Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1933
- Issue
- Nr. 7 - August (8.1933)
- Date
- 1933-08-01
- Page
- Seite 80 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1 1 " ’ Briefe an den O. B. B. Bne Briss-Gedanken zur gegenwärtigen Not jüdischer Künstl^ Br. Expräsident Moritz Werner, Frankfurt'«. Main, schreibt uns: Den Auftrag, an dieser Stelle der gegenwärtigen Not jüdischer Künstler zu gedenken, nehme ich um so bereitwilliger an. als ich mir stets klar darüber gewesen bin, welch starke Verpflichtungen gerade auf diesem Gebiete die Zugehörigkeit zom Orden in sich schließt. In der Tat hat in erster Linie der Wunsch, ein zu Beginn jeder unserer Sitzungen ausgesprochenes Gelöbnis nicht zur leeren Phrase werden zu lassen, schon vor Jahren zur Schaffung von besonderen Kunstäusschüssen in vielen einzelnen Logen und äuch hei der Großloge geführt. Von deren bisherigen praktischen Ergebnissen sei hier nur erwähnt, daß sich der Schwesternverhand das Bereitstellen von musikalischem, deklamatorischem und theatralischem Material für ernste und heitere Anlässe im Logenlehen angelegen sein ljeß, upd daß wir im Bereich der bildenden Kunst zu Wanderausstellungen gelangt vareh. die gerade in kleineren, der Vorzüge eines allgemeinen Kunstzentrums entbehrenden Logen Erfolg hatten. Wichtiger erscheint so manches Grundsätzliche, das dabei erreicht wurde. Erstlich erwies sich, wie angedeutet, dieses Tätigkeitsfeld als hespndfrs geeignet. Männer und tFrauen der Bne Briss-Kreise zu wirksamer Arbeit zu vereinigen- Ferner wurden, da es ja in unserer Mitgliederschaft beider JGeschlechter an Künstlern von Beruf und Berufung nicht fehlt, diese ihren Brüdern und Schwestern persönlich' näher gebracht. Zugleich ergab sich eine in jedem Betracht sehr erwünschte und für das moderne Alltagsleben sonst pur schwer zu erreichende unmittelbare Berührung zwischen Schaffenden und Genießenden, zwischen Produzenten und Konsumenten nach 'dem Sprachgebrauch der Wirtschaft, deren Berücksichtigung wahrem Künstlertum gewiß nicht notwendig Abbruch zu tun braucht, so wenig wie es für unseren Zweck auf die Unterscheidung von freier lind/änge wandt er oder Gebrauchskunst — früher hieß es Kunstgewerbe — ankommen kann. Das wesentlichste aber war und Fdeibt. daß wir mit dieser Kun«tpflege als Bne Briss nach den vielen, während der letztvergangenen Jahre leider immer nötiger gewordenen Ausnahmen wenigstens etwas von unserer idealen Ordensregel ..Nichts für uns. alles für andere“ haben retten können. Nie waren ja unsere Aufführungen und Ausstellungen allein auf das künstlerische Wirken der Brüder und Srhwestern beschränkt. Ihr Rahmen umspannte vielmehr alles, was durch den Autor oder den Darbietenden, mitunter auch nur dem Gegenstand nach in die gesamtjüdische Gemeinschaft gehörte. Dabei waren die .verantwortungsbewußten Künstler ans den Reihen der Bne Briss stets gewissenhaft darauf bedacht, gerade weil die gute Qualität selbstverständliches Erfordernisfür uns sein mußte, ihre nichtjüdischen Kollegen, an deren entsprechenden Veranstaltungen in der Öffentlichkeit sie als'GIeichberechtigte Anteil batten, durch,das in unserem geschlossenen Kreise Vorgeführte weder künstlerisch noch wirtschaftlich irgendwie zu benachteiligen. Demgegenüber ist fortan nicht nur dem jüdischen Nachwuchs die Ausübung der Kunst unendlich erschwert: es werden auch fteife nnd längst Bewährte innerhalb der künstlerischen Verbände zuriickgesetzt. in denen sie seit Jahren, oft an -führender Stelle, gestanden haben. Wie jüdische Vertreter der freien nnd angewandten Bildkunst zu öffentlichen Ausstellungen und Museen, so sollen nunmehr auch zu Bühne und Podium Juden als Schaffende nnd Reproduzierende nicht mehr unangefochten Zutritt haben. Um angesichts dieser Sachlage unsere Möglichkeiten einer Abhilfe durch bestimmte Beispiele anz identen, spräche man vielleicht am bequemsten zuerst von den Architekten. Denn mit diesem Hinweis läßt sich di: Pflicht des Ben Briss zur Betreuung jüdischer Kunst gerade zur Zeit einer uns Juden am allerschwersten treffend :n allge-1 meinen Wirtschaftsnot selbst denjenigen am ehesten einleuchtend machen, die nur allzu bereit sind, diesen Jmstand als Argument für die Überflüssigkeit alles nicht u ibedingt Lebensnotwendigen anzuführen. y Kennt doch fast j :der aus Erfahrung die Fälle, in denen eben aus der ökom mischen Zwangslage heraus — man denke etwa an Wohnungsteilungen — durch die Hinzuziehung eines Baukünstlerl (wobei gar manchmal in der nächsten Umgebung der Jude, ja der Bruder aus der eigenen Loge übersehen wird) mit den Bedürfnissen der Nützlichkeit zugleich dasjenige dei Schönheit am ehesten befriedigt würde. Doch wollen wir gar nicht, und zwar heute weniger als je den echt jüdischen Gedanken ausschalten,t der in dem französischen ..Le superflu, chose tres necessaire“ sine bekannte Formulierung gefunden hat. Wir erinnerj» daher mit besonderem Nachdruck an die Bildhauer, die Maler und die Graphiker. Nach wie vor gibt es bei Vereinen und Behörden wie im Kreise der Familie erni te upd heitere Jahrestage oder sonstige Veranlassung :n, sei es einzelnen, sei es ganzen Gruppen ^urch < in Andenken, eine Dedikatjon, ein Geschenk Auszeichnung oder Freude zu bereiten. Wäre nicht bei der Auswahl solcher Dinge gerade im Logenkreis besonders leicht der Irrtum zu beseitigen, daß etwa des Kostenpunktes weg^n heutzutage ein geschmackvoll hergestelltes Kissen, ein künstlerisch illustriertes Buch, eine Landschaft, in Radierung oder Aquarell, der Auftrag zu einem Porträt oder zu ei ter PJakefte gar nicht in Betracht kommen könnte? Habi>n nicht seit geraumer Zeit schon einige Logen mit Erfolg es sich zur Aufgabe gemacht, alljährlich beim Herannahen gewisser Feste des jüdischen Kalenders, für die das gegenseitige Sichbeschenken zur Tradition geworden ist, wie et »a Chanukkah oder die Herbstfeiertage, durch sogenannte Kunstmärkte ihren Brüdern und Schwestern eine in jede n Sinne zweckmäßige* Schau zu bieten Soll das jetzt aufheren. wo es gewiß uns allen schlecht geht, am schlechtesten iber den jüdischen Künstlern, denen mit einem Male die anderweitige Verwerttang ihrer Produktion so stark unterbunden ist? Gegenüber der Musik und den ihr näher verwandten darstellenden Künsten kann man die Logen ans ihrer auf diesen Gebieten jetzt ebenfalls doppelt und dreilach erhöhten Verantwortung wahrlich nicht entlassen. Au^h der jüdische Komponist, der nicht-arische Dirigent, Geiger und Pianist von Weltruf wird in Zukunft mit seinen Werken nicht mehr ift auf |^en öffentlichen Spielplänen von Oper und Konzert erscheinen. Besonders drängend ist die unmittelbare, Not. die durch Entlassung ton Orchestermusikern, von Bühnensängern upd Schau iptelern, durch Kündigung an Konservatorien, ja durch Disqualifizierung für den musikalischen und deklamatorischen Privatunterricht allenthalben unter Juden entstanden ist. Aber trotz der wahrscheinlich viel größeren Zahl der Betroffenen liegt hier der Weg zum Helfen für den Bne Briss-Orden doch offener vor Augen als bei de ■ bildenden Kunst. Einmal mag er mitunter sogar in I leineren Logen, wie eingangs berührt, schon durch etwas wie eine Tradition einigermaßen angebahnt sein. Ferner li ßt sich. 80