Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1933
- Issue
- Nr. 9 - Oktober (10.1933)
- Date
- 1933-10-01
- Page
- Seite 110 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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„ Schon am 26. Juli 1669 wurde der österreichischen Regierung angezeigt, daJJ der Kaiser „aus sonderbaren beweglichen Ursachen, um Beschwerden, wie sie die Christen seit einiger Zeh führen, zu verhüten, die Ausweisung einer Anzahl Juden urfd Jüdinnen aus Wien und dem Lande Österreich beschlossen habe“. Und am 28. Februar 1670 erfolgte die kaiserliche Resolution, daß bis zum nächsten PfingjBtfeste die gesamte Judenschaft 'S iens die Stadt zuräuijien habe: daß-bis zum Fronleichnamstage kein Judo sich mehr sehen lassen dürfe. David, Kaufmann ,hat in seiner Chronik1) die schreckensvollen. Ereignisse jener Tage festgehaltetil die Verzweiflung .der so plötzlich von Haus und Hof \ erjagten, die Verbuche der {übrigen jüdischen Welt, besonders des Hamburger . portugiesischen Juden Texeira, . durch Vermittlung des Papstes und der Königin von .Schweden den Kaiser jumzustimmen, die Anstrengung der Wiener Juden, duttch Geldangebote und Bittschriften den Ausweisbefehl rückgängig zu machen, diebinstimmige, entrüstete weljr der als Rettung angeboter/ien Taufe, den hastigen, verlustreichen \ erkauf der Häuser und der öffentlichen Gebäude und schließlich die fluchtartige Auswanderung nach Mähren. Böhmen, Ansbach. Fürth. Hamburg. Frankfurt und andern jüdischen Gemeinden des Reichs. Von allen diesen Vorgängen berichtete damals von \\ ien aus der Jarandenbürgisclie Resident Andreas Neumann nach Berlin. Es scheint, daß mau dort schon lange die Wiener Ereignisse mit Aufmerksamkeit verfolgte, daß man'von Anfang an d^an dachte, die Vertreibung der Juden für den eigenen Staat auszunützen. Der Große Kurfürst hatte gleich nach seinem Regierungsantritt bewiesen, daß er entschlossen war, in der Judcnpolitik eigene und neue Wege zu gehen, indem er es unternahm, einen bisher unbeachleten und verachte- \ * ten Volksteil zum W erkzeug, ja zum Helfer seiner großzügigen Handels-, Finanz- und Gewerbepolitik zu machen. Wie er sich von den mittelalterlichen Formen löste, die intermediären Gewalten zugunsten der Staatseinheit beseitigte, a»i Stelle des .‘Söldnerheeres das stehende Heer setzte, den Adel zurückdrängte und den Beamten schuf, so versuchte er. die fürstlichen Kammerknechte, die bis dahiii passiie Pertinenzen des Herr- ,chers waren, in persönliche Träger und selbständige Glieder eineraufstrebenden Wirtschaftsform zu verwandeln. Seine menschlich freie persönliche Auffassung, daß die Duldung ebendarin ihr W esen habe, alle zu dulden, seine ganz mojderne Vorstellung der Notwendigkeit einer Trennung vijm Religion und Politik verbanden sich mit seinen realen ibevölkerungspolitischen und wirtschaftspolitisehen Erwägungen. .In der Absicht, den Vertrieb von Luxuswaren und Massen prodükten durch Juden zu fördern, m|hr Geld in Umlauf zu bringen, -1- I ■' Die letzte Vertreibung der Juden auj Wien und Niederösterreich .... ^icn 1889. m tlen noch halb naturwirtschaftlichen Charakter seines Landes in den modernen geld- und kreditwirtschaftlicht n umzugestalten, mit Hilfe des jüdischen Freihändlers dm fest umrissenen Rechten der- Zünfte und Gewerke Ai- Jbruch zu tun, durch die offene Konkurrenz/das gewer aliche Leben auf gesunderen Boden zu stel len, batte *r schon im J ahre 1650 die Privilegien der alten jüdisch« n Gemeinden in Kleve-Mark, Minden und Halberstadt erneuert und erweitert, in den bisher judenf reien Proyi izen Ostpreußen und Pommern neue jüdische Kolonit n begründet, den Leibzoll aufgehoben uiid allen jüdischen Untertanen das Recht zu kaufen und zu verkaufen und den Besitz offener Läden und Buden gewahrt. In der Absicht die Frankfurter Messen neu;:u beleben, den Handel mit Polen und Rußland zu erweitern. die Verkehrsfreiheit zwischen Pommern, Brandenburg und den mittleren Provinzen zu fördern, machte er. jetzt den Versuch, die Wiener und Österreicher Juden in der Mark Brandenburg anzusiedeln, trotzdem den märkischen fänden Vor hundert Jahren das feierliche Versprechen gegeben worden war, dgß auf „ewige Zeiten“ kein Jude mehr ijn der Mark Brandenburg geduldet werden solle. J So . erging am 19, April 1670 an de ri Wiener Gesandten Andreas Neumann ein Reskript, n .an sei genei jt, 40 bis 50 österreichische Judenfamilien, 's«»fern es reiclie und wohlhabende Leute seien, die ihre Mittel ins Lanl bringen und hier anlegen wollten, in der Mark Brandenburg aufzunehmen. Über die einzelnen Verhandlungen des Residenten, der mit dem JudenrichteV und den Var* Stehern der Wiener Gemeinde sofort in Verbindung trat,“ sind wir nicht unterrichtet.. Es geht nur aus den Akten hervor, daß drei Abgesandte der Österreicher, Hirscbel Lazarus, Benedikt Veit und Abraham Rieß in Berl in erschienen, um dort anzufragen, an Welchen Orten c er Monarchie sie sich niederlassen dürften und Privilegien, wie sie die Klevener und Mindener Juden besaßen, für die Wiener Juden zu erbitten. Auf B “fehl des Kurfürsten verhandelten die Geheimen Rätd selbst mit den jüdischen Abgesandten. Die Verhandlungen verliefen friedlich. Alan kam sich auf beiden Seiten weit entgegen. Den Vorschlag der Minister freilich, wj-üse Felder zu bestellen iman hat hier offenbar an das Beispiel der H alländer gedacht, die damals durch Austrocknen van Sümpfen und, Morästen, durch Bearbeitung des Bodens, durch die Anlage von Gärtnereien und Milchwirtsch iften die berühmten Kolonien Crammen, Liebenwalde und Oranienburg-gründeten), schlugen die Abgesandten : h, da sie sich besser atff den Handel verstanden. Dageg?n erklärten sie sich mit der Höhe der verjüngten Abgaben einverstanden, während man ihnen ihie Bitte, Häusjer kaufen oder mieten zu dürfen, gewähr)«, Menschen im Lande, die Notwendigkeit, zu beleben, das betonten die Ministei achten an den Fürsten über die Unterrec iung, ließe ihn;n die Aufnahme der Juden als unbedin 5t notwendig er- Der Mangel in die Kommerzi?n in ihrem Gut-