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Der Orden Bne Briss · 1933-08-01 · Nr. 7 - August (8.1933) · p. Seite 74

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Journal
Der Orden Bne Briss
Volume
1933
Issue
Nr. 7 - August (8.1933)
Date
1933-08-01
Page
Seite 74 (sequence 2)
Language
German
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Zeiten, in denen die Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ruhig, man möchte fast sagen, allzu ruhig sich vollzog, durften wir uns den Luxus leisten, uns in weltanschaulich, politisch und religiös differenzierte Gruppen aufzulösen. Heute, wo jedem Juden, der' nicht mit sich selbst und seiner Gemeinschaft Verstecken spielen will, klar geworden sein muß, daß die andern keinen Unterscliied zwischen Juden und Juden machen, nur den einen Juden kennen, dem ihr Ausschaltungswille gilt, heute rettet uns vor dem Untergänge nur die klare Erkenntnis, daß wir alle zusammengehören, daß es um das gemeinsame Schicksal aller, die Juden bleiben wollen, geht. Lassen wir uns nicht von den Wenigen verwirren, die aueh heute noch den Mut haben, sich außerhalb der gemeinsamen Front aller deutschen Juden zu stellen. „Lasset die Toten ihre Toten begraben!4* Unser, der deutschen Juden, die ihr gemeinsames jüdisches Schicksal klar erkannt haben, Platz ist dort, wo jüdische Menschen unter der Führung der Besten des deutschen- Judentums ans erk gehen, durch Hilfe und Aufbau das Schicksal der deutschen Juden neu zu gestalten. Ich weiß, daß an den Stegen und Zielen derer, die die Leitung der Geschicke des deutschen Judentums in Vertretungen und Ausschüssen in die Hand genommen haben, von vielen unter uns Kritik geübt wird. Ich bin von dieser Kritik nicht frei; auch ich vermisse in vielem, was geschieht, den 'S illen und die Fähigkeit sich von vertrauten, aller überlebten Anschauungen frei zu machen, und bei vielem, was noch immer unterlassen wird, den Xi agemut und die Entschlußkraft. die von dieser Zeit geboten werden. Aber vergessen wir doch eines nicht: jene, die ims führen, sind die Exponenten unseres. XX ollens und unserer Zielklarheit. Wenn wir, die X ieleu. die klare Erkenntnis des Weges, der vor uns liegt, haben, wenn wir, die (Geführten, entschlossen sind, diesen einon Weg, den Weg der Selbstbehauptung; zu gehen und für ihn alle .unsere geistigen, moralischen und materiellen Kräfte einzusetzen. dann wird, dann .muß die Führung der deutschen Judenheit diesen einen eg uns führen. Es ist ein Großes, ein Erhebendes in dieser ► Zeit lastender Sorge und Unruhe, daß sich die Kräfte aller Richtungen der deutschen Judenheit zu einheitlicher Führung, zu gemeinsamer Gestaltung unseres. Schicksals zusammengefunden haben. .Es wird ein Größeres, es wird das Entscheidende sein, wenn die Massen des deutschen Judentums. von einem Willen getragen, hinter diese Füll rung treten, gesammelt mit ihr gehen oder wenn es seit, muß, wenn sie etwa versagt, sich vor sie stellen, ihr dei. XX eg des Handelns vorschreiben. Sammlung aller Kraft« < also ist und bleibt dgs Gebot der Stunde. Die Fundamente unseres. Lebens sind unterwühlt, fast schon zerstört. Nur die gesammelte Kraft aller kann und wird neue Fundamente für den Aufbau, wie immer er amsehen, wo immer er für viele von uns erfolgen maj, legen. Sammlung tut not! Wir müssen und wierden uis, den Blick auf das eine Ziel gerichtet, das Selpstbehai ptung und Neuaufbau des deutschen Judentums heißt, sammeln. Aber die Menschen, die wir zur I Sammli ng auf rufen, werden uns nicht folgen, wenn wir ihnen ni -ht klar ünd eindeutig sagen, von wo wir das Recht 1er Judenheit auf ihre Selbstbehauptung, auf ihren Furtbestand herleiten. Ich bin in diesen Wochen der m iteriellen und seelischen Not immer wieder Juden begegnet, die mich gefragt haben, wofür sie eigentlich das schreckliche Judenschicksal miterleiden, gefragt hab;n, ob d um Judentum ein Wert an sicli, ein so hoher Wert sei, laß seine Erhaltung, das Ertragen all der seelischen lind materiellen Not dieser Zeit lohne. Ich will die falsche Fragestellung, die sich in solchen \ußeruti gen kundtut, polemisieren, aber eines macht sie nicht ge gen doch klar: die unverzeihliche Sünde, die zwei Generationen hindurch von Eltern und Erziehern an den jüdischen Menschen begangen worden ist. Man hat den jüdischen Menschen ins Judentum hineingestellt, h it ihm den Willen zur Selbstbehauptung seiner Gemein Schaft ge predigt, hat ihm aber nicht oder zu wenig vorn den 1 rten des Judentums mit auf den Weg fies Lebens gegeben, hat ihn nicht oder zu wenig gelehrt, was der wahre Inhalt seines Judeseins, Was jüdische Geistesart ist. Das Resultat ist erschütternd in einem Zweifachen: jüd sehe Menschen leiden, leiden uni so mehr,-und das ist das Zweite — weil sie in völliger Unkenntnis jüdischen Wesens dieses nur in dem verzerrten Bild« zu sehei i imstande sind, das gerade von den dem Judentum ’ öllig Entfremdeten, den Entwurzelten und nirgends tief Verwurzelten geprägt und das das Objekt der Gegnerschaft, der Judenfeindschaft schlechthin geworden ist. Man hängt uns heute als die Prototypen jüdischer Geis esart gerade diejenigen Menschen an die Rpckschöße^dit vielleicht gerade noch dem Namen, der Abstammung nach J uden sind, die aber in Wirklichkeit vom w ahren X > esen des J udentums nie einen Hauch verspürt, jede ä ißere und innere Bindung an unsre» Gemeinschaft und W?sensart aufgegebeirhatten und eben darum, weil sie nir jends echt und tief verbunden waren, zu „Fermenten der Dekomposition44 geworden sind. Das Judentum als Geistesrichtung, als die besondere Lebensanschauung und -haltung einer Sondergruppe von Menschen hat m t der Wesensart dieser nur äußerlich zu uns gehörenden Menschen nichts zu tun. Das wahre J udentum, di; uns J uden gemäße Art zu denken, zu fühlen und zu handeln, ist vielmehr das, was in tausenden vjon literarischen Dokumenten, von der Bibel bis zu Hermjann Cohen und ChajimNachman Bialik, gedacht, gedichtet und gesungen, seinen Niederschlag ^gefunden hat und von Millionen jüdischen Menschen4 in einem Leben «1er Arbeii, der Liebe und Hingabe gelebt worden ist. Dieses Judentum gilt es zu erkennen, zu erfassen und uns zu eig :n zu machen, wenn wir unserem Judesein und Judeh eiben einen Sinn, den Sinn, der allein unseren Willen zur

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