Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1933
- Issue
- Nr. 6 - Juni (6.1933)
- Date
- 1933-06-01
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Fahrwasser gleiten. Man kann heute bereits feststellen, daß in diesem zweiten Stadium der nationalen Revolution in Deutschland sich die Lage unserer Kinder geklärt hat. Der ruhiger Denkende hat Recht behalten. Es ist heute gewiß, — man muß das ausdrücklich hervorhebeni — daß man sich bemüht, dem jüdischen Schüler seine im Augenblick'schwierige seelische Lage nach vielen Richtungen zu erleichtern. Sichtlich ist zumeist das Bemühen, es ihn nicht fühlen zu lassen, daß er ein Schüler minderen Rechtes ist. Gewiß, manche Bestimmungen können hart erscheinen, aber ihre Härte wird dem jungen Menschen auf der andern Seite auch das Bewußtsein geben, daß er sich einzuordnen und zu fügen hat. Hier und da ist beispielsweise die Bestimmung getroffen worden. daß nur arische Schüler Vertrauensschüler werden dürfen. Vielleicht mag es dem einen oder dem andern Schüler sehr schmerzlich gewesen sein, daß er eip so kleines, ihm aber lieb gewordenes Amt nicht mehr bekleiden dürfe. Aber auf der andern Seite konnte 'man auch beobachten, mit welchem Emst strengster Unparteilichkeit nun. die gewählten Vertrauensschüler sich bemühten, die Interessen aller ihrer Mitschüler zu vertreten und ihr Amt unparteilich auszuüben. Mag sein, daß dies nur eine' Kleinigkeit ist. aber in solchen Zeiten sind gerade derartige kleinen Züge Beweise für das Bilden einer neuen Gesinnung. Man darf hinzusetzen, daß auch die Lehrerschaft durchau# von dem gleichen Gedanken beseelt ist. Sie wird auch dort, wo sie sich den Idealen des neuen Staates zugewendet hat, es keinesfalls an Ritterlichkeit und strengster Unparteilichkeit den Schülern gegenüber fehlen lassen. In diesem Punkte sollte man auch in unseren Kreiselt Vertrauen haben und ruhig abwarten, wie-die Dinge sich weiter entwickeln werden. * . * „Hat es einen Zweck, den Jungen, das Mädchen weiter auf eine höhere Schule gehen zu lassen, wo doch jede Berufsauseicht für ein späteres Fortkommen geschwunden zu Sein scheint?“ so hört man die Eltern heut oft fragen. - Darauf ist m. E. folgendes zu antworten: enn es sich um junge Menschen handelt, die knapp durchschnittlich begabt sind, so soll man nicht in den -Fehler verfallen, sieaus Prestigegründen weiter gehen zu lassen. Dann ist jede praktische Aushalsung jenseits der gesetzlichen Schulpflicht vorzuziehen.; Handelt es sich aber um wirklich begabte Meiischen, dann soll man sie keineswegs aus der Schule fortnehmen. sondern den \ erlauf der Entwicklung abwarten. Man kann ruhig zu ihnen das Zutrauen haben, jaß sie sich auch unter schwierigeren Verhältnissen als sie die vorige Generation durchzumachen hätte, behaupten werden. Die akademische Ausbildung bleibt für sip ‘ auch dann noch die beste, wenn es ihnen nicht möglich sein sollte, in Deutschland zu einer Existenz zu kommen. Aber wohl gemerkt und nochmals betont: nur für die wirklich Begabten. Gegen panikartige Abmeldungen, aus höheren Schu-' len ist aber noch ein weiteres anzuführen. Der junge Jude muß von dem Gefühl erfüllt »ein, eiten Posten, auf den er gestellt ist, keinesfalls aufzugeben, auch wenn er subjektiv glaubt, die eine oder andere Jnannehm-, lichkeit mit in den Kauf nehmen zu müssen. Eine gewisse Härte gegen sich selbst muß man auch von den jungen Menschen verlangen können. Für übermäßige Empfindsamkeit hat die jetzige Zeit keinen Raum.' Hier muß dem jungen Juden die Geschichte seüies eigenen Volkes die große Lehrmeisterin sein. Wenn lieute unter dem Zwange äußerer Umstände unser altgebpiligtes Familienleben vielleicht stärker wieder emporblüht, so wird dies gerade den jüdischen Schüler das Gleichmaß der Seele gjeben, das er braucht, um seiner Arbeit im Kreise seiner Mitschüler nachgehen zu können. Es war recht interessant zu beobachten,;wie ganz verschieden die jungen jüdischen Menschen! auf diese Zeit reagiert hatten. Diejenigen, welche |ein I gefestigtes Judentum in sich trugen, ob dies nun religiös |oder national begründet war, haben die Erschütterung;n lerchter ertragen. Am schwersten sind die getroffen; die von ihrem Judentum am wenigsten wußten, und denen es vielleicht erst zum Bewußtsein gekommen ist, als man sic daran erinnerte. Wenn in den Großgemeinden ein schon bestehendes jüdisches Schulwesen weiter ausgebaut wird, Soweit dies die gesetzlichen Bestimmungen zulassen, sh ist dies sicherlich zu begrüßen. Trotzdem aberf wiifd bei der Zerstreuung der Juden über alle Teile des Reiches der Besuch öffentlicher Schulen weiter geboten j und möglich sein. | Selbstverständlich wird auch wie in alljen Fragen unseres gegenwärtigen Daseins außerordentlich viel von dem Takt des Einzelnen abhängen. Das Untejnrdnen in die .Schulgemeinschaft wird manchem, dpr bisher in ihr eine beherrschende Rolle gespielt hat, niclp so ganz leicht fallen. Mancher war gewöhnt, sich willig zu beherrschen, sich leicht über Kleinigkeiten zu beschweren, Dinge, die er zweifellos heut unterlassen, wird. Dagegen wird er sein eigenes Verhalten strenger auf seine Richtigkeit zu kontrollieren haben. Ich möchte an den Schluß dieser Ausführungen die aus den Erfahrungen an einer gleichmäßig gemischt zusammengesetzten Anstalt gewonnen wurden, folgendes kleine Erlebnis setzen, das mir charakteristisch zu sein scheint, wie auch aus solchen Zeiten für unsre Gemeinschaft Gutes emporwachsen kann, wenn wir uns selbst in Zucht nehmen. Ein Quartaner kam fast itäglich zu spät in die Schule. Keinerlei Mittel halfen. Weder gütliches Zureden, noch irgendwelche Schnlstrafin. Wurde er vom Elternhaus rechtzeitig in die Straßenbahn ge- 68