen des rel giösen und des Stammesmoments zu vermeiden. Er erkennt auch alles Religiöse innerhalb des jüdischen Stammes an, hat vor ehrlicher Schriftgläubigkeit die gleick e Ehrfurcht wie vor kulturbetontem jüdischem Monotheismus, und daß es einen Prophetismus gibt, das braucht ihm Herr Sonnenfeld nicht erst zu verraten, denn dis erwähnt er mehrfach selbst, ja stellenweise wird es grundlegend für seine Ausführungen. Aber die Entwirrung geht natllr ich nicht o leicht. Erst must doch die Verwirrung erkannt werden. Und die besteht nach Naumann unter anderer durchaus nicht in der Hauptsache, wie Herr Sonjrenfeld glauben machen möchte, darin, daß in ZeiMr, wo als Reaktion auf das Weltbürgertum in ganz Deutschland das volksmästige Zugehörigkeitsgefühl ein, Wiedergeburt erlebte, manch einer in dunklem Drange Stammesgefühl inReligion umbog. Vertiefung ist etwas Herrliches, aber man vertieft nichl sein Sta mesgefühl, indem man die Art der Religio rsausübu rückwärts revidiert. Solche Abarten, zumal wen sie es versuchen, Symbotgewordenes aüfs Neue wörtli zu nehmen, sind in der Tat auf unserem Boden züm alfmählichen Verdorren bestimmt. Der ganz, Passus, i dem von dem Sichselbstbetäuben des Einzelnen gesprochen wird, ist durch die willkürlichen L uslassungen des Referenten für jeden, der die Schrift ticht gelesen hat, irreführend wiedergegeben. Dast aber das formale „Vertiefen", Lies Wiedetwörtlichnehmen niemals das Deut chgefühl stärken kann, sondern höchstens dem Zionismus dient, wird doch Herr Somienfeld nicht leugnen wollen. Kann er sich vorstellen, dust ein streng Schriftaläubiger inbrünstig um ..Tau" »etet und m erster Linie das Klima Norddeutsckilanvs m;int? Eegem die Vertiefung des geistigen Gehaltes aber, gegen poetische Verklärung der Symbolik Kat Nc umann nirgends etwas einqewendet, geschweige denn gegen sinnvolle Fortentwicklung des Nrophetismus, in Gegenteil, Derartiges begrüstt er. Ueber allem aber teht shm der Grundsatz: welche Stellung der einzelne Stammesjuve zu den vielen Schattierungen mosaischer Religionsausübung einnimmt, geht ihn. nur ihn allein nn. Ist Heijr Sonnenfeld etwa anderer Meinung? Cr schreibt: „Hat Naumann recht, dann sollten doch diese Herren apf allen ihren Kundgebungen mit Blaustempil vermerke datz fie zwar jüdischen Stammes, abernichtjüd Mt schen Glaubens sind! Das würde die Gefahr der Verwirrung in unseren Reihen mindern utzd andererseits vielleicht besser Naumanns Ziele fötdern." Welche Verkennung und welche Geschmacksverirrung! Einen abgestempelten Glauben überlassen wir getrost den Unentwegten, den ewig Gestrige-. Sie haben aus der Geschichte des menschlichen Geistes zu allen Zeiten wenig gelernt. Wie der Mensch unseres Zeitalters zu seinem Gott steht, ist seine heiligste Privatsache und bleibt fie auch dann, wenn er sich als Stammcbjude fühlt und offen netatigt. ' s!! Noch vieles ließe sich gegen Herrm Sonnenfelds Kritik einwenden, doch sei es für heut<Lenug. Wir werden ja leider nicht umhin können, auch andete Auslassungen^ des T. V. unter die Lupe zu nehmen, falls nicht etwa die z. Zt. tonangebenden Herren doch noch zu der Einsicht gelangen sollten, daß Gegnerschaft sehr wohl mit respektvoller Sachlichkeit und — sagen wir:, gebräuchlichem — Ton vereinbar ist. Aus diesem Gefühl heraus billigen wir Herrn Sonnenfeld zu, daß er in seiner, zwar unseres Erachtens überflüssigen Sorge um das Judentum, das er durch Naumann.für bedroht hält, teils zu viel, teils zu wenig getan hat. Für Hetrn Hirschberg suchen wir bisher vergebens nach einer Entschuldigung. Dr. Alfred Peyser. Die umgekehrte Beweislast. Wie auch der Nichtjurist weih, wird unter der „Beweislast" im Prozeh die Verpflichtung der Parteien verstanden, die Tat suchen, auf denen die Begründung des zu Erstreitenden Anspruchs beruht, vop I Gericht zu erweisen. Keines Beweises bedürfen — abgesehen von zugestandenen und gerichtsbekannten Tatsachen — solche, die nach den Grundsätzen allgemeiner Erfahrung so selbstverständlich erscheinen, dah sie vom Gericht ohne weiteres als zutreffend hingenommen werden können. Für die Richtigkeit einer auf solchen allgemeinen Erfahrungssätzen fuhenden Behauptung „streitet die Vermutung": eines besonderen Beweises bedürfen sic daher nicht mehr ÄZer im- Einzekfalle gleichwohl behaupten will, dah entgegen der Vermutung der Sachverhalt ein anderer sek, muh seinerseits den Gegenbeweis gegenüber der Vermutung antreten. Für ihn hat sich also die Beweislast umgekehrt. Die Führung solcher Gegenbeweise ist natürlich meist eine überaus sHwierige Aufgabe und mancher an sich gerechle Anspruch ist an dem Mihlingen dieses Teufelsbeweises (probatio «lisdolica, d. h, einen Beweis, den der Teufel führen möge, nennt ihn ein juristisches Scherz wort) gescheitert. Ein derartiger Teufelsbeweis ist es. der v,n Seiten eines grohen Teiles der nichtjüdischen Bevölkerung den deutschen Juden hinsichtlich ihrer nationalen Gesinnung ^ugemutet wird Weite Kreise haben das alte Rechtssprichwort, man dürft ohne triftigen Grund niemanden für einen schlechten Kerl Haltens, in das gerade Gegenteil verwandelt, soweit von Juden die Rede ist. Solchen Leuten erscheint 'von vornherein die Tatsache, dah es sich um einen Juden handelt, vollständig ausreichend, um den Betreffenden für einen minderwertigen Zeitgenossen halten zu dürfen.. Za. die Zahl derer ist garnicht gering, die gegen diese ihre Annahme nicht einmal einen Gegen-! beweis zulassen wollen, jedenfalls, auch den beweiskräftigsten Argumenten sich hartnäckig verschliehend, bei dem Spruch bleiben „Tut nichts, der Jude wird verbrannt!" Wer diesen! Leuten mit Vernunftgründen begegnen will, dem ergeht ^s joie dem Prediger in der Wüste.! Sehr viel gröher aber ist die Zahl derer, die, in Vorurteilen befangen, zwar/ zunächst ebenfalls in jedem Juden eine minderwertige, zum mindesten höchst verdächtig« Persönlichkeit erblicken, die aber immerhin nicht so verblendet find, um sich nicht im Einzelfalle davon überzeugen zu lassen, der Jude, mit dem fie gerade in persönliche Berührung gekommen sind, sei^ doch ein anständiger Mensch. In welchem Falle fie dann eben den betreffsnden Juden gl« einen weiben Raben ansehen, im