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Die Bne Briss · 1936-09-01 · Nr. 9/10 - September/Oktober · p. [Seite]

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Journal
Die Bne Briss
Volume
1936
Issue
Nr. 9/10 - September/Oktober
Date
1936-09-01
Page
[Seite] (sequence 16)
Language
German
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Die jüdischen Arbeiter in Holland Von Br. Hans Goslar, z. Zt. Amsterdam..Hillel-Logo. In der jüdischen Literatur ist es bekannt, daß von atlen jüdischen Zentren Mittel- und West-Europas Hollands Hauptstadt Amsterdam das größte proletarische jüdische Ghetto noch heute hat. Über dieses Ghetto, das stets die Aufmerksamkeit außenstehender, künstlerisch und wissenschaftlich interessierter Kreise auf sich gezogen hat. ist seit Rembrandts Zeiten viel geschrieben worden. Noch vor kurzer Zeit ist auch in Deutschland wissenschaftlich darüber publiziert worden, und zwar von dem'Kölner Professor Leopold von Wiese in der ..Zeitschrift für jüdische Wohlfahrtspflege" 1'.).''() 31 und seinem Assistenten Gicrlichs in den ..Kölner Yierleljahreslieftcn für Soziologie" des gleichen Jahrgangs*, r Die Aufgabe dieses Aufsatzes kann leider nicht wudie der beiden genannten Publikationen sein, die mannigfachen hochinteressanten soziologischen Probleme dieses Ghettots zu behandeln, das sich, wie gesagt, nirgends westlich von Polen im europäischen Kulturkreis in ähnlicher Eigenart — trotz sehr starker Abbröckelungstendenzen '■— .einigermaßen unverfälscht erhalten hat. Hier soll lediglich' aufgezeigt werden, wo innerhalb dieses (diettos und darüber hinaus innerhalb der holländischen Jtidenheit die Handimd Fabrikärbeit eine Rolle spielt. Gälte es,. nur über jüdisches ..Proletariat" als Klasse zu schreiben, so wäre der Rahmen wesentlich weiter zu ziehen; denn über den Kreis der regulären Hand- und Fabrikarbeiter hinaus umfaßt gerade die Amsterdamer .ludenheit eine große Schicht rein proletarischer Existenzen, die auch nicht als ungelernte Arbeiter abgetan werden können, sondern die eher als ein besitzloses Kleinhändlertum vom Typ des Hausierers zu bezeichnen sind. Unerwähnt kann dieser Typ hier nicht bleiben, weil er zu viele Wechselbeziehungen mit der ArbeiterbLevölkerung unterhält. In dem Haus.iererberuf stehen zahlreiche Existenzen*, die als ehemalige gelernte oder angelernte Arbeiter zu bezeichnen sind, die durch Wirtschaftskrise und Betriebsverkleinerungen aus ihren Berufen herausgestoßen worden sind, und die keine weitere oder andere Existenzmöglichkeit fanden als den — zunächst nur provisorisch gedachten — Unterschlupf im Hausierertum. Insbesondere trifft das auf ehemalige iamantarbeiter zu. " Diese jüdischen Hausierer, in Holland "venters" genannt, spielen zahlenmäßig eine große Rolle. Das wissenschaftliche Material über sie ist in den Untersuchungen einer Kommission gesammelt, welche die Stadt Amsterdam im Jahre 1930 zur Untersuchung der Verhältnisse im Hausierhandel eingesetzt hat. Die Ziffern zeigen, daß die Juden, deren Prozentsatz in der Bevölkerung Amsterdams damals rund 10°/o ausmachte (heute nur noch 8'/4%!). unter den '"venters" einen Prozentsatz von 31,6 4/'o stellten. Zur Erklärung dieser befremdlichen Tatsache sagt der Kommis|sionsbericht u.. a.: „In früheren Zeiten wurden die Juden nicht in die Gilden aufgenommen. Es war daher für sie ausgeschlossen, ein Fach zu lernen oder sich in ihm auszubilden, sodaß sie gezwungen waren, sich auf den Handel zu legen." Hierbei ist einzuschalten, daß allein der Diamantarbeiter- und Tabakjarbeiter-Beruf schon früher von dieser Regelung ausgenommen waren. — In dem Kommissionsbericht heißt es dann weiter: .Außerdem war es und ist es auch heute noch für Arbeitgeber schwierig, einem rituell lebenden Juden am Sabbat und den Festtagen freizugeben und ihn dafür am Sonntag arbeiten zu lassen.- Orthodoxe Eltern wissen, daß ihre Kinder, die ein Handarbeitsfach erlernt haben, auf große Schwierigkeiten beim Suchen eines Arbeitgebers stoßen und fürchten "daher, daß ihre Kinder in die Versuchung kommen, in Dienst bei nichtjüdischen Arbeitgebern zu treten, und dann am Sabbat und den Festtagen zü arbeiten... I So wurde denn der Handel, in diesem Fajll der Straßenhandel, eine Tradition in zahlreichen jüdischen Familien, wodurch die Kinder in dem Beruf aufwuchsen, den der Vater schon hatte, und in dem sie ihm oft helfen mußten . J." Hier haben wir eine Erklärung dafür, — außer der. gleichfalls von der Kommission festgestellten Arbeitslosigkeit in der Diamanten-Industrite als Zutreiber zum "Venters"-Beruf. — aus welchem Grunde irii proletarischen Amsterdamer Ghetto neben der Masse; jüdischer Arbeiter so viele Hausierer und StraßehhSndler stehen. Auch die Veränderung der sjruktur in der Tabak-Industrie, d. h. der Übergang mehr und mehr von den kleinen Betrieben mit Handarbeit zu Großfabriken mit zum Teil maschinell hergestellten Marken-Zigarren hat jüdische Arbeiter, die dadurch brotlos wurden, in den ..Venters"-Beruf getrieben, i Alles in allem sind wir berechtigt, unter den durch die städtische Untersuchungskommission 'in Amsterdam •festgestellten 1149 jüdischen Straßen- und Markthändlern einen erheblichen Prozentsatz Arbeiter anzunehmen, der auch bei einer etwaigen Wandlung der Wirtschaftsverhältnisse wieder ohne weiteres in Handarbeiterberufe zurückfließen würde. Aufschlüsse über zahlenmäßige Starke der jüdischen Arbeiter in reinen Arbeiterberufen gibt zum ersten Mal die holländische Berufsstatistik vom Jahre 1930, die erste und einzige Berufszählung, befi-'der auch eine konfessionelle Gliederung vorgenommen worden ist. Allerdings unterscheidet sie bei den Arbeitnehmern nicht Arbeiter und Angestellte, und man 92

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