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Der Orden Bne Briss · 1933-09-01 · Nr. 8 - September (9.1933) · p. Seite 88

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1933
Issue
Nr. 8 - September (9.1933)
Date
1933-09-01
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
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Lieder singt — immer dann stiegen die .schonen Bildet meiner eigenen Jugend in mir auf, Bilder, wie sie alle die erlebt haben, die in den kleinen Städten des Ostens Gelegenheit hatten, die poesiev ollen jüdischen religiösen Feste des1 Jahres mitzufejern. Diese Tage führteii die Alltagsiiienschen. aus ihren Kümmernissen und Sorjten immer wieder'hinauf zu .seeliseher Erhebung, zu d<jm Gefühl der Befreiung aus den Fesseln eines oft schworen Daseins. Jeder dieser Feiertage hatte seinen besonderen Charakter,-''seine eigene Stimmung, meist eine) ernste, nachdenkliche, hin und wieder durchleuchtete sie aber auch die Sonne des Frohsinns undder Heiterkeit. Zu diesen jjehürtd in erster Reihe das ChanukaCest, das, wie auch Mas einige .Monate später folgende Purimfest, so recht ein Fesjt der Jugend war. Der messingne oder silberne Chanukuleuchler mit den acht Armen und mit einem besondere^ für den zum Anzünden bestimmten „Schamines" wupde hertorgeholt und ton der .Mut- 1 ter blank geputzt. Jf)ie Kinder erhielten neue Kupferpfeunige, denn es wurde, während die Lichtlein brannten. am trauten Fantilientisehe teils mit \\ ürfeln, einem ..Trendelchen" oder mit Karten wirklich „auf Geld” gespielt. Aber wie allen jüdischen Festen fehlte auch diesem heiteren nicht die ernste Betrachtung. Die F'eier galt ja der Erinnerung, an eine dem jüdischen \ olke zuteil gewordene göttliche Gnade und ein himmlisches Wunder. Die tapferen Makkabäer hatten die F'einde aus dem Tempel in Jerusalem, den sie besetzt hatten, vertrieben, und der Inhalt eines dort Vorgefundenen Olkrügleinreichte r so wird berichtet acht Tage zur Beleuchtung des 'Tempels hin. Fän solches Siegesfest konnte das Judentüm nicht ohne frommen Aufblick zu seinem Gotte feiern, und so hörten auch wir den Gebeten iles Vaters andächtig zu, wenn er nach dem Anziindeii der Liebte feierlich sprach: „Diese Lichter zünden wir an wesen der vielfachen Rettung, der Zeichen und W under. die Du ausgeführt, für unsere Väter durch Deine heiligen Priester. Diese ganzen acht Tage hindurch sind diese Lichte heilig und wir dürfen uns iliref nicht bedienen zu gewöhnlichem Gebrauche, sondern sie nur sehen, uni Deinem Namen zu danken für Deine W iinderzcichen und Deine Rettung". Das von allen jubelnd gesungene „Moaus -zur jesehtiossi" beendete den zeremoniellen l eil der F'eier. Auch Purim, ist ein mit Fernst und Heiterkeit gemischtes F'est. Fä'zeigte in den kleinen Städten in-seinen alitieren F.rscheinungen ein wesentlich anderes Gesicht als in den grobe.» (Femeinden. Am .Vortag war „F!sthertanos" i F’asttag »jer Königin Esther i. an dem alle älteren FamilienmitL'lieiler fasteten. Abends wurden die „Megilla" i Das Buch Esther i feierlich verlesen, und so oft der verhabte \alme IJaman vorkam, gaben die J ungens durch Stampfen miit den Füßen »der andere ohrenbetäubende Geräusche ihrer (Genugtuung über das Fäule dieses „Rosche" lärmenden Ausdruck. — Ein toller F'aschingstrubel beherrschte die Jugend. In Maskenkostümen zogen diese Scharen mit Hailoh abends durch die Gassen mit in die Wohnungen der Gemeindemitglie ier, wo sie den traditionellen Purimerfrischuiigen: Naut, Hauiicn blasen, Krillerbsen und dergleichen freigebig bewirtet wurden. •— Arme Jungen drangen bettelnd in die Häuser ein und sangen: „Heute ist Purim — Morgen ist's aus. Schenkt mir "neu Dreier Und werft mich raus." Es gab wohl niemanden, auf den diese sonderbare Bitte keinen Eindruck gemacht hätte und der den kleinen Sängern einen Ohulus versagte. — Unerläßlich war für die W ohlhabenderen, Bekannten durch (jbiirscnduug eines *Schlachmones“ eine F'reude zu bereiten lind Arme durch Geschenke zu unterstützen. Den Höhepunkt aller bih ete in vielen Familien' die Aufführung eines Purimspiels, in welchem Achaschweroscli, Haman, Mofdechai und die Königin Esther die Hauptrollen spielten. Letztere wurde gewöhnlich von einem jungen Burschen in Damenkleidern, die sich nicht gerade durch besondere Fdcgiiiz und passenden Sitz auszeichneten, dargestellt, was na iirhch hei den Erwachsenen stürmischste Heiterkeit;iuslöste. Nach diesem Tage der Lustigkeit ibegannen aller ernstere F'ragen die Gemeindemitgliedeii besonders die rührigen Hausfrauen zu beschäftigen. [Es" galt \ 01 bereitungen für das bev erstellende Pessachfest zu treflen. Schon am Schusehan-Purim, dem auf di^ Purimfesttigc folgciqj^n Tage,' wurde die für das Osterfest wichtigste ■ Speise, die aus roten Rüben herzustell^nde „Börse lit“ in einem „gekascherten" F’ab angesetzt. 1 W ie'die vielen beim Osterfeste auf; etischfen Speisen eine symbolische Bedeutung hatten die „Chn.usses" den Lehm bezeichneten, in dem die Vorfahren in Ägypten gestampft hatten, das Bitterkraut die Bitter lis, die sie bei der F'ronarbeit empfanden usw. — so sollte auch die rote Borscht „das rote Meer“ bezeichnen, durch das die befreiten Juden hindurch;;czogcn waten. Außer der Herstellung der Borscht wir auch die 1er Mazzes rechtzeitig in Angriff zu nehmet. Man be sog sie in meiner Jugendzeit nicht aus auswärtigen Fabriken, sie w urden am Orte selbst von jüdischen Mazzebäck?rn hergestellt. Welch ein betäubendes Geräusch, wenn 1er dünn ausgewalzte Teig mit den'mit scharfen Spitzen v ersehenen Rädchen hin und her bearbeitet wurde zun Zwecke des leichteren Aufgehens im Backofen« F’ür Jie Ohren der anwesenden Kinder eine Sphärenmusik, Für ihre Augen eines der interessantesten Schauspiele! Alle .diese Vorbereitungen galten der strengen Durchführung der Vorschrift, acht Tage hindurch nichts Gesäuertes zu genießet/, und in traditioneller Form z vei ^Sederabende in feierlichster Weist abzulialten. Diese schönen Sederabehde in dem Heimatstädte ben! Da fersammelten lsich im Elternhause allfc Famil ienniitgliet er, meist auch die außerhalb wohnenden. Vor jedem st: nd ein weingefüllter Becher. Der jüngste Tischgencsse fragte sein „Ma nischtanu“ — —> oft mit zitternder Stimme und mit stockender deutscher Übersetzung lei 88

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