Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1934
- Issue
- Nr. 6/7 - Oktober/November
- Date
- 1934-10-01
- Page
- Seite 90 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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trüben Zuständen. aber auch in iler F'.ng«1 mit soviel ueistiger W eite, in der Entbehrung so «laseins- und fort- / pflanzimgszähe. in ihrer Armut so reich. Was vor der Zeit der Großeltern lag. wollten' wir damals kt nicht w is»en. W ir wollten die alteii Sklaven- •hetten nicht rasseln hören: es waren *Geräpsche. die uns wehtaten.. Wir waren ja so\iel weiter, nicht wahr'/ W ir w,Jren so ganz für jegliche Freiheit aufgeschlo-Sen. \ r»r uns lag. so dachten wir. ein fast unbeurenzter Kaum der Entwicklung. hier in diesem 'Deutschland, das uns erzoi:. den» wir dienten, und das uns in seiner damals \on seinen urolicii Dichter)! und Philosophen ererhten w eltbürgerlicln n Kilistelliihu auch den W e" zur «ranzen ' Menschheit auftat. Hier die PfoTte zur Welt, und dort das Ricg.l-.hloß vor dem Ghettotor! Nein. nein, nur nicht daran denken!-1 Oder höchstens den stets bereiten Witz daran üben! Ks war Idiren-ache. ein F.pikuurozu sein! Die jiidi'che \orwelt war für uns verschwunden und nur noch in den Großeltern ausgedriickt. dathit frei- 4ich in einer sehr liebenswerten «Form. Denn wenn die filtern seihst «rewill nicht immit waren, so" mußten sie’* ihrer Be-timimin^ und Pflicht gemäß auf Zucht und I trdmniir-halteil. Aher ..Großeltern" bedeutete glatlhin \ erw«ihnu^ir um! das Recht, sich gehen zu lassen. Fis hedeutete «gelegentlich wohl uar Inschutznahme gegenüber den1-Fltern. Bei «len Großeltern salr««n wir über <jei:i Sbfa. hell Mahauoni mit schwarzem IFips iihcrznucn. mancherlei Bilili-r hämren. a.lte Bilder, und sie sprachen »oll \oruiiuogaHgcnen Gttscldeehtern.; Vielmehr sie sprachen ziuinnicht mehr. Wenn der Großvater uns -aale. die» da -’t-i ein berühmter Rabbi gewesen und jener ilorlein iioclr berühmterer. und wir Kinder seich-ihre 1 ruriirenkel. »o warfen wir gerade mir einen schnellen _BI ick sehi'Uerv Respekt«-» auf die gutgemeinten Ölporträts oder vergilbten Stahl-tichblätter. Ih-ute freilieh wi-sen mir die, Bilder.* rlie nun in meinem eiuen<-ii Zimmer hängen, mehr zu »agen, Heute, wennich die oft majestätischen1 Köpfe betrachte, die langhärtigcn mit den pelzbesetzten „Strämeb". dann empfinde ich die unübersehbar lange Kette, diemich und ji ilen i.lu'l' ii und jeden. lebenden Menschen mit «lern Bestehen de» irdischen, Geschlechtes seit seinen Vnfäna«'ii aneinander gli<-ilefj._ ein Band. ‘ nach riü-kyärt-. utLahreißhar. «las unendlich Kernes mit sehr Nahem verknüpft. ■!nzw i-ehen habe ich ja im Orient lebende Männer -«•-< h« n. «n«* dii—en Dahingt-schiedi-nen \ollkoinmen bleichen: dieselben Patriarcljcnhäupter über dem verbrämten Rock. nötige. aber auch tiefernste, in sieh »ersiinkene Ge«irhter im Silberrahmen «ler Bartwellen. Ich darf »agen. weil egleich mir auch viele andere w<«rden -agen können, daß mir der Zusammenbau«!; mit der alt- ' jüdischen \ eruangeriheit. mit'dem jüdfschefi Hause, mit 90 dem Judentum überhaupt, erst zum Bewußtsein gekominen ist. als ich an f ■emden — damit dann nichtmehr fremden -- Küsten die lämlicben Gestalten atmend traf, wie sie zuhause nur noch Bild waren, bebende haben Tote lebendig gemacht.j Damals erschien cs( wichtiger, sich im Großelternwart anzuvertrauen. Sie bestand deren mehreren. Es war nötig. haus der nächsten Gegci in einem „Küchel" «ödet weil die Großmutter darauf drängte, obschoii man den sali, kein Krümel davon fallen zwischen die Ritzen der Diele, fern, und der großen General- Tchw ierigkelten nicht mehr be- Grtuid nicht recht ent: zu lassen, .kein einziges Denn Ostern war nicht reiniuung sollten neue e breitet werden. Das Heim der Groß««Item war also die symbolische Bolle-Etage des jüdische gaiigenheit. In W abrheit l Familienlebejis - oder, wie mair noch hübscher sauen könnte, der '1 um» der \ erwur es eine Parterrewohnung. Großeltern wohnten1 damals immer so. weil sie nicht mehr gern Treppen stiegen und überhaupt nur selten aiisgiiigen: man war ja mit /)0 Jahren ..Greis" und ..Greisin". Kinder und Enkel kamen zu Besuch, so gehörte sieh das. Sie selber saßen am Fenster, die ('»roßmutter Mir ilirefn Nähl iscblein. das mit / verjährten \\ ollfädenresten vollgestopft war. der Großvater, getreu der ihm zukommenilen Würde als Familienoberhaupt.' gleiehwie thronend in dem scliwarzledemen Ia-hn- «tulil mit den .beiilen W nige _ 'steril, auf daß. wenn ein Nickerchen ihn ankai i, «las Haupt nach links oder« rechts.eine Stütze fände. Hinter dem Fenster aber war der ..Spion" angebracht, j-ner heute noch unzutreffende kreisrunde Spiegel, dt-r d e Passanten sehen ließ, ohne daß der heimliche Zuseh:.uer gesehen wurde. So hatte t , mau immer noch Anteil a n I-eben und am Verkehr. So genoß man noch die Straße, beinahe hätte ich o^lic l das Ghetto auch längst aüf- «amste aller f'taatsgcfäiignisse eh war. so wohnte man. wie mit einer selbstquälerischen bust an gewesener Pein, «loch noch in seinem l rikreis. Die Nachfahren der l’rhewohncr kannten einanthy und blichen gern auf dem W enn die Mul me 1 Hendel-mit einem vollen n sahen inehr Augen, als sie 1 er einen fetien Karpfen, er- ..(bisse" gesagt. Denn weil|i gelassen, wenn dieses seit auch nicht mehr im Betr laufenden. Netz vom Markt kam. dai wußte, daß sie schon wi< standen hatte. — Dem Anschein nach w alten gehlieben. Aber -das mir erst viele Jalye spätei ir in die»er Sphäre alles beim war nicht so. Auch «las ist ja erst in den letzten Zeitläuften. als ich begann, über Jüdisches näher nachzu- «biikeii. klar geworden, di.ß die Generation der Großeltern. und nicht etwa nur die mehligen, die Position lückenloser Yor\äteriiberli -ferung nicht mt,-lir in Anspruch nehmen konnte. Ihr Dasein als Juden war nur ♦ * 10