Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1936
- Issue
- Nr. 3/4 - März/April (3.1936)
- Date
- 1936-03-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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J Text braucjit hier das Zeitwort von Haggada, Erzählung), das ' Volk sei geflohen. War der Auszug aus Aegypten iiun Vertreibung oder Flucht? Für Vertreibung wtirde die Sorge u|nd die Furcht der Aegypler sprechen, die nach allen voraufgegangenen Plagen, die der Gokt der Hebräer über sie kommen ließ, am Ende glauben, alle sterben; zu müssen. Für Flucht spräche der hartnäckige Widerstand des Pharao, gegen die Entlassung .so nützlicher. Fronarbeiter, die einmal freigeworden, sich leicht auf die Seite der Feinde schlagen könnten. Die alten jüdischen Bibelerblärer suchen beide Fassungen auf eigentümliche Weise mit einander in Einklang zu bringen: Pharao habe durch das Sterben der Erstgeborenen, unter denen sein eigener Sohn war, sich gezwungen gesehen," das gesamte Volk ziehen zu lassen, aber nur für eine Dreitagereise. wie sie Mose einmal von ihm erbeten hatte, damit das Volk sginem Gotte in der Wüste Opfer bringe. Zur Aufsicht'habe der König aegyptisclie Beamte mitgeschickt, und eben diese hätten ihm, als Israel Zeit und Ziel überschritt, dessen Flucht gemeldet. Ob die eine oder andere „Haggada“ oder ob sie beide zutreffen, das klarzustellen hält die Tora augenscheinlich nicht für wichtig. In keinem Falle ist die Befreiung eine Tat Israels oder auch nur Moses. In jedem Falte .verhalten sie sich leidend, .und dies Am eigentlichen Sinne: noch ihr Weg in die Freiheit ist ein Leidensweg, und die Freiheit, die sie zunächst erwartet. ist;— die Wüste. Was der Auszug aus Aegypten damit an Romantik etwa verliert, gewinnt er an geschichtlicher Wahrheit. Ja, hier zum ersten Male wird Geschichte in ihrem Sinne erkannt. Das Wie des Geschehens ist vergleichsweise nebensächlich gegenüber dem Wozu. Nicht daß es aus Aegypten gezogen, ist die Tatsache, die Israels Erinnerung festkalten soll, sondern daß Gott es aus Aegypten geführt, und auch dies würde seine Geschichte noch nicht begründen — hat Er doch, nach Arnos Wort, die Philister aus Kaphtor und die Aramäer aus Kir geführt -— wenn Er es nicht zu dem Ende getan, damit Er Israel zum Gotte und Israel Ihm zum Volke'würde. So offenbart erst der Bund voih Sinai den Sinn der Befreiung aus dem „Hause der! Sklaven“: Israel ist nicht befreit worden, um frei zu sein, sondern um statt Menschenknecht Gottes Knecht zu werden. Ajegypten ist uns kein „geographischer Begriff“, sondern Symbol für die Geschichte unseres Volkes. Israel liebt die Freiheit wie nur irgend ein Volk der Erde, obwohl oder weil es mehr als irgend ein anderes den Druck der Unfreiheit erfahren hat, ur d selbst wo es das Brot des Elends mit dein der Freiheit vertauschte, diese Freiheit oft genug Vertreibung oder fluchtartiger Auszug bedeutete. Aber wiev el es litt, es hat in seiner Geschichte immer wieder die Führung eines Gottes erkannt,' die oft dunkel es doch den Weg zu einem großen Ziel zu gehen zwang. „Geschlecht für Geschlecht ist der (jüdische) Mensch verpflichtet, sich so anzusehen, als 'wäre er selbst aus Aegypten gezo gen“. Wenn wir diese Worte unserer Pessacli Haggada im rechten Geiste sagen, dann wird uns die Erinnerung an den Auszug aus Aegypten zu einen religiösen Erlebnis, das uns nicht nur ini altersgrau«■ Vorzeit zurückversetzt, nicht nur über die drückende^ Sorgen der Gegenwart für eine Weile jhinweghebt dann wird Erinnerung zu einer religiösen Hoffnung auf das „Pessach der Zukunft“, wo die Freiheit von allem aegyptisclien Druck und der Weltfriede de». Sabbats einander begegnen. Vom Geist der Rabbinen Von Br: Mai Vom Talmud scheint I— auch unter den Juden von heute — eihe viel geringere Kenntnis hinsichtlich des Inhalts seiner Lehren verbreitet zu sein, als über seine F o r m. Man hat wohl eine allgemeine Vorstellung .davon, daß das biblische Gesetz in dem großen, über viele. Ja'hrhunderte sich erstarkenden Sammelwerk der Rabbinen ausgedeutet und ergänzt, erweitert und gewandelten Lebensverhältnissen angepaßt ist; man weiß auch, daß die vielfältigen und so. verwickelten Satzungen über Zeremonial und Ritus hier ihre Ausprägung gefunden haben. Im ganzen aber verschwinden diese Dinge in einem grauen Nebel, und bei dem W«>rte „talmudisch“ denken die meisten an eine scharfsinnige, ja überspitzte Dialektik, an eine bis ins Unendliche vorgetriebene Begriffsspalterei und Gesetzeskasuislik, kurz: an eine Form der Erörterung, in der ein Inhalt nicht so sehr ergründet, als zergrübelt und zerrieben wird. . ’ 26 Wiener. r j Wie aber in einer solchen Gedanken- und Ge-j fühlswelt auch die feinsten und zartesten Empfin-I düngen sich zum Wort melden und gehört werden|[ wie unter dem Hauch abstrakter Begriffszerglieder unidas menschliche Herz nicht erstarrt, das deckt die Betrachtung der anderen Seite' des Talmuds auf. Dessen werden wir gewahr, wenn wTir auf das ergreifende Bemühen achten, den Menschen zu lehren, wje er ein Mensch sein soll.! Mensch im Sinne von menschlich sein, ragt über jene seelische Sphäre hinaus, die äls Inhalt des Rechts di«> unerläßliche Grundlage jedek soziajlen Verkehrs ausdrückt, bedeutet darüber ein Mehr von herzlichem Wohlwollen, von Liebe und Fürsorge, das ganz auf Freiwilligkeit, auf die sich darbieteridc, herüberreichende Kraft1 der Einführung in das Gemüt des anderen gestellt ist: Die Griechen kennen vier Kardinal! ugenden, die.