Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1934
- Issue
- Nr. 6/7 - Oktober/November
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 92 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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i Das Theater, ehederii nur in der dilettantischen Form der Purimspiele bekannt, Oper und Schauspiel mit ihren unbegrenzten Phantasieträumen gewannen nun das lange aufgestaute Interesse. Es gab bereits hervorragende jüdische Schauspieler und findige Bühnenleiter. All diese Kräfte übten eine magnetische Anziehung, -der man sicli nicht mehr entziehen konnte und wollte. Man fand so viel Schönes, auch in den Straßen der Großstädte mit ihren Schätzen an historischer Architektur, in den -Museen-und Bibliotheken! Das also gah.es, das war die Welt! Wie war sie voll von tausend Reizen! Es konnte nicht anders kommen, als daß man in höchst ungerechter .Übertreibung in dem Juden älteren Stils nur den ungepflegten, in Erscheinung und Sprache verwahrlosten Zeitgenossen sah. Nicht den Glaubensfreund, sondern eher einen Menschen, den man als lästigen Fremdling behandeln -mußte. Yieje Juden haben das Judentum nur deshalb verlassen, weil sie sich von einzelnen Juden kompromittiert glaubten. Wie von der aktiven Mitwirkung hervorragender Juden an der deutschen Politik wußte man auch .von den Beiträgen dieser Kreise zur Literatur. Man war stolz daraitf, daß Berthold Auerbach, der Entdecker oder doch W iederentdecker des deutschen Dorflebens, sich.der Freundschaft deutscher Fürsten rühmen konnte. Ludwig Börne und«-Heinrich Heine wurden nicht mehr so wie ehedem mit dem Makel des Konvferfitentums bedeckt: im Inlande verfolgt, hatten sie für die deutschen Juden im Auslande die Geltung als große .Deutsche erlangt, der eine mit der Wucht, seiner reinen Überzeugung, der andere mit dem sprühenden'"Feuerwerk seines Geistes. Ihnen hatte sich, überreich begabt, in charakterlichen Dingeif etwas problematisch, Ferdinand I.assalje angeschlossen, damals erst vor kurzem in großtheatralischer Form aus dem Leben geschieden. Für den weitaus größten Teil des'jüdischen Bürgertums war er eine mehr interessante als i^chtunggebende Persönlichkeit. 0 — Dies alles gehörte noch zum Judentum, aber in erster Linie war es bereits Teil und Erscheinungsform des deutschen Gesamtlebens. Wie stark erst zeigte sich die Verwurzelung, als die großen Hammerschläge der deutschen Geschichte anhoben, _ die zur Einigung Deutschlands führten, mit den neuen wirtschaftlichen und sozialen Problemen, die in ihrem Gefolge auftraten. Mochte es auch von anderer Seite bestritten werden und bei manchem Widerspruch in einzelnen Fragen: es war Identität mit Deutschland. * * , * V So .sind mit zahlen- und bedeutungsmäßig sehr seltenen Ausnahmen diejenigen äufgewachsen. die zu der Zeit dieser Eltern die Jugend darstellten. Ich habe von ihr schon gesprochen. Ihr Judentum verblaßte, und ihr Anteil am deutschen W esen und an der Epoche überhaupt nahm immer me an ihren Schwächen, am w Wissenschaft und Künsten, und Entidealisierung des bii war man mit den Nicht juder. gelangt. Und dann kam der einzige i jüdische Familie, deutsche Familie gewesen wä lainl war Gefahr für den ei ir zu, an ihrer Größe und irtschaftlichen Aufstieg, an auch an der' Erwerbssucht ■gerlichen Daseins. Insofern erst recht zu einer Einheit August 1914. Es gab keine nichterst recht eine an Die damals hinauszogeu, Söhne und Enkel derer, di« 1890, die Jugend gewesen, stock des jüdischen Familier unbeschwerte Jugend, der des Vaters freien Auslauf Lebensziel in Aussicht geiii Strebern und Tüchtigkeit, w auch Erfolg: die Bilanz glichen. Es schien eine glittls sein. Wir wissen es jetzt änjders. lie e. Die Gefahr für Deutschneu Bestand. waren nun schon wieder wir damals, um 1870 bis ir lebten oben im Höchstifiauses, eine unbesorgte und 'ast immer der Wohlstand dorthin gestattete, ^o das ommen war. Einsatz von ohl auch Protektion, aber ar ■ von vornherein ausgeaufende Maschinerie zu Allier ist es der öde Strand des letzten Verlassenseins, an! den wir geworfen sind? Ist hier kein jüdisches Haus zu bauen, kein Heim, keine Hütte? Beruhigen wir uns. In diesem Sandgtröll darf immer noch eine Pflanzei gedeihen, das ,ist eine andere blaue Blume, das ist die Pietät. Das ist die Erinnerung an vielps, was in äußerlich ansteigender Zeitiverloren gegangen ist und in abgestiegener noch trösten kann. Was die Großeltern und Eltern der jetzigen Gioßeltem gepflegt haben, ist —r*- Wohlgeprüft und abgew ogen — ein kostbares Erbgut. Das Gleichgewicht war; herzustellen zwischen dem ewig wahren Ethos der jüdischen Lehre und den ästhetischen Bedürfnissen der j Gegenwart, zwischen d^m herzschlagruhigen Rhythmiis jener aufs höchste 'und tiefste gerichteten urväterlichen Beschaulichkeit und dem Tausendkilometertempo des zwanzigsten Jahrhunderts, zwischen der opferbereiten Güte der Damaligen und der Lebenshärte, zu der unsere heutigen Jungen sich stäljlen müssen. Und weiter, wir haben immer nur analysiert, alles und jedes. Nehmen wir nun einmal den Mörtel der Synthese. Bauen wir aus ehedem und heute für mprgen ein neues jüdisches Haus! Sgltsam: indem ich diese letzten Worte hinschreibe, erinnere ich mich einer einzigen, aus dem Jüdischen geborenen Erschütterung meiner Frühzelt, Es war einer der Sfnagogenbesuche, wie ich sie, Jugend von damals, mehr pflichtgemäß als aus innerem Triebe erledigte, lieh hörte vieles, ich sah vieles, mit kühler Neugier, wohl gar mit heimlichem Spott. Aber einmal oder besser' jedesmal erschauerte ich im Innersten, ja sogar körperlich fühlbar, wenn aufrauschte': Kodausch! Kodaysch! Kodausch! Es war Botschaft des jüdischen Hauses in seinem weitesten Sinn. 92