Die Bne Briss
- Journal
- Die Bne Briss
- Volume
- 1936
- Issue
- Nr. 9/10 - September/Oktober
- Date
- 1936-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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lien finden über zwei Drittel aller jüdischen Arbeitnehmer Beschäftigung. Ganz minimal ist dagegen' die Zahl der jüdischen Arbeiter in der Schwerindustrie, wie dem Bergbau, der Mineral- und der Maschinenindustric uswi: im Hüttenwesen sind jüdische Arbeiter gar nicht feu finden. **i Zu demselben Resultat gelangen wir. wenn wir die Größe deif Betriebe, in denen die jüdischen Arbeiter Beschäftig ung~~finden, zum Ausgangspunkt unserer Untersuchung mächen; gemäß einer Enquete des American Joipit Distribution Committee aus dem Jahre 19*1 sind v< Betrieben: . Mit ei mit -» " niit mit ' mit 1 mit 1 mit 2 mit :in mit in 100 jüdischen Arbeitern beschäftigt in cm ' Lohnarbeiter —\\ Lohnarbeitern —5 Lohnarbeitern —!0' Lohnarbeitern —15 Lohnarbeitern 20 Lohnarbeitern 30 Lohnarbeitern ">0 Lohnarbeitern 1 Arbeitern und mehr insgesamt h 17.0 29,9 13,7 U.7 »i . 3,3 3,8 1 3,9 8.."> 100.0. I Der jükl bebe Arbeiter ist somit — wie aus Vorstehendem ersichtlich'— ein typischer Kleinindustrieiind Hand verksarbeiter: fast zwei Drittel aller jüdischen Arbt die höchst iter in Polen sind in Betrieben konzentriert. BS ö Arbeiter beschäftigen. Diese Zusammenpferchen der jüdischen Arbeiter in dei kleinen und geringwertigen Betrieben des Landes ist keineswegs auf den freien Willen der Ar- Ijciter zu ückzufi'rh'ren; ■ die Periode, in welcher der^ jüdische Arbeiter aus sozialen und religiösen Gründen die I kleinen jüdischen Betriebe bevorzugen zu müssen jjraubte, ist bereits längst vorbei; heute finden wir den judischen Arbeiter in den großen Industriebetrieber nicht, weil er dort ganz einfach nicht hineinge assen wird Der Boykott, der jüdischen Lohnarbeit wird sowohl seitfcns des Staates und der Munix#ipalverwaltungen wie auch seitens der privaten Un- Vternehmir auf eine überaus präzise Art und Weise durchge ührt. Die jüdischen Arbeiter wurden sogar, aus derj wenigen Industriezweigen oder öffentlichen Dienstleistungen I Tabakindustrie. Naphtha-Industrie, Eisenbajhndienst Usw.) verdrängt, in denen sie vor dem Weltkrieg oder während des Krieges zu einem gewissen Teii beschäftigt waren. 'So ist denn, der jüdische Arbeitet' gezwungen, in den kleinen Betrieben Unterkunft zu suchen, die, wirtschaftlich schwach fundiert, das erste Opfer einer jeden Wirtschaftskrise werden, die fen ier weder den gesetzlichen Achtstundentag, noch üiich'«jonstige Schutzvorschriften oder eine Versiche- 88 rung der Arbeiterschaft kennen und hur überaus niedrige Löhne zu zahlen vermögen. Da ps sich dabei auch in den meisten Fällen um Saison-Industrien handelt, so ist eine Massenarbeitslosigkeit von 80—90 °/o der Gesamlarbeiterschaft für das jüdische Proletariat eine nur zu bekannte Erscheinung. Daran vermag auch das" ziemlich hohe Kulturniveau dc,r Arbeiterschaft und ihre straffe Organisierung nur wenig zu .ändern. In den meisten Fällen wird nur 16-222 Wochen im Jahre gearbeitet, und in solchen Arbeitsperioden verdient ein hochqualifizierter jüdischer Arbeiter wöchentlich 30—80 Zloty (15—40 RM), ein Durchschnittsarbeiter 20—50 Zloty (10—25 RM) und ein ungelernter (nichtqualifizierter) Arbeiter 15—25 Zloty (7.50—12.50 RM). Daß derartige Löhne kaum mehr al$| ein Hungerdasein ermöglichen, werden. — braucht wohl nicht unterstrichen zu Eine der traurigen Folgen dieser großen Not ist ein starkes Anwachsen der Zahl der jugendlichen jüdischen Arbeiter in den letzten Jahren. Tausende von Kindern werden im empfindlichen! Alter vori 12—14 Jahren zur Lohnarbeit geschickt, um bei entsetzlichen äußeren Bedingungen und um, eihen Spottlohn ihr Auskommen zu suchen. Je jünger diese Arbeiter sind, desto länger dauert der Arbeitstag und desto niedriger ist der Lohn, sofern er überhaupt gezahlt wird. Daß diese Jugend, die in den meisten Fällen kein eigenes Heim, ja nicht einmal ein eigenes lieft hat, in den en gen und schmutzigen Werkstätten physisch und geistig Verkümmert, ist fast eine Selbstverständlichkeit. So stellt denn die Massenlohnarbeit der Jugend einen der traurigsten Ausschnitte aus dem ohnehin düsteren Bild der jüdischen Lohnarbeit in Polen dar. — ■ l '; ''f .'l "-i J Unendlich schwer ist also der Lebens- und Leidensweg der arbeitenden Schichten der jüdischen Bevölkerung in Polen. So, wie die Dinge gegenwärtig liegen, kann die Situation in vielen Fällen geradezu als trostlos bezeichnet werden;' und doch bedeutet gerade die große Zahl der in Betracht kommenden Elemente einen gewissen Rückhalt für die Zukunft. 600 000 arbeitende Menschen können nicht en mäs^e aus ihren Wirtschaftspositionen gestoßen werden, um so mehr, als das infden früheren Jahrzehnten rasch und sicher wirkende Ventil der Auswanderung gegenwärtig fast völlig versagt. Sind einmal die schwersten Zeiten der Wirtschaftskrise und der mit ihr sicherlich in einem starken Maße zusammenhängenden antisemitischen Welle vorbei, so wird sich wohl das arbeitende jüdische Volk in Polen den Weg in eine menschenwürdigere Zukunft zu bahnen verstehen.