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Der Orden Bne Briss · 1933-09-01 · Nr. 8 - September (9.1933) · p. Seite 86

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1933
Issue
Nr. 8 - September (9.1933)
Date
1933-09-01
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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Arbeiten und Ruhen Von Rabbinet Dr. Max Wiener. . Der erste Satz der Bibel, daß Gott am Anfang die Welt geschaffen, und zwar aus dem Nichts gebildet, wird immer, paradox erscheinen. Er ist in der Tat so seltsam, daß ihm an Merkwürdigkeit nur jener andere, ihn ergänzende, gleich kommt, daß Gott am siebenten Tage nach Völlendung seines Schöpfungswerkes geruht und sich „erholt“ habe. t > Wir meiden hier nicht die philosophische Schwierigkeit, wie aus dem Nichts das Etwas wird, die unendliche Inhaltsfülle der reicliien bunten glitzernden Welt; auch nicht die religiöse oder theologische, daß Gott, der allmächtige übel-weltliche Geist, wie ein Mensch arbeitet, müde wird und sich verschnauft. Sondern wir denken daran, wie Werken und Ruhen dadurch, daß sie Gott beigelegt werden, in <Jie Sphäre des Heiligen, Erhabenen, Göttlichen emporgetragen werden; und zwar das Ruhen noch mehr als das Arbeiten, Denn es darf nicht mißverstanden werden: Bibel und Judentum ^wissen nichts von einer „Religion der Arbeit“. Das ist eine moderne Erfindung, die erst aufkam und sich verbreitete, als die ursprünglichen reli-* giösen Bindungen lockerer wurden und weltlich-allzuweltliche Jnteresseh die ganzem Breite der menschlichen Seele zu besetzen drohten. Wohl werden Segen und auch Ehre der Arbeit, zumal der körperlichen, von früh auf gewürdigt und gepriesen, der Fluch der Trägheit erkannt' und gefühlt. Aber* der Enthusiasmus des „rastlos“ leistenden Arbeitsmanues, wie er die jetzt vielleicht auch schon wieder untergehende Grundstimmung des modernen Europäers bildete, ist dem jüdischen — wie -wohl allem religiösen — feiste im Tiefsten fremd. Und wenn Juden in den letzte^ Generationen mit am sichtbarsten jenen Menschentyp des unermüdlich Schaffenden, Strebenden und nur in seiner Arbeit Glücklichen zur Darstellung brachten, wenn gerade sie das Tempo solchen Lebens gewaltig beschleunigten, so ist das ausschließlich die Frucht eines vpn außen andringenden Schicksals, nicht die Ausstrahlung inwendigen Wesenskemes. Doch gerade in der Abhebung von dieser Zeit und ihrem sie charakterisierenden Temperament verdient die Vergöttlichung jenes .Rhythmus von Schaffen und Feiern unser besonderes Nachdenken. -Der Sabbat hat, so sagt man, vor allem soziple Bedeutung. Und jedermann weiß ja. daß die Heilige Schrift bei seiner Einsetzung und Einschärfung auf die Schwachen und Abhängigen Rücksicht nahm, auf Knecht und Magd; auch Och» und Esel, dem gänzlich wehrlosen Geschöpf, sollte mit ihm eine Wohltat erwiesen v[erden. Aber wie klar, das ins Auge fällt und wie wichtig es istj es ist nicht ^11 es, vielleicht nicht einmal die Hauptsache. Der Mensch soll ruhen, weil Gott geruht hat; der Gott, den doch keine Arbeit müde, kein Schaffen erholungsbedüi-ftig machen kann. Und weiter: auch der Mensch soll feiern, den kein Werken müde gemacht hat, weil er an den Wochentagen nicht zu arbeiten brauchte oder eine Tätigkeit wedei suchte noch fand. Was ja nach alter Anschauung niemals als Sünde oder als Unglück angesehen ward. j Es geht nicht an, diese Allgemeinlgültigkeit mit dem formalen Charakter einer gesetzlichen Oninung zu erklären, die sozusagen aus pädagogischen oder technischen Gründen keine Ausnahme dulden kqnn. M^n soll sich auch davor hüten, sich durch die Kasuistik der Satzungen und Vorschriften, die ja schon, in der Thora ihren •Anfang nimmt, zu einer solchen rationalistischen Auffassung verführen zu lassen. Es har delt sich auch gar nicht darum, dem Gläubigen eine Freie Zeit für den Gottesdienst, für religiöse Einkehr oder kontemplative Besinnung zu gewähren. Von, dem dien weiß die alte Zeit wenig oder gar nichts. Die Ruhe war längst geboten, ehe man an ein Feiern, eine gottesdienstliche Begehung, die der Masse des Volkes auferlegt ward, gedacht hat. Daß man später am Sabbat das Gotteshaus besuchte, sich mit besonderer Vorliebe geistiger Arbeit hingab, zu der der Werktag keine Zeit ließ, daß man „lernte“ oder die Fortschritte seiner Kinder im „Lernen“ überwachte, das geschah, weil man an diesem Tage die Muße dafür besaß; nicht aber wurde dieser Tag eingesetzt,*dämit ihm solcher Inhalt und Sinn gegeben würde.. Bezeichnenderweise stuft das I 'eligionsgCsetz nach der Strenge der zu begehenden Arbeitsruhe <jhe Heiligkeit von Sabbat und Festtagen ab. Sabbat jund Jomkippur stehen an der Spitze, Roscli-ha-schana und die Wallfahrtsfeste gliedern «ich an, Chol-ha-mOed, Halbfeste, Neumonde schließen den Reigen. Denn das.Nichttun besitzt, ganz abgesehen, von der geistigen und geistlichen Tätigkeit, die geübt werden | darf oder gar soll, in sich seine Bedeutung, einen eigentümlichen Sinn, einen unmittelbar religiösen, «akraleli. Die heiligen Tage, gleichgültig, oh Sabbat oder Feste, | wollen unbeschadet von dem, was sie sonst seien oder enthalten mögen, den Menschen aus der Sphäre arbeitstiiglicher Bjetriebsamkeit völlig herauslösen. Die Kasuistik des Ruhegesetzes, so befremdlich, ja abstrus sie mit i iren tausendfältigen Einschnürungen manchem erscheinen mag, ist sinnhaft nichts anderes als ein rücksichtslos sr< Versuch, für den Menschen zu symbolisieren, was von Gott in dejr Heiligen Schrift gesagt wird.^^Nämlich daß er ausruhte von dem Werke, das er gemacht hatte. j So fern uns solche religiöse Formung lijegen mag, wir müssen doch sehen und anerkennen, daß hier mystische, von keinem rationalen Zwe :kstreben tu durchleuchtende Motive im Spiele sind. Sie waren| wirksam, als in. für uns undurchsichtigen 2 eiten der jSabbat in der Geschichte der jüdischen Religion auftanchte; sie zeugen — obwohl meist für das Bewußtsein yerschüttet — bis heute in der seelischen_Haltung,der gesetzestreuen Juden von ihrem geheimnisvollen Lrsprung foit. Bedeu- 86

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