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Der Orden Bne Briss · 1934-10-01 · Nr. 6/7 - Oktober/November · p. Seite 86

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1934
Issue
Nr. 6/7 - Oktober/November
Date
1934-10-01
Page
Seite 86 (sequence 18)
Language
German
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Das jüdische Haus in der Kunst Von FIrna S t e i n ,-Leiterin des Jiid. Museums, Berlin. Die jüdische Religion hal einen sehr beträchtlichen Teil ihres Zereinonials der häuslichen Ausübung übertragen. Mindestens ebenso wichtig und ebenso zahlreich wie die gottesdienstlichen Pflichten in der Synagoge sind die Feiern und feierlichen \ erriehtungen innerhalb der Familie. Diejie nachdrückliche Betonung der . Faniilie und des Familienlebens vom Religiösen her findet ihre Erklärung in der Erkenntnis, welche wichtige Redeu- ■ tung das lfaus für die Erhaltung und Tradierung der wichtigsten Kulturgüter eines Volkes hat. Das jüdische \ olk. auf seinem schicksalsschweren Gang durch Zeiten und Länder oft an der freien'Religionsausübung gehindert. wäre, dem Untergang geweiht gewesen, -wenn nicht das jüdische flaüs die Erhaltung und Fortpflanzung der Lehre üherjioinmen hätte. Selbst!erständlieli .mußte die Innigkeit des häuslichen jüdischen Lebens außer in der Dichtung auch in der hiin-tlcrischen Darstellung seinen Niederschlag finden. Bereits in den frühesten uns bekannten Handschriften finden wir daher Illustrationen, die das la-hcn in einem jüdischen Hause wiederspiegeln. Der Seder mit -einem umständliche \ orbereitungeri erheischenden Ritual hat wohl die »einer Bedeutung entsprechende häufigste'Darstellung gefunden. Nicht nur die eigentliche Sederfeier. die Familie am Sedertisch. wird gezeichnet. auch alle Phasen der Vorliereitungen: das. Ghnmrz-hatteln. das Backen der Mazzolh «sw. werden ausführlich und umständlich 'oft bis zurück zum Esel, der das Mehl für die Mazzoth aus der Mühle hohl, aber mit liebevollem \ erständnis geschildert. Die spanischen, französischen, italienischen und deutschen illuminierten I laggada-Hanilsehrifteij \om 12.- 13. Jahrhundert sind eine unerschöpfliche Fundgrube solcher Darstellungen. Die schlichteste -und innigste häusliche Feier, der Freitag-Abend, hat die Kiin»th‘r aller Zeiten zu bildlicher Gestaltung angeregt. Die künstlerischen Fähigkeiten des Holzschneiders, der die Illustrationen zum _ v | * Amsterdamer Mitthagim-Buch von 1723 fertigte, mögen .einer stilkritischen Untersuchung .vielleicht nicht standhalten. Dafür spricht a!>er aus'* diesen Bildchen echte Frömmigkeit. V ie eifrig etlen z. B. die Kinder auf dem Hawdolo-Bilde herbei, um dum. Vater die für das Hawdolo-Machen notwendigen Geräte zu reichen.. Die Mahlzeiten in der farbenfreudig ausgeschmückten Sukkoli bieten dem Künstler ebenfalls einen willkommenen i Vorw urf. % Wir könnten so die Reihe der Feiertage und ihre Feier im jüdischen Haus weiter verfolgen, denn für alle ließen sich Bildbeispiele anführen. Aber es erscheint . wichtig zu betonen, daß auch das Alltagsleben der jiidisdien F'amilie, die allmenschlichen Vorgänge von, der Geburt bis zum Tode ihren künstlerischen Niederschlag Machsor aus der ersten 'cf Hilden haben. So finden wir z. B. in einem deutschen jetzt in der Universitälsl: ihliothek Leipzig! eine Liebesszene dargestellt, wo ein mittelalterlichen Judeiih Hälfte des 13. Jahrhunderts 'ärchen (der Mann durch den it gekennzeichnet! in traulichem Zw iegi-spräch auf d *r Gartenbank sitzt. F.ine ähnliche Darstellung findet sich in der Nürnberger Ilaggada vom Anfang des 13. Jaln hundert» (im Nürnberger Germanischen Museum). Hier sieht man einen Juden der Dame seines Herzens einen Antrag machen, den, diese auf einem weiteren Bilde entrüstet ahlclmt. — In zahlreichen Bildern werden die Vorgänge bei einer jüdischen Hoclizcit. das Beflecken der Braut, (las Flinholen foehzeitszug usw. dargestellt, remonie der ..Ghaliza", dagegen — Die Gehurt eines Kindes, besonders wenn es ein >>ohii ist. löst im Familienkreis des Bräutigams, der ebenso die eigenartige Zf: kaum die Flhcscheidung allgemeine Freude au feiert man die Brithmi bei man silberne Schiiss und mit großer Beteiligung äh und den Pidjonha-hcn, wohl mit szenischen Darstellungen ohnch lenden rituellen und Totenwacht. die dieser F'eiern verwendet. Auch der Tod und die zu be- V Urschriften, die' Totenwäsche Beerdigung und Schiwoh finden ihre bildliche Darstellung, v F'.rwähnt sei ein gestorbenen Grabstein der im \\ oehenbett Kachel Teixeira (gest. 1716-1 auf dem1 sf-phardischeii F'riedhof Oudcrkcrk bei Amsterdam, auf dem das Relief einer V oehenstiibe und ilie sterbende F'rau mit erschütternde Eindringlichkeit wiedergegeheti sind. Die übrigen FInildenie auf diesem Relief — die trauernden Putti, der Totenschädel, die .Sanduhr — ebenso wie der künstlerisch hochentwickelte Stil der Darstellung deuten auf eine ziemlieh starke Assimilation an die zeitgenössische Kunst. . 1 . Die jüdische Relig on schreibt-dem elterlichen Segen besondere Kraft zu. -'iir jedes jüdische Kind bedeutet cs daher einen Augei blick höchster Feierlichkeit ..gebenscht'"’ zu werden. IDie zarte seelische Gemeinschaft, ilie in.diesem feierlichen Moment zwischen Filtern und .Kindern herrscht, die Demut, mit der das Kind den Segen entgegennimmti hat neben Rembrandl besser Ury in seinem Gemälde (,Jakob segnet Benjamin“ meister-, haft zum Ausdruck gebracht. Gerade an diesem'Bilde I-esser Ury* läßt sicai der' wesentliche Unterschied1 erkennen, der bei gleicher Themenstellung zwischen der Auffassung moderner jüdischer Künstler und den'Werken früherer Zeiten; bestellte Während nämlich in den früheren, Darstellungen das Jnteresse am rein sachlichen Vorgang, an der Zeremonie selbst, vorherrscht, so däß wir auch zahlreiche! von Nichtjuden hergestellte Kupferstiche mit weitestejr Verbreitung finden, tritt allmählich das psycholojj&clie Moment in den Vordergrund, I 86

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