Mannheim
Compact Memory

Der Orden Bne Briss · 1934-10-01 · Nr. 6/7 - Oktober/November · p. Seite 88

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1934
Issue
Nr. 6/7 - Oktober/November
Date
1934-10-01
Page
Seite 88 (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/6727475-6029209-6074901--3099-4869667
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Musik und Musikpflege im jüdischen Hause Von Br. Magnus Davidsohn. Wenn sla» jüdische Haus am Freitagabend oder in feiertäglichen Stunden im I.ichterglanz erstrahlte und alles darin nach der l nruhe.der Woche Frieden atmete, da erhöhen sieh dankerfüllt und liofTntmgsfroh die Herzen in frommem Gesang zu Gott. All diese, hebräischen Lieder sind fast ausnahmslos religiösen Inhalts: aber sie streifen gleich dem Madrigal schon das W eltliehe. Eine Ausnahme hier\on macht die Hymne an die Hausfrau: „Wer ein biederes Weih gewonnen, dem ist Glück und Heil beschert” l Sprüche- Salomos Kap. 31, 10 ff.). Dies«1 Lieder — wir können sie als «len Ursprung aller häuslichen Musikpflrge Jmtrachten — werden schon,im Mittelalter gehört. „Wenn Israel ißt und trinkt. pr«-ist. loht lind fei«*rt es. den Heftigen, ge^ loht sei Fr”, also licilit «'s schon im MhlrascltSirhir Hasrhirim Bahha. I ml wie «lie mittelalterlichen Dichter (»«‘sänge zu Gottes Loh uinl Preis für das Gotteshaus dichteten, so auch Lieder für den häuslichen Kreis. In einem Büchlein. ..Gesänge für Sahbath und Festtag«1"1 i. hat der verstorbene Rabbiner Dr. Bambi-r g e r mit,feinem poetischen Sinn wieder zusammengestcllt. was er an vielen Stellen zerstreut fand. Diese Texte finden wir auch zum Teil in «len verschiedensten Ausgaben unsrer Gebetbücher. Wo aber sin«! die Noten? Hier stehen wir vor «1er gleichen fast unüberwindlichen/Aufgabc wie hei «ler. Erforschung der Tradition unserer Synagogenmusik, ln jedem Landstrich, ja beinahe fti je«ler Gemeinde hören wir andere Melodien. Die Einheitlichkeit des Chorals sowie des Kirchenliedes f«-hlt fast, vollständig. Der Grün«! ist naheliegend: Von Land zu I.an«l, von Ort zu Ort gehetzt, hatten unsere \ äter wenig Sinn für die musikalischen Bestrebungen der Umwelt. Nur wenn eine schwermütige Mollweise -ie erreichte, dann nahm Ohr und -Herz sie auf — und Ixdiielt sie! Es ist -interessant, wie unsere Altvorderen die Melo- »- «lie dem Wort anzupassen wußten und den Rhythmus übertrugen. Die freie. Erfindung fehlte. Nur einer besaß sie: der \ orbeter der Gemeinde. Der war ihnen Mittler, ai fch •in der Kun«tpflege. Der Fuß unserer frommen Altvordern betrat kein Theater, kannte keine profane Stätte leichter Musikpflege. Das Haus war sein Sanktissimum, und was auch hier an Melodie erscholl, war ihm heilig. Die alten Melo«lien der häuslichen Gesänge sind ausnahmslos anderer Musikliteratur entlehnt, zu einem großen Teil der deutschen Volksliederliteratur vergangener Jahrhunderte entnommen. Alit Beginn «les vorigen Jahrhunderts, mit der erhöhten Teilnahme an den Kulturbestrebungen des umgebemlen A olkes, begann auch im jüdischen Haus die •' Verlag A. I. Ilofmann, Frankfurt a. M. Pflege der von außen hereinströmt-nden kulturellen Interess«1!»! K«'ine (Ji'ringeren als Mendelssohn-Bartholdy' mul Meyerheer empfingen ihre stärksten musikalischen Eindrücke im elterlichen Haus. Halevi komponierte in seine Oper „Die Jüdin“ eini-n Sederaheriil hinein. Alan weiß, wie auch Ludwig August Frankl lind andere jüdische Dichter ipit rührender Pietät von den empfangenen musikalischen Eindrücken ihrer Elternhäuser sprachen. Zu derselben Zeit, als Richard W agners Broschüre „Das Judentum in «ler Musik“ erschien, in «ler uns jedes künstlerische Empfinden abgesprochen wird, waren Taussig, Moscheies und Hermann Lewi seine getreuesten MitarbeiterJ in Bayreuth sowohl, wie auch schon früher. L’m die Mitte des vorigen Jahrhunderts bis zu dessen En«le nahm die Musikpffege im häuslichen Kreise bei uns Juden immer mehr zu. Der Musikunterricht war intensiv, vielleicht auch übertrieben. Das Instrument trat in seine Rechte. Ni«dit nur das fromme Lied wir«l gehört; «lie jüngere Generation nimmt regsten Anteil an der Musik der klassischen Meister und pflegt sie mit großem Eifer. Klavier und Geige fehlen fast in keinem Hause. Doch am Freitagabend und an den Festtagen werden im frommen jüdischen Hause die Instrumente nicht angerührt. Da gilt nur das Lied',- das auf Herz und Kehle strömt. Vielfach erfahren in jüdischen Häusern bis auf den heutigen Tag die Kammermusikwerke klassischer und zeitgenössischer Meister sorgsame Pflege. Gleichgestimmte Menschen tun sich zusammen, um nach des Tages Mühen, die Schönheiten dieser Musik in sich aufziuiehmen. Arme Musikstudenten, wie auch bedeutende Meister sind oft in jüdischen Häusern zur Mitwirkung bei der Pflege der Kammermusik hinzügezogen worden. Das haben wir selbst ans dem Munde manches Künstlers gehört, dessen Name in der Musikgeschichte fortlebt. Die produktive Musikbetätigung weicht in den letzten Jahrzehnten im häuslichen Kreise-vielfach dem mechanischen Instrument. ★ Wie kann «lie Musikpflege im jüdischen Hause heute gefördert werden? Die Anregungen sind vielfältig. Wir stehen nicht an zu sagen, daß auch fernerhin die. Schalli platte und das mechanische Instrument, Grammophon usw. mit zur Belebung «les Interesses an der Musikpflege beitragen werflen. Der Interessent jüdischer Musik wird eine Fülle ausgezeichneter Aufnahmen finden, die wohl geeignet sind, für «lie Verbreitung' von Werken zu sorgen, die man sonst selten oder;gar nicht zu hören bekommt. Daneben aber kehre als gewichtiger Faktor wieder die eigene musikalische Betätigung in das jüdische Haus zurück.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.