Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1933
- Issue
- Nr. 9 - Oktober (10.1933)
- Date
- 1933-10-01
- Page
- Seite 96 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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des Volkes zur raschen Auflösung zu bringen. In der Tat waren auch die aus d^ni Nordreich Samaria anderthalb Jahrhunderte frühei) (722) Fortgeführten spurlos untergegangen. Aber dazwischen lagen jetzt 150 Jahre d£r Prophetie, lebendigster geistiger “Entwicklung, ungeheurer Vertiefung der religiösen und sittlichen Ideen. Jesaja, 'Micha, Zephanja. Jeremia hatten nicht umsonst "gelebt und gelitten. Xotjd-Israel ging unter, weil es nicht genug geistiges Eig^ngut in die \ erbannung mitzunehmen hatte; für Judal aber führte das babylonische' Exil nicht zum Tode, sondern zur Neugehurt, weil ein reiches eigenes Gedankengut ihm ein starkes, frisch pulsierendes jüdisches Lebenj sicherte. Das entscheidende Erlebnis des Exils — lag vor dem Exil. Es war die große religiöse Reform des Königs Josia. die sich aii die. Auffindung des Gesetzbuches im Jahre 622 anschloß. Der Grundgedanke dieser Reform war die Austilgung aller Reste kanaanäischen Heidentums aus dem relijgiösen Leben Judas. Darum entschloß sich Josia, konsequent" bis" zum Letzten, alle Kultstätten im Lande i_Blamot”^ zu schließen und den Opferdienst allein am Tempel von Jerusalem zu konzentrieren, damit hier, unter seiner und der Priester Aufsicht, ein reiner Dieqst des Gottes Israels seine Matte finde. Diese für das religiös*- Leben des ganzen Landes umwälzende Neuordnung hatte weittragende Folgen. Zunächst die voll Josia niclit gewollte und nicht vorlier- "cschene. daß die Priestei-sehaft von Jerusalem die absolute Führerschaft des Volkes erhielt, daß mit dem Verschwinden aller lokalen Heiligtümer der Tempel Mittelpunkt .und Symbol des ganzen Volkslebens wurde, und daß der Dienst am Tempel — mindestens in der Anschauung der Priestersbhaft — der einzige Weg zu Gott wurde. Am reinste^ verkörperte sich diese Entwicklung im Wirken des i Priesters Jecheskel aus Jeru- >alem. der mit dem König. Jojaehin zur ersten Gola gehörte. Noch tiefergreifthul ajter waren die Folgen für das Landvolk draußen. Der Bduer und Hirte draußen waren von der erdnahen Verknüpfung mit den zahlreichen Heiligtümern losgerissen, und der Kult von Jerusalem hot, keinen Ersatz dafür. Selbst wenn der jüdische Bauer dreimal im Jahr 211 den W allfahrtsopfern nach Jerusalem kam — und das war nur den W enigsten möglich-—. so genügte das dojeh^in keiner W eise dem tiefen religiösen Drang eines \ o|kis, »las durch die Schule der Prophetie gegangen war. Das Volk suchte einen neuen W eg zu Gott, unabhängig von Kult, Opfer und Priestergesetz, und cp fand ihn in einer neuen, vertieften Frömmigkeit. die in Gotteswojt. Sittlichkeit und Gebot wurzelte. ■ Es löste sicj» innerlich vom Kultus los. Auch diese Entwicklung war von Josia nicht gewollt und nicht vora^gesehen, und sie fand ihren reinsten Ausdruck in delr gewaltigen Persönlichkeit des Landpriesters Jeremia aiis Anatot. Als nun der Staat zerfiel, und der Tempel sank, war das Volk, das ins Exil zog, nicht hilflos einem blüulwütenden Schicksal reisgegeben. Es fand dieses Schicksal in den Büchern der Propheten seit zweihundert 'jahren verkündet, und es nahm dieses Schicksal als Strafe für die Sünden der Väter auf sich, ptrafe aber sühnt und kann zu Ende gehen,‘Abfall von Gott durch Rückkehr zu Gqtt ausgetilgt werden. So gesehen, wurde das nationale Unglüek zur Prüfung, die Verzweiflung zur Hoffnung. In diesem Gedanken schlossen sieh die Juden des Exils eng zusammen und . blieben eine \ olksgemoinschaft, auch ohne Land und Tempel. Die Davididen blieben die Führer, die „Ältesten“ die Vorsteher, die Propheten und Priester die Lehrer der Gemeinden. Die Tradition wurde als kostbares Gut gepflegt, in die^Stelle des Opfers trat das Gebet, an die Stelle des Entsühnung die innere Umkehr, an die Stelle der Strafdrohung dit; Seelsorge für den Einzelnen. über allem stand ein Ziel: die Rückkehr, die Heimkehr der - Schwergeprüften uiid Geläuterten zu einem neuen Leben auf heimatlicher Scholle. Al i die Umwäl zung der W;elt durch Kyros, den Perser, dies- Möglichkeit näher rückte, komite der große Tröster des Exils, den wir den Zweiten Jesaja nennen, seinem Volke zurufen: „Tröstet, tröstet mein Volk! spricht euer Gott; — erfüllt ist sein Dienst, gesühnt seine Schuld, empfangen hat es aus der Hand des Herrn doppelte Strafe für all seine Sünden!“ * 1 ' Die Rückkehr im Jahre 538 erfaßte ein innerlich erstarktes und wohlvorbereitetes Volk. Über 42 000 Menschen schlossen sich der gewaltigen Bewegung 1 an, mindestens einjDrittel der inzwischen durch natürliche Vermehrung und durch die Reste der noidisraelitischen Verbannten verstärkten Gola. „Und die zurüekbliebeii, stärkten die Hände der W andernden.“ Aber der Neuanfang war furchtbar schwer. Zwar wurde sofort der Opferaltar auf deiyi Tempelplatz, wenige Jahre darauf der Tempel selbst;wiedererrichtet. Aber zu den natürlichen Schwierigkeiten der NeukoloJ nisation in dem halbverwüsteten Lande traten schwere innere Hemmnisse. Die Rückkehrer w aren innerlich verwandelt, mehr eine religiöse Gemeind; als ein politischer Volkskörper. Die im Lande Zuiückgebliebenei dagegen, durch tausend Beziehungen Lebens und durch Verwandtschaft mit den Völkern verbunden, waren weit entfernt, 'von dei Idealen eines Gottesvolkes. Konflikte ergaben sich, besonders mit den Resten der Samarier, «li e den Anspruch erhoben, dem neuen Volk-Israel zugerechnet zu werden Das Schwergewicht der materiellen Interessen zog allmählich auch viele der Rückkehrer in die Kreise de s halbheidnischen Mischvolkes. W as das Exil nicht vermocht hatte, das drohte die heimische Erde zu vol bringen:/len Rückfall in religiöse Verwilderung und di: des tätlicher den umwohnen Einstampfung in Weltreichs. ein Völkergemisch des persische 1 96