Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Journal
- Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden e.V.
- Volume
- 1921
- Issue
- 3 (Dezember 1921)
- Date
- 1921-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Dr. O. IöhlinAkr, Ministerialrat: Bismarck und die Juden. (Verlag Dietrich Reimer A. G.. Berlin, iy2i.) Dieses von einem narionaldeurscb.n Juden geschriebene Buch ist mehr als eine historisch-biographische Studie. ES ist ein Leitfaden zum Verständnis deS sogenannten HlnrisemiriSmuS, eia Lehrbuch, daS den Schlüssel gibt zur richtigen (Würdigung der Gefühls- und Geistetströmungen, die wir unter diesem irreführenden Sammelwort zusammenzufaffen pstegen. Gezeigt ivird, wie ein Mann, der alt Jüngling entschiedener Judenfeind ist; sich im Laufe eincS an Menschenerfahrung reichen Lebens zu eine: Austastung der JudeNfrage durchringt, minder wir nationaldeutschen Juden zufrieden sein können. Und daß dieser Malin gerade Bismarck heißt, daß er nicht ein belangloser Durchschnirrskopf ist, sondern das größte Genie, daS Deutschland seit Goethe hervorgebracht hat, daß er nicht irgend ein Jemand von zweifelbafkem Nalionalgefübl ist, sondern der Deutscheste der Deutzen, daS ist eS, wa« seiner EntwickelungSgeschichre die Bedeutung eines Lehrfalles gibt- Was hen tollen Junker vom Kniephof zum .Antisemiten" macht» ist, mag es ihm selbst auch nur als Religiosität erscheinen, im ' Grande genau das gleiche, was heute einen großen Teil der jungen s Deutschen in die Arme der Radau- und GeschafrSanrisemiten treibt: der Impuls eines FremdheitSgefühls, daS sich ik Üjberhebung um chiyr. Denn für den unreifen Menschen ist ciners der anders ist, stets der Minderwenige, Verächtliche, dem man an gesunder körperlicher und sittlicher Kraft sich weit überlegen fühlt, vor besten Schlichen uian aber auf der Huk 'ein muß und besten Anmaßung man scharf zurückweisen darf, wenn er etwa volles Menschenrecht in Anspruch nimmt. Aber der Reifeprozeß, den wir an BismarkkS Werdegang Schritt für Schritt -verfolgen, zeigt uns auch, daß dieser Fremdheirsgefühl sich überwinden läßt, daß eS überwunden wird in dem ' Maße, wie mir dem Verstand das Verständnis für -die Eigenart " des Anderen, für die Berechtigung dieser Eigenart wächst. Der Bismarck auf der Hohe'seines Wirkens weiß das, waS jeder innerlich gekeifte Nichrjude nisten muß, daß man durch das Wort.Jude" sich nicht verleiten lastest darf, alle Juden über einen Kamm zu scheren, daß die stammesmäßige Eigenart, die in. Äußerlichkeiten den einen Juden dem anderen gleichen läßt, nur die Schale ist, die den Kern wertvollen oder wertlosen Menschentums umhüllt, genau wie bei Menschen anderen Stammes auchi Bismarck hat es verstanden, die brauchbaren Elemente deS deutschen Judentums dem Vaterland nutzbar zu machen und sich die unbrauchbaren vom Leib« zu halten. Wo er ^uden verwarf, rat er cs nicht, «eil sie - Juden, sondern weil sie für Deutschland wertlos oder schädlich waren. Mau bar Bismarck die Verkörperung des Deutschtum» genannt. Sicherlich ist in seiner, gewaltige» Persönlichkeit alles Vollwichtige .des deutschen Volkstums Ereignis geworden. Unk^sö^ist sein Leben auch ein Gleichnis dafür, wie das deutsche "Volk auf seinem Wege zur Reife -Schritt für Schritt zu derselben eiasichtvollen und durch '^at> -Bewußtsein der Srammesverschiedenheiten nicht beirrten Behandlung der Judenfrage gelangen muß, zu der Bismarck gelangt ist. Es wird dahin gelangen ungeachtet vorübergehender Rückfälle in temperamentvolle Verirrung, wie sie auch BiSmarck durchlebt hat und wie sie die Mehrheit der nichtjüdischen Deutschen heute durchleb«. Bismarck war in seiner Jugend unkritischer .Antisemit". Er war bis zum Tode niemalskritikloser .Philosemik". Aber er war, seitdem er sich selbst gefunden Hane, eia Mann voll festen " Willens zur Gerechtigkeit, und er war ein Deutscher, der eS sich niemals verziehen hätte, unter der Wirkung von Vorurteilen Kräfrt brachliexen zu lasten, die dem Vaterland« nützlich sein konnten, M.N.! Jakob Wassermann, Mein W«, »lS Deutscher und Jude. (Verlag E. Fiscber, Berlin, lyri).! 2 Kritiken. t. (Don einem Nichtjuden.) - Der Titel bedeutet ein Programm, und wir erwarten von Waffermann, daß er Wichtige« zur Klärung der Judenfragr sagen wird. Aber in dem Augenblick, da das Problem sich vor ihm iu der entscheidenden Krage, die ein Jugendfreund an ihn stellte, anfrichtet, nämlich: .Bist du Deutscher oder List du Jude?" da zögert er mit der Antwort; er verschiebt daS Problem aus künstlerischen, artistische» Motiven — er sucht keine Lösung, er begnügt sich, den Konflikt zu konstatieren, er gefällt sich im ewigen Zwiespalt. .ES ist'die Tragik im Dasein des Juden, daß er zwei Gefühle in seiner Seele einigt: Das Gefühl des Vorrangs und daS Gefühl der vrarrdmarkung. In dem beständigen Anprall, in der RSibung dieser beiden Empfindung«» ströme muß er leben und sich zurecht staden." Sehen wir davon ab, daß er offenbar! sagen will, diese beiden Gefühlt , wären nebeneinander, also nicht .geeinigt" in der Seele i^es Juden - so sagt er mit den Worten des Dichters doch nur, was wir von so manchen Juden hören: .Ich bin selbstverständlich Deutscher, aber. . .". Bei Wassermann mag der Zwiespalt bew»ht werden, sogar befruchtend auf sein Schaffen wirken — seine Alitwh^ ist typisch für den Zustand der gerade aus innerer Natwend gleit j und Not heraus die Bestrebungen zu einer Heilung geboren hat. selbst kommt zu keiner Lösmrg; znm Schluß stellt er Sie Frage: »Wts bleibt?" - nnd er antwortet resigniert: .Es ist besser, nicht daran zu denken." Und auf der letzten Seite sagt er: .Ich Lin Deutscher, und ich bin Jude, eines so sehr und so völlig wie das andere, keines ist vom anderen zu lösen." Dabei hat er das Buch hindurch davon gesprochen, wie er unter den Konflikten, die sich aus diesen scheinbaren .Nebeneinander", das in Wirklichkeit ein .bald hier - bald dort" wai( ergaben, gelitten hat. Es treibt ihn hierhin und dorthin — er ist typisch für den. der keinen Halt sindet, da er. keinen festen Stand hat. ' . Natürlich hat das Buch seinen großen Wert; es ist eine wichiige nnd interessante Autobiographie und ein Bekenntnisbuch, daS wohl subjektiv überall ehrlich ist. Einzelnes, das Wassermann auf seinem Wege zustößt, ist ganz unabhängig davon, daß er Jude ist - es jft' auch mchljüdischcn Literaten begegnet. Es wird z. B. jedem Einjährigen. der seinen schriftlichen .Lebenslauf" mit schwermütigen Versen ,'chloßj wmWaffermann ergangen sein: daß der Feldwebel die gereimten Verse vor versammelter Mannschaft zum Besten gab. Und daß Litteratur« Professoren Dichtungen und Dichter verständnislos kritisieren und registrieren, auch das hat nichts mit dem .Deutschen und Juden" Wassermann zu tun. Aber in einem Sinne ist das Buch doch ein Beitrag zur Lösung des .jüdischen Problems: ES zeigt, wie dringend notwendig eS ist, diese Lösung zu finden, die Frage zu beantworten, die sich Wassermann so olt gestellt hat: »Willst du Jude oder willst du Deutscher sein?" Denn selbst Wassermann war stch klar: .Und mir war eS damals gerade um diese Entscheidung zu tun; ich fand es zwingend, mich nach der eineu oder anderen Richtung zu entscheiden, obwohl ich den Weg nicht sah, den ich nach der einen oder der anderen Richtung gehen sollte." Er selbst hat gezeigt, daß ein Weg nicht zum Ziel führt — im Geiiihl gleichzeitig Jude und Deutscher sein zu wollen. Ernst Richard Eckert. 2. (Von «i««M Juden.) Wassermanns Buch ist wundervoll. Keine seiner Gestalten hat er mit der gleichen künstlerischen Kraft geformt wie dieses Abbild seiner selbst. Und eben weil zusammenbpllende Schöpferkraft hier den zergliedernden Verstand überwog, wurde es in all seiner Zeriffenheit so blurwarm, so überzeugend, so Ehrfurcht erheischend, aber auch so widerspruchsvoll in sich selbst und in seinen Folgerungen. Es ist unmöglich, auf dem zu Gebot« stehenden Raum di« Füll« der Gedanken auch nur zu streifen, die Wassermanns Buch in dem Leser hervorruft. Nur das politische, dat-jüdische Problem soll kurz behandelt werden. Auf Wassermanns Schultern lastet die Tragik deutschen Judentums so schwer, daß er all sein Leid auf sie zurücksührt. Die Demütigungen des Armen im Verkehr mit dem Reichen, die Kämpfe des um Geltung ringenden Künstlers mir der satten Selbstzufriedenheit des Bürgertums, sie alle sind nur Akkord«, welch« di« schwermütige Melodie seines Lebens begleiten: di« schmerzliche-Auseinandersetzung zwischen Deutschtum und Judentum. Wassermann ist beiden mit der gleichen brünstigen Liebe zugetan, fühlt aber ihre Unvereinbarkeit und steht sich deshalb vor dt« Ents Fortsetzung in der zweiten Beilage.)