Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1922
- Issue
- 1 (Januar 1922)
- Date
- 1922-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ihrer Würdigung durch die Oeffentlichkeir mehr als je überzeugt. - . Ihr lautes Echo in der deutschen Presse hat uns selber eir^germaßen überrascht. Eine fast unübersehbare Fülle von Zeitungsausschnitten zeugt dafür, daß diese Art der Behandlung der „Judenfrage", wie wir sie eingeleitet haben, überall als ein neuer Versuch empfunden wird, eines der schwierigsten Probleme der Gegenwart mit vernunftgemäßen Mitteln lösen zu helfen. 'Entrüstet findet die „Deutsche Zeitung", unser Verband hätte cs zu Wege gebracht, daß ihn nichtjüdisch» Vertreter fast aller politischen Parteien mit Glück- und Segenswünschen begrüßten und daß sich die gesamte deutsche Preise anläßlich dieses doch herzlich unbedeutenden Vorgangs in spastenlangen Aufsätzen erginge. Gar so unbedeutend kann d!>ch aber^ dieser Vorgang-nicht gewesen fern, sonst würde gewiß auch hie verehrliche „Deutsche Zeitung" nicht imnrer und iMme^ wieder auf ihn zurückkommen und unermüdlich nach neuen Gründen suchen, um zu bewerfen, daß in der völkischen Einstcllungzum deutschen Judevtumsichgarnichts geändert habe und niemals etwas ändern dürfe. Und mit ihr können auch die noch' weiter rechts stehenden antisemitischen Blätter keine Ruhe finden. Der Verband nationaldeutscher Juden bat es.ihnen angetan, und Me fürchten von den Kundgebungen in der Herrenhausversammlung ostensichtlich' eine empfindliche Störung ihrer Kreise. Diese Tatsache allein beweist schon zur Genüge die Sinnlosigkeit des Vorwurfes, dem wir von links her, wie auch von gcwrster jüdischer Seite.ausgesetzt sind, daß wir uns den deutschnationalen Antisemiten würdelos an den Hals würfen. Wir sprechen nur aus, was * ist, in der Hoffnung, nach . beiden Seiten hin Klarheit zu schaffen, und werden darin fortfahren, Unbekümmert 'um die Verdächtigung unserer Motive hüben und drüben. Die völkischen Blatter müssen ihren Lesern natürlich einreden, daß unser deutsches ^Aushängeschild" nur dazu bestimmt sei, die spezifisch jüdischen Ziele unserer Bewegung um so wirksamer zu fördern. Ihnen sind wir eine Schutz-, eine Stoßtruppe des internationalen Judentunis — und im zionistischen Lager spricht man von i einem „Dolchstoß von hinten", spricht man davon, daß wir unser Judentum in die Tasche steckten, daß wir die radikalsten antisemitischen Forderungen unterstützten. Die Wahrheit liegt hier nicht einmal in der Mitte, sie wird auf d/a beiden äußerstek Flügeln unserer Kampffront in Deutschland so - widerwärtig entstellt, daß auch gar keine Spur mehr von ihr! zu erkennen ist.! Die Aufgeregtheit der völkischen Blätter ist freilich durchaus begreiflich. Die freimütige Art, mit der Herr V0U Oppeln- Bronikoiivski in unserer Herrenhausversammlung gegen den „antisemitisch«!» Rummel" in der deutschnationalen Dolkspartei zu Felde zog, mußte sie schon etwas in Harnisch bringen, und der Versuch der Partei offiziösen Korrespondenz, diesen Mann wögen seiner Osten Herzigkeiten als irgend einen, den hohen Vorgesetzten nahezu unbekannt ^gebliebenen Eigenbrötler von der Gemeinschaft abzuschütteln, konnte von wirklichen Kennern der Verhältnisse kauin sonderlich ernst aenomincn werden. Schon in der Herrenhausversammlung selbst war Herr von Oppeln-Bronikoweki durchaus nicht der einzige DcUtschnationale, der mit vieler Snmpathie von unseren Bestrebungen sprach; und die nachfolgende Presse- -erörterung hat ergeben, daß der antisemitische Gedanke in den Blättern der Rechten zum mindesten in sehr bedeutsamen Abwandlungen vertreten wird. So-spricht die „Kreuzzeitung" zum Beispiel von zweifellos vorhandenen vaterländisch gesinnten jüdischen Elementen, deren Anzahl ihr nur nicht beträchtlich genug'vorkommt, ein Irrtum, den sie hoffentlich nicht mehr lange aufrecht erhalten wird. Auch spricht sie! von der alljüdischen Zusammengehörigkeit altz einer Gefahr fük das deutsche Volkstum, ungeachkst der vielen Tatsachen, die dieser Einbildung offensichtlich widersprechen. Mit mehr Gerechtigkeit sucht der bekannte Landtagöabgeordnete Paul Becker, Hauptschriftleiter der „Deutschen Tageszeitung", den durch unsere Herrenhausversammlung aufgeworfenen Fragen beizukommen. Kein unbefangenes Urteil, meint er, werde den nationaldeutschen Juden das ehrliche Bestreben absprechen, sich mit deutschem Volkstum nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich völlig zu verschmelzen. Er gibt agch zu, daß das Judentum tatsächlich keine einheitliche Rasse darstellt, sondern aus blutsmäßig recht verschiedenen Bestandteilen zusammengesetzt ist, von denen einzelne germanischer Raffe immerhin näher stehen, als die anderen Elemente. Man werde also dieser Bewegung Interesse und Anerkennung nicht versagen können. Auch sei es durchaus möglich, daß sie iin Laufe der Zeit sehr weite Kreise der Juden in Deutschland für sich erobern werde. Darüber hinaus gibt er schon für die Gegenwart zu, daß zahlreiche Juden so stark in die deutsche Gedankenwelt eingedrungen sind, daß sie zum deutschen Kulturkreise gerechnet werden müßten. Nur meint er, daß auch bei weiterer Fortsetzung dieser Entwicklung der letzte Unterschied zwischen deutschem und jüdischem Wesen doch nicht zu verwischen sein werde, ein Vorbehalt, in dem wir deutsche Juden ihm ohne weiteres zustimmen können, nur daß wir die Tatsache selbst für ebenso belanglos halten, wie den Wesensunterschied zwischen germanischen und slavischen Volköteilen sowie zwischen den einzelnen deutschen Stämmen. Für die praktische. Politik aber proklamiert Paul Becker die Notwendigkeit, daß es eine Partei zum mindesten in Deutschland geben müsse, die sich die deutschnationale Grundanschauung rein erhalten und deshalb bon jüdischem Einfluß völlig frei bleiben müsse. Andernfalls würde die Bildung einer eigenen antisemitischen Partei mit ihren uns ausbleiblichea Einseitigkeiten und Ausschreitungen nicht lange auf sich watten lassen, was schon imj Interesse des inneren Friedens höchst unerwünscht wäre. Damit sei keineswegs für die Angehörigen der deutschnationalen Volkspartei auch die Notwendigkeit persönlicher antisemitischer Einstellung gegeben, wofür ja nur auf Bismarck verwiesen zu werden brauche. Das deutsche Volk sei durch eine geringe Hätte des eingeborenen Nationalgefühls Ausgezeichnet, das jüdische Volkstum von Natur weltbürgerlich gerichtet. Demnach - bestehe bas einzige durchgreifend« Mittel zur Beseitigung einer jüdischen Gefah^r in der positiven Erziehung des deutschen Volkes zu einem Bewußtsein und einer Stärke der nationalen Gesinnung, die fremdartigen Einflüssen von selbst keinen Raum mehr gewähre. Das. ist ein Standpunkt, ganz gewiß ni^t frei von parteimäßiger Befangenheit, auch nicht frei von dogmatischen