Der Orden Bne Briss
- Journal
- Der Orden Bne Briss
- Volume
- 1933
- Issue
- Nr. 5 - Mai (5.1933)
- Date
- 1933-05-01
- Page
- Seite 57 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/6727475-6029207-6074882--2959-4869527- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
arbeitet auf ihr und.lebt durch « in den Zusar imenhang der Natter. Diese Tendenzen haben sich in den letzten 8 Jahren merklich verstärkt; die deutsche Volkszählung Juni 1933 wird ein erschütterndes Bild I der Verstädterung und gleichzeitig des Geburtenmangels, des Sterbeüberschpsses und der Vergreisung der deutschen Juden heit, also des vollständigen Zusammenbruchs der jüdischen Bevölkerungsentwicklung von innen heraus ergehen. Wie sich in diesen Zentrjen die Erwerbsbetätigung der deutschen Juden in den letzten Jahren und Jahrzehnten abspielt, ist von den schon erwähnten?Autoren oft und eindringlich dargestellt worden. Im" Handel, Bekleidungsgewerbe, in den! freien Berufen und im Gesundheitswesen sind in den Großstädten etwa 80% aller erwerbstätigen Juden beschäftigt, während die Quote bei der übrigen Bevölkerung nur ca. 37% betragt. Auch ohne statistische Tabellen ist uns diese berufliche Gliederung >n den letzten Monaten aufs nachdrücklichste eingeschärft worden. Auffallend ist übrigens, daß sich die gleichen Tendenzen der Bevölkerungsbilanz, der Urbanisierung und Benifsgliedemng auch schon im Osten geltend machen. Der Jude in der Großstadt hat zunächst einmal gemeinsame Züge mit dem Großstädter überhaupt. Alle die Vorteile und Nachteile deg Großstadtentwicklung, an denen die Gesamtbevölkerung teil hat, treffen auch'ihn. Wir haben im Jahr 1930 für Deutschland einen sehr instruktiven Bericht des Reiphswirtschafts-Enquete-Aus- Schusses (Ausschuß zur Untersuchung der Erzeugungs¬ und Absatzbedingungen der deutschen Wirtschaft) über «hfs Wirtschaftsleben der 161 größten deutschen Städte, also der Hauptansammlungss^ätten der deutschen Juden, bekommen. Daraus ergeben i sich die besonderen Seiten — Vorteile und 'Nachteile —jder Großstadtentwicklung mit vollkommener Deutlichkeit. Die Bedrohung der Volkskraft infolge der Geburtenbeschränkung wurde schon berührt, die biologiscli-sozialwissenschaftliche Andersbewertung der Kleinhalt ing der Familie soll hier beiseite bleiben; es soll vor allem hier ununtersucht bleiben, ob die -rund 85 Millionen Einwohner, die bei einem unterbrechungslosen j Anwachsen der deutschen Reichsbevölkerung im Tempo der Jahrhundertwende heute in Deutschland leben würden, einen höheren Grad der materiellen und geistigein Kultur aufwiesen als die 64 Millionen von heute; uiid vollends sei hier jedes I^achrechnen darüber ausgeschaltet, was heute das Los einer zwei- oder dreimal so j starken Judenheit im .deutschen Raum wäre. Die Urbanisierung und| Metropolisierung hat die Juden größtenteils — vor a^lem in Deutschland — um die vielfach' wohltätige „Volksnähe“ gebracht, wobei für „Volk“ der zuletzt VjOn Romjano Guardini („Der -Mensch und der Glaube“ 1933) beschriebene — romantische — Begriff für Volk Verwendung finden mag: danach steht das Volk „iij Beziehung zu |en Elementen des Daseins“; „es ist mit der Erde verwachsen. Es gellt auf der Erde, zu denen er lieh vor sich selbst pie Es ist eingewoben in -den Gezeiten des Lichtes und Wachstums. Und es fühlt, vielleicht ohne % orte dafür : :u haben, das All in sei ner Einheit.“ Demgegenüber steht die Wurzellosigkeit des großstädtischen \ olkes, die „Abstraktheit“ oder „Verlorenheit“ derjenigen Schicliten davon, die wie lui den Juden beruflich in denol >en erwähnten Zwei gen tund Positionen zusammengedräiigt sind. Statt «ler| Ausbreitung aller auf die größte hie rhergehörige Grup.pe -- die,-„Angestellten“ —• bezüglichen inneren und äußeren Tatbestände, um die es hier geht, sei auf die beiden 'bedeutenden Monographien von Kracauer („Die .Angestellten“ Frankfurt a. M. 1930) und von Dreyfuß („tieruf und Ideologie der Angestellten“ München 1933) veiwi< sen. Noch spielt bei dem.Thema „Der Jude in der Großsiadt“ das eigentliche Proletariat, <lie großstädtische In lüstriearböiterschaft mit und ohne Beschäftigung nicht annähernd die Rolle Wie bei der n; cht-jtidischen Bevülkeiung. Dagegen wird auch bei den Juden derjenige Anteil unter ijhiicn von Jahr zu Jahr größer, die vön vorhin rein keinen Zugang in das geregelte Erwerbsleben gjefuiden haben: „Betrogene Jugend“, eine zusehends aiiscHwellende Masse von Jugendlichen iind jungen Leuten, die den viel geschilderten Schicksalen auf der Landstraße, in den Herbergen, Arbei slagem und politischen Formationen ansgesetzt sind. Die jüngeren Altersklassen der großstädtischen Juden intziehen sich heutje noch der genaueren Erfassung ihrer sozialen Lage, von dei inneren Tatsachen der Religiosität, des, politischen unc allgemeinen Welt- und Wunschb ldes in diesen Köp ’en -ganz zu schweigen. / i Die gegenwärtige ^Massen- und Dauerarbeitslosigkeit hat bis vor kurzem den großstädtischen deutschen Juden naturgemäß nicht so sehr getroffen and Verwandelt wie dio großstädtische Gesamtbevölkeitug mit ihren breiten Arbeiterschicb ten, bis ihn in jüngster.Zeit, das Schicksal mit verdoppelter Wucht im Gefolge der politischen1 Umwälzung schoi kartig traf. Die Fqlg:n sind heute noch nicht zu übersehen. Bis jetzt War es die [großartige spezifisch grol ^städtische Wirtschafts ■ und Kulturentfaltung, die für die bewegliche jüdisch« Art ein« bis in die neueste Zeit nicht unterbrochene magische Anziehungskraft hatte. Namentlich der modeln; Jude vermißte auf dem Land unc in der Provinz außcjr < 1er beruflichen Entfaltungsmögli« hkeit, besonders imj Handel und in den freien Berufen, die ,»Anregung“ im j Uten, ab:r auch im schlimmen Sinn dieses schillernd« n Wortes, für seine Kinder die besten un«l m«d«rnsten Ausbildungsmöglichkeiten i^id Schularten; Au to Wtid Radjo ersetzten ihm nicht'die Nähe von Theater, von Gesellsclu ift und sonstiger Ab sich jedenfalls i auf dem Land mehr als er zi ertragen meinte, si«|h in «ler Großsl adt, deren Luft ih K< inzerten, w« chslung. e i nt amer, besser cusagt. Es waren von jeher die Erregungsmc mente der Großstadt, lüchtete. Börne' Vorträgen, Er fühlte ajusgesetzter, selbst überlassen als 57